Richy (mi.) betriebt ein Lokal im Wiener Bermuda Dreieck

© Kurier/Franz Gruber

Reportage
10/30/2019

Angst vor Rauchverbot: "Raus in die Kälte auf a Tschick?"

Die österreichische Beislkultur liegt in Sachen Rauchen in ihren letzten Zügen.

von Birgit Seiser, Jürgen Zahrl, Claudia Koglbauer-Schöll, Markus Foschum, Markus Strohmayer

Viele Wirte sind ernüchtert – im wahrsten Sinne des Wortes: „Na, wollen Sie denn da sitzen und ein Bier trinken und dann raus in die Kälte auf a Tschick? Da werden die meisten lieber zu Hause bleiben und ihr Bier trinken“, sagt Wirtin Manuela Molinas, als der KURIER sie in ihrem Lokal „Zur Lustigen“ in Wien-Penzing besucht.

Um 12.30 Uhr sitzen einige Stammgäste im Lokal, die gerade ihre Mittagspause mit einer Zigarette genießen. Dass ab Freitag dort nicht mehr geraucht werden darf, verdrängen die meisten noch. Die Wirtin ist jedenfalls besorgt: „Ich bin schon gespannt wie das wird, wenn einer sagt, er geht hinaus eine rauchen und dann einfach wegläuft ohne zu bezahlen. Auch wenn Gäste von anderen Lokalen vor meinem stehen und laut sind, bin ich schuld. Wie soll ich das denn kontrollieren? An das denkt die Politik nicht“, sagt Molinas, die ihr Beisl seit 19 Jahren betreibt. Essen wird hier keines serviert, auch Familien mit Kindern kämen nicht hierher.

Ähnlich ist die Situation rund zehn Kilometer weiter im Café Dublin in Favoriten in der Nähe der Hansson-Siedlung. „Bei uns ist das wie eine Familie. Es gibt in der Nähe keine Lokale, die Leute sind einsam und kommen her. Da rauchen sie eben gerne, wenn sie schnapsen oder Darts spielen oder tratschen“, sagt Chefin Grit Jakes, die noch weitere vier Pubs in Wien betreibt.

Schlechtes Datum

Ein anderes Problem für die Wirtin ist das Datum der Umstellung aufs Rauchverbot: „Alle Angestellten warten auf das Weihnachtsgeld und gerade jetzt werden wir mit Umsatzeinbußen rechnen müssen. Das ist wirklich nicht durchdacht.“ Verständnis hat die Wirtin hingegen für das Rauchverbot in Speiselokalen: „Dort sehe ich das Rauchverbot voll und ganz ein, aber bei uns gibt es nur Chips.“

Erst seit Jahresbeginn betreibt Roswitha Holzmann aus Stockerau das Tennisstüberl: „Wir haben uns mühsam einen Kundenstamm erarbeitet und jetzt das.“ Sie serviert einen weißen Spritzer. „Der Herr kommt jeden Tag vorbei, trinkt Gspritzte, raucht eine nach der anderen und geht am Abend wieder heim. Er hat niemanden mehr. Soll ich ihn in die Kälte setzen?“, fragt die Wirtin. Das Rauchverbot ohne Wenn und Aber ärgert sie. „In jedem anderen Land haben sie die Regelungen wieder gelockert, weil viele Lokale nicht überleben. Ich weiß noch nicht, wie ich das machen soll“, so Holzmann.

Im  Wiener Bermuda Dreieck beim Schwedenplatz betreibt Richy die gleichnamige Bar. Er fürchtet vor allem, dass die Studenten dann lieber daheim trinken werden. Er sagt, dass er vor der Bar auch keinen Aschenbecher anbringen dürfe, weil er dafür eine Genehmigung brauche. Wenn die Gäste vor der Türe zu laut werden, fürchtet er außerdem, dass sich Nachbarn beschweren werden und die Sperrstunde vorverlegt wird. „Wenn ich nur noch bis 22 Uhr offen haben darf, dann muss ich zusperren“, sagt Richy. Die Nachbarn würden sich auch jetzt schon oft genug beschweren.

Schlussstrich

Einen Schlussstrich zieht Michael Pichler aus Palt bei Krems. Er sperrt per 1. November sein Wirtshaus „Zur weißen Rose“ zu. „Wenn ich meine Gäste vor der Tür rauchen lassen muss, habe ich das Problem, dass durch die Lärmbelästigung meine Zimmergäste verärgert werden. Und dann bekomme ich vielleicht noch schlechte Bewertungen auf den Buchungsportalen. Das ist ein zu großes Risiko“, sagt Pichler. Am 31. Oktober wird er mit seinen Stammgästen noch eine „Raucherabschiedsparty“ feiern.

