© Alpenverein

Umweltbaustellen
08/09/2021

Das große Krabbeln vor der Haustür

Naturschutz mit Schere, Säge und Krampen – Trockenrasen gehören zu den artenreichsten und wertvollsten Naturflächen Österreichs, brauchen aber tatkräftige Hilfe

von Markus Foschum, Teresa Sturm

Dass früher alles besser war, stimmt nur selten, in manchen Fällen aber doch. Wenn man etwa die Lebensbedingungen für Insekten in Österreich betrachtet. „Als ich ein Kind war, war die Windschutzscheibe nach einer Autofahrt voller Insekten, heute ist das ganz anders“, erklärt Biologin Irene Drozdowski vom Landschaftspflegeverein Thermenlinie-Wienerwald-Wiener Becken (LPL) anschaulich, wie still und leise die biologische Vielfalt rund um uns abgenommen hat und abnimmt. Das ist an sich schon schlimm genug. Schlimm ist aber auch, dass sich Kinder heute gar nicht mehr vorstellen können, welches große Krabbeln direkt vor der Haustüre vor wenigen Jahrzehnten noch normal war. „Generationendemenz“ wird dieses „natürliche“ Vergessen genannt.

Gegen diese Entwicklung kämpft die „Netzwerk Natur Region Thermenlinie-Wiener Becken“. Das Gebiet zwischen der Wiener Stadtgrenze und dem Bezirk Neunkirchen ist ein „Naturjuwel vor der Haustür“, betont Drozdowski. Das Besondere hier sind die Trockenrasen. Die eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt beherbergen und die es schon seit Tausenden Jahren gibt.

Ganz früher wurden die Flächen von Mammut und Wisent freigehalten, später dann von Weidetieren der Menschen. Weil es die aber meist nicht mehr gibt, geht diese offene Landschaft stark zurück. „In den letzten 60 Jahren sind über 70 Prozent der Trockenrasen und über 90 Prozent der Feuchtwiesen verloren gegangen“, erklären Drozdowski und Sandra Girsch vom LPL. Weil junge Büsche und Bäume nicht mehr abgefressen werden, drohen auch die noch bestehenden Trockenrasen zuzuwachsen. Freiwillige rücken hier alljährlich mit Schere, Säge und Krampen im Rahmen der Umweltbaustellen des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) an. Wie jüngst in Pfaffstätten (Bezirk Baden). Bürgermeister Christoph Kainz freut nicht nur der Blütenreichtum der „befreiten“ Trockenrasen, sondern auch, dass „der Stolz und die Identifikation der Menschen mit ihrer Lebensumgebung und Gemeinde mit den gemeinsamen Pflegeeinsätzen steigen“. Denn nur was man kennt und liebt, das kann und will man auch schützen.

In 22 Gemeinden entlang der Thermenlinie engagiert man sich bereits für die Erhaltung der Naturlandschaft. „Wichtig ist, nicht nur die vorhandenen Hotspots zu erhalten, sondern auch diese Inseln miteinander zu verbinden. Die Vision ist ein Korridor von Wien bis Ternitz, wo es zumindest alle 300 Meter eine Naturfläche für Wildbienen, Schmetterlinge und Co gibt“, so der LPL (www.landschaftspflegeverein.at).

Voller Einsatz

Aber nicht nur in der Thermenregion, auch in der Wachau wird für den Naturschutz „gerodet“. Aus 30 Nationen kamen in den vergangenen zwölf Sommern Freiwillige hierher. Auch heuer waren wieder zehn junge Menschen über das Wachau-Jauerling Volunteer Projekt des ÖAV dabei. Werden die regionstypischen Trockenrasenflächen und Orchideenwiesen nicht gepflegt, werden die gefährdeten Pflanzen dort zurückgedrängt.

Die Freiwilligen kamen aus vier Ländern. Dawid Michaluk aus Polen ist einer davon. Er habe sich von einer Freundin motivieren lassen herzukommen. „Die Arbeit ist hart. Aber wir haben so viel Spaß gemeinsam“, sagt der Student. Jeden Abend nach der Arbeit wird gemeinsam gekocht, es gibt Gerichte aus den unterschiedlichen Nationen. Katarzyna Kucharska kam in die Wachau, weil sie etwas für den Umweltschutz machen wollte und die Natur liebt. „Körperliche Arbeit ist sehr gut, wenn man Studentin ist. Mein Kopf ist total entspannt und es ist gerade super für meine mentale Gesundheit, hier zu sein“, schwärmt die Polin. Eine Neuerung bei der Arbeit in der Wachau sind die tierischen Helfer, die die Gruppe nun auch unterstützen. Für den Erhalt der Trockenrasen werden nun auch 90 Schafe eingesetzt. Gerade in Dürnstein, Weißenkirchen, Aggsbach Markt und Spitz können Flächen beweidet werden. Doch damit die Tiere weiden können, mussten auch hier die Freiwilligen Vorarbeit leisten. Die Arbeit sei aber alles andere als einfach, erzählt die einzige niederösterreichische Freiwillige, Kerstin Heger. Sie hätten etwa auch auf so steilen Flächen gearbeitet, wo einige nur noch runterkamen, indem sie gerutscht sind, erzählt Heger lachend. Die gemeinsamen Ausflüge in der Gruppe hätten die harte Arbeit schnell wieder gut gemacht.

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