Wolf D. Prix beim Interview – mit Montecristo: „Die Zigarre der Revolution“,  sagt er.

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Österreich
05/08/2021

Architekt Wolf D. Prix: "Es entstehen grundhässliche, banale Gebäude"

Wolf D. Prix über den Verfall der visuellen Kultur und kleine Wohnungen als "Verbrechen an den Menschen".

"Fotografieren Sie nicht mich, fotografieren Sie das da", sagt Wolf D. Prix beim Interview in seinem Büro in Wien – und zeigt auf die großen Bilder seiner Bauwerke, die hinter ihm an der Wand hängen. Sie stehen in Asien, im arabischen Raum, in Übersee.

Mit Österreich geht der international renommierte Architekt und Mitbegründer von Coop Himmelb(l)au hingegen hart ins Gericht.

Selten sind die Menschen so oft, so lang und ohne Ziel durch die Stadt spaziert wie in der Krise...

Ob sie dabei etwas gesehen haben, ist eine andere Frage.

Haben sie nicht?

Kinder vielleicht, die meisten Erwachsenen wahrscheinlich nicht. Bei einem meiner letzten Besuche in den USA, wo gefühlt tausend Menschen auf der Straße unterwegs waren, hat nach meinem Empfinden eine Handvoll nicht aufs Handy geschaut. Das bringt mich zur neuen Architektur, die kommen wird. Man braucht nur noch einfache Kisten zu bauen, und die Menschen setzten sich ihre VR-Brillen auf und wählen aus – barocke Stadt, mittelalterliche Stadt oder moderne Stadt. Je nach Lust und Laune kann sich jeder die Fassaden anschauen, die er will. Gebaut muss gar nicht mehr werden. Was glauben Sie, wie glücklich die Investoren da sind.

Billig wird es, aber ist es das gleiche Erlebnis?

Wenn ich mir Neubauten ansehe, sehe ich bereits den Verfall der visuellen Kultur. Oft wird das auf zu wenig Geld geschoben, aber man meint den Profit. Wenn ich hinterfrage, warum bei Türschnallen gespart wird oder beim Geländer, dann kommt das Argument, dass die Baukosten zu hoch wären. Es stellt sich dann aber heraus, dass nicht die Architektur zu teuer ist. Preistreiber sind die Kosten für das Grundstück. Deshalb müssen leistbare Wohnungen immer kleiner werden. Das ist ein Verbrechen an den Menschen, nicht nur im Hinblick auf die nächste große Pandemie, die irgendwann kommen wird und uns alle zwingt, zu Hause auf engstem Raum zu leben, zu arbeiten und die größten Katastrophen über uns ergehen zu lassen. Wir Architekten können das nicht ändern, da ist die Politik gefordert.

 

Junge Architekten hätten resigniert und den Anspruch verloren, die Gesellschaft zu verändern – so lautet ein Vorwurf, den Sie unlängst geäußert haben.

Heute entstehen oft grundhässliche, banale Gebäude, das ist Wahnsinn. Das ist nicht allein Schuld der Architekten, denn sie müssen auch Aufträge annehmen, um zu überleben. Als Architekt wird man durch die unsichtbare Architektur – das sind Politik, falsche Ökonomie und unnötige Sachzwänge – so eingeengt, dass man sich fragt, ob man überhaupt noch in Wien bauen will. Das alles zu hinterfragen und zu ändern, das wäre eine Aufgabe der jungen Architekten.

Sobald über Bauprojekte gesprochen wird, geht es um Bauklassen, Bauhöhen, Widmungen. Ist dieses städtische Korsett zu eng?

Woher kommen diese tausend Normen eigentlich, die man beachten muss? Sozialer Wohnbau wäre sehr einfach, wenn wir neue Planungs- und Baumethoden entwickeln würden. Wir haben beispielsweise bereits mit Robotern gebaut. Statt mit 80 Mann acht Monate lang zu arbeiten, haben wir den sehr komplexen Teil eines Gebäudes mit acht Mann in nur einem Monat geschafft. Das war allerdings in China. Ich bin dann voller Begeisterung zurück nach Österreich. Aber hier geht das natürlich alles nicht. Unsere Gemütlichkeit ist eigentlich Trägheit.

Corona hat gezeigt, dass unsere Wohnungen nicht zum neuen Lebensstil passen. Sie sind zu klein, haben kein Arbeitszimmer, sind zu dunkel.

Dass alles zu klein ist, ist einen Aufschrei wert.

Wie muss heute eine gute Wohnung aussehen?

Groß, höher als 2,50 Meter und leer. Ohne Zimmereinteilung, der Bewohner soll sich die Wohnung selbst herrichten können. Mehr Lofts zu bauen, das wäre ein wesentlicher Entwicklungsschritt in einer Stadt. Und wir müssen uns überlegen, ob

wir die Wohnungen nicht besser nach Norden ausrichten sollen statt nach Süden. Wenn es in 15 Jahren bis zu 50 Grad plus haben wird, werden Sie wissen, was ich meine. Oder glauben Sie, dass unsere Politik mit ihrer Bürokratie die Klimakrise in den Griff kriegt? Ich nicht. Prinzipiell war in Wien der Wohnbau einst das Rückgrat der Stadtentwicklung. Es hat lange keine anderen wichtigen Bauten und Kulturbauten gegeben. Der Traum, das mentale Vorbild einer Stadt, war für die Wiener lange die Innenstadt. Deswegen hat es in Wien keine

Moderne gegeben, die konnte mit ihren weißen Häusern den Klimt nicht ersetzen. Auch über Hochhäuser als visuelle Markierungen in der Stadt wollte man lange nicht reden, das hat sich aber geändert.