Dass es ohne Rauch aber doch gehen kann, zeigt Traiskirchen: Dort haben 15 von insgesamt 16 Heurigenbetrieben schon mit 1. März 2018 freiwillig ausgedämpft. „Wir sind froh, dass wir diesen Schritt gemacht haben“, sagt Weinbauvereinsobmann Robert Alphart. Zu Lokalen, wo Speisen angeboten werden, passe Rauch nicht mehr. Obwohl es anfangs nicht einfach gewesen sein, Stammgästen die Änderung zu erklären. Mittlerweile seien die Erfahrungen aber „zu 95 Prozent positiv.“

Burgenland

Seit dem Vorjahr haben Wolfgang Völk und seine Frau Maria in der mittelburgenländischen Ortschaft Unterpullendorf ein Gasthaus gepachtet. „Wir haben einiges in einen Nichtraucherbereich investiert“, sagt Völk. Dass jetzt ein allgemeines Rauchverbot herrschen soll, sieht er nicht ein. „Ich rauche selber und lass mir das nicht verbieten.“

Wenn die Gäste im Lokal nicht rauchen dürften, so ist der Wirt überzeugt, würden sie letztendlich ganz ausbleiben. „Ich habe einen Pachtvertrag für acht Jahre. Jetzt habe ich richtige Existenzängste.“ Aber Völk will sich nicht unterkriegen lassen und macht zwei Eingänge: „Der große Saal wird Privatbereich, da kann man rauchen. Es kann mir ja niemand verbieten, wen ich in meine Privaträume lasse.“ Ob das so einfach möglich ist, wird sich aber erst zeigen.

Clubs und Nachtlokale hatten bis zuletzt auf eine Ausnahmeregelung gehofft. Weil diese nicht kommt, finden von Halloween auf Allerheiligen im ganzen Land zahlreiche „Raucherpartys“ statt:

  1. Pup Happy4052 Freindorf, OÖ, Halloween-Raucherparty mit günstigen Getränken
  2. Gasthaus zum Hochschwab8621 Thörl, Steiermark Motto des Abends: „Do rauch ma no amoi alles voll & dann wird ausgemalt“
  3. Ybbserl Weinbar/Pub3370 Ybbs/Donau, NÖ, Gratis Zigaretten und Zigarren so lange der Vorrat reicht und Bacardi Cola um drei Euro
  4. Rathauskaffee Villach9500 Villach, Kärnten
  5. Bis Mitternacht darf ein letztes Mal „im ganzen  Kaffee“ geraucht werden Erste Opfer des Rauchverbots

In Wien hingegen haben bereits die ersten Lokale zugesperrt. Zu groß sind die befürchteten Umsatzeinbußen. Das jüngste Opfer des neuen Gesetzes ist die LGBTIQ-Institution Wiener Freiheit. Der Schwulen-, Lesben- und Transgender-Club in der Schönbrunner Straße in Wien-Margareten hat Angst vor einer Flut an Anzeigen, wenn Gäste künftig vor der Tür rauchen und lärmen. Das Pub Raymond's in der Stumpergasse in Wien-Mariahilf gab wegen ähnlicher Bedenken bereits am 11. November bekannt, zusperren zu wollen.

Rauchen im Winterschanigarten

Am 1. November hat es sich in Österreichs Lokalen ausgeraucht. Das Rauchverbot betrifft neben Raucherlokalen auch Mischbetriebe und 500 Shisha-Bars. Findige Unternehmer werden sich aber zu helfen wissen. Denn Terrassen oder Gastgärten sind vom Verbot ausgenommen. Diese können so gestaltet werden, dass sie Schutz vor Witterung und Kälte bieten.

Geschlossener Raum darf bei Umbauten  aber nicht entstehen, sonst ist mit Strafen zu rechnen. Problematisch wird es für Lokalbetreiber, die diesen Platz nicht haben. In Wien rechnet man damit, dass Winterschanigärten vermehrt nachgefragt werden. Diese bestehen lediglich aus zwei Stehtischen und müssen um 23 Uhr abgebaut werden. Ein Heizstrahler ist nach Genehmigung zulässig.

Hotels als Ausnahme

Von einer Ausnahme profitieren Hotels. Diese dürfen einen Raucherraum haben, solange kein Rauch in den öffentlichen Bereich gelangt. Urlaubsstimmung kommt dort aber nicht auf. In den Separees dürfen Speisen und Getränke weder verkauft, noch konsumiert werden. Der Grund für diese Ausnahme ist das Argument, dass die Hotelunterkunft als temporärer Ersatzwohnort dient. Damit muss eine Rauchmöglichkeit gegeben sein. Eine Regelung wie in Deutschland, wo Gastronomen das Verbot mit geschlossenen Veranstaltungen umgehen, wird es in Österreich nicht geben. Fraglich ist aber, wie mehr als 40.000 Lokale überprüft werden sollen.

Wenn Wirte gegen das Verbot verstoßen und erwischt werden, kann das teuer werden. 2.000 Euro Strafe werden wegen mangelnder Kennzeichnung verrechnet.

Rauchfreie Öffi-Stationen

Rauchfrei werden mit 1. November auch Wiens Bahnhöfe. Denn die ÖBB setzen künftig auf ein komplettes Rauchverbot, das auch die Bahnsteige umfasst. Die Zigarette beim Warten auf die Öffis kann somit ab November nur mehr bei Bim- und Bushaltestellen geraucht werden. Diese Bereiche gelten als  öffentlicher Raum. In U-Bahnstationen gilt ja schon sehr lange ein Rauchverbot.