„Jetzt spricht die Welt  über Afghanistan. Bald wird es niemanden mehr interessieren, was mit 
diesem Land geschieht“   

© Kurier/Gerhard Deutsch

Chronik Österreich
08/22/2021

"Afghanistan wird von der Welt vergessen werden"

Masomah Regl, Österreicherin mit afghanischen Wurzeln, erzählt von den Sorgen um ihre Familie unter der Herrschaft der Taliban.

von Barbara Mader

Ein Album mit Familienfotos. Fröhliche Kindergesichter, eine ganz normale Familie. Wären da nicht Sätze wie dieser: "Das ist mein Cousin. Er starb bei einer Bombenexplosion."

Masomah Regl, 35, Oberösterreicherin, lebt mit Mann Franz und Sohn Jakob in der Steiermark. Arbeitet als Dolmetscherin, spricht sieben Sprachen und hat wohl Glück gehabt.

Kann man aber von Glück sprechen, wenn man im afghanischen Kabul als Mädchen, als Halbwaise, in eine Familie der Hazara, einer seit Jahrhunderten verfolgten schiitischen Minderheit, hineingeboren wird? In bitterster Armut mit vier Geschwistern aufwächst und bei einem Raketenanschlag ein Bein verliert? Drei Familienmitglieder starben damals, sieben wurden verletzt. Eine deutsche Hilfsorganisation hat Masomahs Leben gerettet. Die Erinnerung ist lebendig. "Ich bin ohne Bein aufgewacht. Aber ich war ein Kind, ich habe im Moment gelebt und nicht viele Fragen gestellt. Nicht im Kopf und nicht im Herzen. Ich war sehr anpassungsfähig und habe das in Zukunft auch sein müssen."

Mit acht Jahren wird sie von österreichischen Eltern adoptiert, hat nun zwei Mamas. Eine in Oberösterreich, eine in Afghanistan. Mit der einen spricht sie oberösterreichischen Dialekt, mit der anderen afghanisches Dari.

Die Zurückgelassenen

Die Sorge um die Familie in Kabul prägt Masomahs Kinderleben. "Ich hab nie unbeschwert sein können in dieser kleinen österreichischen Welt." Und doch gibt es viele gute Momente. An den Wänden die Bilder von Familienausflügen und Reisen. Jakob, Franzi, Masomah, hier und jetzt in diesem kleinen Dorf, in diesem Haus in diesem gemütlichen Wohnzimmer, in dem die sanfte Unordnung einer Jungfamilie mit Kind herrscht. Jakob, eineinhalb, schläft, man hört ihn durch das Babyphone im Schlaf zufrieden seufzen. Draußen scheint die Sonne. Es sieht nach Glück hier aus.

Immer wieder wird das Gespräch unterbrochen von Videobotschaften, die ihr Bruder schickt: Kugelhagel auf den Straßen von Kabul. Die kurzen Videos sind Hilferufe der in Afghanistan Zurückgelassenen.

All ihre Gedanken kreisen darum, die Mutter, den Bruder und die Schwester mit ihrer Familie aus der Hölle der Taliban zu holen. Ihre Nichten und Neffen, nur wenig älter als ihr Sohn, sollen nicht unter dieser Schreckensherrschaft groß werden.

Die vermeintliche Verhandlungsbereitschaft der Taliban? Lügen. "Jetzt spricht die Welt über Afghanistan. Bald wird es niemanden mehr interessieren, was mit diesem Land geschieht. Es wird in Ruinen, Armut und Isolation verfallen und von der Welt vergessen werden." Die Taliban scheinen Kreide gefressen zu haben. "Sie haben rhetorisch dazu gelernt. Doch man darf ihnen nicht glauben. Das sind Terroristen, die unschuldige Menschen töten. Unsere Nachbarn in Kabul wurden am Dienstag erschossen – weil sie ihr Auto nicht hergeben wollten."