Die Angst vor den Hochhäusern besteht noch. Sie werden an die Peripherie verbannt, als ferne Skyline.

Natürlich. Die Hochhäuser müssen weg – und die Stadt wird im Gegenzug ganz grün und schaut irgendwann aus wie ein Angerdorf im Burgenland. Eine Fehlentwicklung.

Woher rührt diese Angst?

Eigentlich ist das Hochhaus ein Archetyp, der die Menschheit seit jeher begleitet. Natürlich hat ein Hochhaus eine sexuelle Konnotation, es ist ein Zeichen der Macht und der Repräsentation. Das spüren die Menschen unbewusst. Dabei ist es schön, hoch oben zu wohnen.

Wenn ein Hochhaus gebaut wird, wird es gerne als Landmark tituliert. Wie viele Landmarks verträgt eine Zwei-Millionen-Stadt?

Viele. Es muss ja nicht gleich 100 Meter hoch sein. Identifizierbare Gebäude schaffen Identifikation. Merkbare Gebäude sind wichtig, gerade im sozialen Wohnbau. In den 20er- und 30er-Jahren wusste man das, aber man hat sich für die falsche Formensprache entschieden. Das sozialdemokratische Wien hat sich entschieden, verkappte Palais oder Burgen zu bauen. So wie den Karl-Marx-Hof, der mit seinen Gemeinschaftsräumen und Bildungseinrichtungen zwar fortschrittlich war, aber aussieht wie ein Castell.

Über das Projekt am Heumarkt in der Wiener Innenstadt wird derzeit gestritten. Wenn ich Sie richtig deute, dann hängen Sie nicht am Weltkulturerbe. Wer das historische Ensemble sehen will, der kann ja die VR-Brille aufsetzen.

Ja, weg damit. Ein schlechtes Projekt an einem guten Standort gibt immer Anlass zu einer Diskussion.

Mir wäre es lieber, wenn der Architekt ein spannenderes Projekt abgegeben

hätte, das selbstbewusst als Zeichen unserer weiteren Stadtentwicklung neben der Altstadt stehen könnte. Stattdessen streitet man über die lächerliche Höhe.

Warum ist man dafür nicht mutig genug in Österreich?

Planung hat etwas mit Ahnung

zu tun. Mit Vorausahnung. Zudem

verlangt eine gute Stadtplanung auch strategisches Denken. Österreich ist nicht berühmt dafür, das sieht man nicht zuletzt an den vielen verlorenen Schlachten der österreichischen Heere. Auch scheint man in vorauseilendem Gehorsam Angst zu haben, was die Leute über einen sagen könnten, wenn jemand sich etwas traut.

Die SPÖ hätte in Wien die Macht gehabt, sich das zu trauen.

Die Sozialdemokratie war einst eine treibende Kraft. Das Konzept von Licht, Luft und Bewegung in eine neue Bauordnung umzusetzen war eine grandiose Tat. Aber heute hat sie

die neuen Inhalte, mit denen man Politik machen kann, noch nicht ganz begriffen.

Besonders stolz ist die Wiener SPÖ auf die Seestadt Aspern.

Wo ist da ein See? Wo ist die Stadt? Sie meinen doch Lackendorf? Das Bemühen oder das Können ist dort nicht über das Mittelmaß hinaus gegangen. Die große Idee, das strategische Konzept einer Stadtentwicklung sehe ich nicht. Dort wohnen junge Menschen, die alles aus der Stadt konsumieren, aber dort nicht wohnen wollen, sondern lieber in einem Dorf – ohne zu ahnen, welche sozialen Zwänge das Leben im

Dorf mit sich bringt. Jetzt sind sie glücklich mit ihren kleinen Kindern. Aber wenn die Kinder erwachsen werden, werden sie nicht dort an der Lacke angeln. Sie werden in die Stadt fahren, ins Kino gehen und ins Bermudadreieck. Dort draußen sehe ich von dem strategischen Bemühen, ein Stadtleben zu ermöglichen, noch nichts, und da fehlt mir der Aufschrei junger Architekten.

Was erwarten Sie sich?

Die Jungen müssen sagen: „Ich will keinen Telefon-Sex, ich will richtigen Sex!“ Was ich damit meine? Junge Architekten sollen aufhören, alles am Bildschirm zu konzipieren und sich an alle Regeln und Normen zu halten. Das ist nach Erich Fromm eigentlich ein Zeichen von Todessehnsucht, wenn man Lebendigkeit an Maschinen delegiert. Nicht die Architektur oder die Stadt sind intelligent, sondern die Architekten, die sie planen. Mut braucht es wieder. Dafür müssen wir uns alle einsetzen.

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