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Politik Ausland
08/21/2021

Taliban: Opium, Stammesrecht und die Liebe zu Pick-ups

Die Taliban wollen nach ihrem Eroberungsfeldzug ein „Islamisches Emirat Afghanistan“ errichten. Doch wer sind die schwer bewaffneten Kämpfer, woran glauben sie und was wollen sie?

von Valerie Krb

Es ist der 15. August, als die Talibankämpfer den Präsidentenpalast in Kabul betreten, ihre Kalaschnikows ablegen und verkünden: „Der Krieg in Afghanistan ist vorbei.“ Nach 20 Jahren haben sie die Macht in dem verarmten und kriegsgebeutelten Land wieder übernommen. Wer sind die militanten Islamisten, die einst mit brutaler Repression regierten und sich nun so gemäßigt geben?

Ideologie
1994 in afghanischen Flüchtlingslagern in Pakistan entstanden, ist die Ideologie der Taliban nicht mit jener anderer islamistischer Gruppierungen vergleichbar. Die Taliban sind keine Rechtsgelehrten, sondern kommen aus dem einfachen Volk. Ihre Weltanschauung ist eine puritanische Interpretation des sunnitischen Islam, der mit paschtunischem Stammesrecht und Nationalismus vermischt wird. So wird zum Beispiel die Blutrache teilweise akzeptiert, obwohl sie der Scharia nach verboten sein muss. „Lokale Strömungen werden sehr radikal gelebt. Das ist der Unterschied zu Al Kaida oder dem Islamischen Staat“, sagt der deutsche Konfliktforscher und Afghanistan-Experte Conrad Schetter.

Expansionsbestrebungen
Da die Taliban ein regionaler Akteur sind, haben sie auch kein Interesse an Vorgängen in Jerusalem, Washington oder dem Rest der Welt. „Sie wollen kein globales Kalifat“, erklärt Politikwissenschafter Thomas Schmidinger. Daher hätten sie auch nie Anschläge im Westen durchgeführt. Laut Schmidinger versuchte eine Bewegung innerhalb der Taliban in den 90er Jahren, den damaligen Anführer Mullah Omar zu überreden, ein solches Kalifat auszurufen. Doch er lehnte ab, weil seine Agenda eine rein afghanische war. Daher seien die jetzigen Beteuerungen der Taliban, keine weiteren Gebiete erobern zu wollen, durchaus glaubhaft.

Feindbilder
Feindbild Nummer eins waren die internationalen Besatzer. Daher positionierten sich die Taliban in den vergangenen 20 Jahren vor allem als Anti-Besatzungsarmee. „Sie brauchten keine zusätzlichen Feindbilder“, sagt Politologe Schmidinger. Zwar versuchten sie immer wieder, alte Feindbilder – wie die Minderheit der schiitischen Hazara, Hindus, Sikhs und Intellektuelle – aufleben zu lassen. Ihnen gegenüber gibt es man sich derzeit aber friedvoll. Und in den vergangenen Jahren gab es vermehrt Anschläge auf gut gebildete Frauen. „Man weiß allerdings nicht, ob die Taliban oder der Islamische Staat Afghanistan dahintersteckten“, so Konfliktforscher Schetter.

Erscheinungsbild
Schwarzer Turban, langer Bart – im Westen werden die Taliban vor allem mit diesen äußeren Attributen assoziiert. Doch: „Daran alleine kann man die Taliban nicht festmachen“, sagt Konfliktforscher Schetter. Auch andere Gruppierungen treten so auf, genauso wie einst die Mudschaheddin in ihrem Kampf gegen die sowjetischen Truppen. Und auch umgekehrt gibt es Afghanen, die so aussehen, aber keine Taliban sind. Prinzipiell folgen Islamisten einigen Hadithen, also Überlieferungen des Propheten Mohammed, wonach das Tragen eines Barts von einer Faustlänge vorgeschrieben sei. Der Oberlippenbart wird gekürzt. „Dahinter steht der Versuch, den Propheten zu imitieren“, meint Thomas Schmidinger. Das Tragen einer Kopfbedeckung hat in Afghanistan Tradition. Das ist neben dem Turban vor allem der Parkol und die Karakulmütze.

1973
Die afghanische Monarchie wird gestürzt, die Republik ausgerufen.

1978
Nach einem Militärputsch übernimmt die kommunistische Partei die Macht.

1979-89
Zur Unterstützung der kommunistischen Regierung marschiert die Sowjetunion ein. Die vom Westen unterstützten Mudschaheddin beenden die Besatzung.

1992-1996
Nach Abzug der Roten Armee stürzt auch die pro-russische Regierung. Zwischen den Mudschaheddin beginnt ein Machtkampf. Es kommt zum blutigen Bürgerkrieg.

1996-2001
Die Taliban erobern weite Teile des Landes und herrschen bis zur Intervention der USA nach 9/11.

2014
NATO-Einheiten übergeben schrittweise die Verantwortung an afghanische Sicherheitskräfte.

2021
Parallel zum US-Truppenabzug bringen die Taliban Afghanistan wieder unter ihre Kontrolle.

Ausrüstung
Die Taliban verfügen über umfangreiche Waffenbestände. Einerseits, weil sie in jeder eroberten Stadt die – teils veralteten, sowjetischen – Waffen der Armee an sich genommen haben. Andererseits konnten sie auch moderne Waffen der rasch abgezogenen US-Armee erbeuten. Alte AK-47 wurden mittlerweile gegen M16-Sturmgewehre ausgetauscht. Fortbewegungsmittel sind zurückgelassene Humvee-Jeeps. 8.500 Stück hatten die USA der afghanischen Armee übergeben. Weit verbreitet sind auch Toyota-Hilux-Pickups. Die Fahrzeuge haben aufgrund ihrer Beliebtheit bei Extremisten einen zweifelhaften Ruf – ob der IS in Syrien und dem Irak oder in der letzten Phase des libysch-tschadischen Grenzkrieges, die aufgrund des massiven Einsatzes der Fahrzeuge auch „Toyota-Krieg“ genannt wird. Die Chicago Tribune schreibt sogar von „Terrorists and their love of Toyotas“. Die Gründe sind schnell erklärt: Die Fahrzeuge sind robust und leicht zu reparieren.

Finanzierung
Zum einen finanzieren sich die Taliban mit dem Handel von Opium, wie zuvor übrigens auch manch afghanischer Politiker. So soll der Bruder des früheren Präsidenten Hamid Karzai einer der größten Drogenhändler Afghanistans gewesen sein. In der Provinz Helmand, wo weltweit am meisten Opium angebaut wird, kontrollierten die Taliban immer wieder große Teile. Darüber hinaus heben sie Steuern ein und bekommen finanziellen Rückhalt aus Pakistan und Golfstaaten wie Saudi-Arabien. „Wie in jedem anderen Krieg gibt es aber auch Einnahmen durch Lösegelder von Erpressungen“, erläutert Afghanistan-Experte Schetter. Zuletzt hatten die Taliban angekündigt, keinen Drogenhandel mehr betreiben zu wollen. Doch das könnte sie vor ein Finanzierungsproblem stellen.

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