Die Verfolgung der ethischen Minderheiten, der Bürgerkrieg, die erste Schreckensherrschaft der Taliban, die bittere Armut. Und jetzt die Rückkehr des Mittelalters. Aber man bekommt keine Routine im Schrecken, im Leid und in der Sorge.

Was jetzt passiert, das hat sich abgezeichnet. Das große Erstaunen mancher macht wütend: "Alle haben es gewusst. Afghanische Medien predigen seit Jahren, dass die Taliban zurückkommen, sobald die Amerikaner gehen. Dass die afghanische Regierung korrupt ist. Jeder hat gewusst, was passieren wird. Allerdings haben sich nicht einmal die Afghanen vor Ort gedacht, dass es so schnell gehen wird. Es hat uns kalt erwischt."

Die Eliteafghanin

2018 hat Masomah Regl den Verein Fivestones gegründet, der das Zusammenleben von Migranten und Österreichern verbessern will. Sie weiß, dass man sie für eine Eliteafghanin hält, für nicht repräsentativ: "Ich bin eine Stimme für die Afghanen in Österreich. Was ich sage, ist nicht nur mein Denken, sondern aus vielen Gesprächen mit afghanischen Freunden entstanden. Ich bin seit meiner Kindheit hier, spreche Oberösterreichisch und kann Vieles besser formulieren. Viele Afghanen würden ihre Gedanken gerne jemandem erzählen, aber auch wenn sie gut Deutsch können, ist es schwer, über manches zu sprechen. Ich tue das für sie."

Ihren Verein Fivestones hat Masomah Regl nach einem in Afghanistan beliebten Geschicklichkeitsspiel mit fünf Steinen benannt. Fivestones ist eine Plattform für verschiedene Projekte, die das Zusammenleben von Migranten und Einheimischen verbessern wollen. Die fünf Steine stehen ffür die Werte des Vereines: Toleranz, Kreativität, Empathie, Engagement und Authentizität.

fivestones.at

www.facebook.com/FIVESTONES.at

youtube.com/channel/UCGB15I8fsGT-cUV_hLG6piw

twitter.com/FivestonesAt


 

 

Das Bild, das Österreicher von Afghanen haben, ist verheerend, sie weiß das. "Wir können nicht leugnen, dass viele Afghanen immer noch erschreckende Vorstellungen von Frauen- und Kinderrechten haben. Da gibt es viel zu tun. Aber das, was jetzt in Afghanistan passiert, ist das absolute Mittelalter. Das finden auch die Konservativen schrecklich. Sie wollen, dass ihre Frauen Kopftuch tragen, aber sie wollen keine Terrorristen im Land."

Afghanistan bedeutet für Masomah Regl vor allem Verantwortung. "Es ist ein Land, das ich am liebsten nicht in meinem Herzen tragen würde. Ich habe es mir nicht ausgesucht. Durch meine Herkunft habe ich Einblick in die ungeheure Ungerechtigkeit dieser Welt. Ich weiß, was Todesangst und bitterste Armut bedeuten."

Und wieder meldet sich das Babyphone, man hört, wie sich Jakob im Schlaf umdreht. Masomah spricht Dari, ihre Muttersprache, mit ihrem Sohn. Er soll wissen, dass sein österreichisches Leben nicht das einzige ist. Er soll Einblick in die Vielfalt der Welt haben.

Zahlen und Fakten

44.002 Menschen mit afghanischer Staatsangehörigkeit lebten zum Stichtag 1.1.2021 in Österreich. 28.646 davon sind Männer. 1.981 besitzen einen aufrechten Titel zum Daueraufenthalt (damit macht die Gruppe der Afghanen 0,91 Prozent aller Personen mit Daueraufenthaltstitel aus)  

Nummer 2 bei Asylanträgen
Mit 3.137 Asylanträgen lag Afghanistan 2020 an zweiter Stelle hinter Syrien (5.121)

5,1 Prozent aller ausländischen Tatverdächtigen sind Afghanen

298 Personen aus Afghanistan wurden 2020  eingebürgert

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