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Kultur
05/07/2021

Zwischennutzungen sind mehr als ein Lückenfüller

Leerstände müssten nicht sein. Sie könnten Künstlern (leistbaren) Platz bieten – und das am besten langfristig.

von Marco Weise

Um Träume zu verwirklichen, braucht es manchmal vor allem eines: Platz. Der ist in vielen Städten aber meistens Mangelware, hart umkämpft und oft viel zu teuer. So auch in Wien. Wer (leistbare) Räume in zentrumsnahen Bezirken sucht, wird selten fündig. Und das, obwohl es eigentlich genügend Leerstand gibt. Teilweise ist er unsichtbar (Wohnungen), teilweise auf Augenhöhe und unangenehm sichtbar (Erdgeschoßzone). Denn die „toten Flächen“ wirken sich negativ auf das Grätzl, die dort (noch) wirtschaftenden Unternehmer und Bewohner aus. Denn wo kein Schaufensterlicht mehr leuchtet bzw. Räume mit Leben gefüllt werden, wird es schnell düster und unattraktiv. Das Problem ist Experten zwar längst bekannt – politisch wahrgenommen wird es in Wien aber erst seit wenigen Jahren.

2016 setzte die rot-grüne Stadtregierung einen ersten Schritt und installierte mit „Kreative Räume Wien“ eine Servicestelle für Leerstandsaktivierung und Zwischennutzung. Uli Fries, aktueller Geschäftsführer von „Kreative Räume Wien“, sieht im Leerstand eine Ressource, die es zu heben gilt. „Es braucht dringend ein Umdenken, was die Nutzung der Erdgeschoßzone betrifft. Leerstehende Geschäftslokale sind großartige Potenzialflächen für Kunst und Kultur“, sagt Fries.

Vorteile

Mittlerweile gibt es in Wien bereits einige gelungene Beispiele für Zwischennutzungen und Leerstandsbespielungen. Dazu zählt auch die von Stella Reinhold-Rudas und Emanuel Rudas ins Leben gerufene „Leerstand Gallery“. Konzipiert und umgesetzt wurde die erste Ausstellung im ersten Corona-Lockdown (April 2020) in einer verwaisten Libro-Filiale in der Praterstraße. Wesentlich für die Errichtung dieser Pop-up-Galerie war die Bereitschaft des Immobilien-Eigentümers, der von der Idee sofort begeistert war und den beiden Initiatoren die 300 Quadratmeter zwischenzeitlich gegen wenig Geld zur Verfügung stellte.

„Wir haben uns ganz bewusst für das Konzept der Leerstandsnutzung entschieden, da es spannend ist, sich jedes Mal auf einen neuen Raum einzulassen. Die Architektur ist gewissermaßen Co-Kuratorin. Aber auch die Umgebung, das Grätzl, die Nachbarschaft fließt in den Kreationsprozess mit ein“, sagt Stella Reinhold-Rudas.

Derzeit geht die „Leerstand Gallery“ in die zweite Runde. Wieder wird ein ungenutztes Geschäftslokal in eine Pop-up-Galerie verwandelt. Diesmal ist man im 3. Bezirk zu Gast (mehr Infos siehe Kasten unten). „Die Bespielung von Leerstand ist eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Die Eigentümer freuen sich über eine Aufwertung ihrer Immobilie, der Bezirk über eine Belebung bzw. Verbesserung des Stadtbildes und wir uns über geringe Fixkosten“, erklärt Stella Reinhold-Rudas die Vorteile einer Zwischennutzung.

Vernetzung und Kritik

Mediale Aufmerksamkeit bekam zuletzt auch die Reaktivierung einer ehemaligen Industriehalle am ehemaligen Nordwestbahnhof in Wien-Brigittenau. Dort, wo einst ein Textilunternehmen residierte und später ein Getränkegroßhandel sein Lager hatte, prangt nun ein großer Schriftzug auf der Fassade: „New Art on Stage“. Er soll darauf hinweisen, dass sich hier das neue Zentrum für die freie Theater-, Tanz- und Performance-Szene befindet. Dafür wurde der Leerstand adaptiert und zur Theaterhalle umgebaut, inklusive Umkleiden, Tickethäuschen und Sanitäranlagen. Auf Initiative des seit Längerem heimatlosen Brut-Theaters und mit Unterstützung der Stadt Wien entstand eine kulturelle Zwischennutzung, die bis 2023 dauern wird, danach entsteht auf dem Areal ein neues Stadtentwicklungsgebiet. Neben dem Brut bieten die Räume auch Platz fürs WUK, das für die Sanierung des Haupthauses ebenfalls einen Ausweichort suchte, und die Wiener Festwochen.

Eigentümer gesucht

Die Vernetzung zwischen Eigentümern und den Zwischennutzern passierte auf Initiative der Agentur „Kreative Räume“. Kostenlos, denn man sei ja kein Makler, betont Uli Fries. „Wir vernetzen im Auftrag der Stadt Eigentümer mit kreativen Raumsuchenden, klären über Rahmenbedingungen auf und beraten bei rechtlichen Fragen.“ Fries nutzt das Gespräch dann auch für einen Aufruf. „Liebe Immobilieneigentümer, melden Sie sich bei uns, die Nachfrage nach Räumen ist groß.“

Bei all den positiven Effekten, die eine Zwischennutzung haben kann, sollte man sie aber auch kritisch betrachten: Problematisch sind Zwischennutzungen dann, „wenn das Ziel von vornherein darin besteht, mithilfe von Kunst und Kultur Aufwertungsprozesse zu initiieren, an deren Ende deren Verdrängung steht“, was leider oftmals der Fall ist. Aber alles ist besser als Leerstand.

Leerstand Gallery
Mit Arbeiten von u. a. Erwin Wurm, Jonathan Meese und  Xue Mu. Di. bis Sa. Beatrixgasse 27, 1030 Wien

Dessous 
Selbstverwaltetes Atelierhaus  mit Ausstellungsfläche im Erdgeschoß. Mitnutzung nach Vereinbarung und je nach Verfügbarkeit möglich. Geblergasse 101, 1170 Wien.

Kulturcafe Max
Der  Kulturverein Shizzle betreibt ein  leer stehendes Kaffeehaus. Aktuell: 
Schaufensterausstellung von Astrid Rothaug, Mariengasse 2, 1170 Wien.

Brut Nordwest
Im Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnhof entsteht in einer ehemaligen Industriehalle aktuell ein neues Zentrum für die freie Performance-, Tanz- und Theaterszene. Auf Initiative von brut und mit Unterstützung der Stadt Wien wird das zwischengenutzte Gelände als Performing Arts Areal entwickelt, in dem Brut mit der neuen Spielstätte Brut Nordwest, die freie Szene, die Wiener Festwochen und das WUK bis Ende 2023 ein neues Zentrum finden werden. Die Mischnutzung ermöglicht Austausch, Kooperationen und Synergien in der Kulturszene. Nordwestbahnstraße 8-10, 1200 Wien

Kreative Räume Wien
Service für Leerstandsaktivierung und Zwischennutzung.

 

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