Anna Maria Krassnigg

© Andrea Klem

Chronik Niederösterreich
08/20/2021

Eine, die die Theaterwelt erschüttern will

Anna Maria Krassnigg möchte mit „Bloody Crown“ für Aufbruch sorgen. Mit Weniger gibt sie sich nicht zufrieden.

von Caroline Ferstl

KURIER: Am 15. September startet das Theaterfestival „Bloody Crown“ in Wiener Neustadt. Wie laufen die Proben?

Anna Maria Krassnigg: Auf Hochtouren. Es ist wahnsinnig spannend und intensiv. Mittlerweile träume ich sogar von der Arbeit. Heute Nacht habe ich, glaube ich, mehr inszeniert als gestern tagsüber (lacht).

Als Schauplatz dienen die Kasematten. Wie ist es dazu gekommen?

Wiener Neustadt ist aufregend, und wurde trotz seiner Geschichte und Größe in den vergangenen Jahrzehnten kulturell vernachlässigt. Das ist eine Schande. Die Kasematten sind ein Universum, sie ermöglichen den Aufbruch in eine völlig andere Welt. Das wollen wir auch den Besuchern des Festivals bieten: etwas, auf das sich die Menschen – zumindest eine Zeit lang – komplett einlassen können. Das brauchen wir alle ein bisschen.

Behandelt werden europäische Königsdramen. Was fasziniert Sie daran?

Die Größe der Themen. Nehmen wir Shakespeares Sommernachtstraum als Beispiel: Wenn Titania und Oberon einen Krach hatten, erzitterte die ganze Welt. Was zunächst aussieht wie ein Haarriss, hat gewaltige Auswirkungen. Das gilt auch für unser System. Das ist das Großartige an dem Genre der Königsdramatik.

Reizen Sie die großen, weltbewegenden Themen mehr als die kleinen?

Brecht sagte – mit Recht – „das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.“ Das sollte sich die Theater- und Medienwelt auch mal auf die Stirn schrieben.

Ich sage das in völligem Bewusstsein des Eigennutzes: Ich kritisiere, dass das sogenannte Große unhinterfragt und reflexartig als Großes gefeiert, und das sogenannte Kleine mitunter auch von jenen belächelt wird, die eigentlich den öffentlichen Auftrag hätten, genauer hinzusehen. Darunter leidet die gesamte Kulturwelt. Wir machen hochqualitatives Theater, das sage ich laut und mit stolzer Brust.

Darf oder soll Kunst Ihrer Meinung nach gesellschaftskritisch und politisch sein?

Ich finde sogar, dass Kunst politisch sein muss: Als Künstler setzt man sich mit seiner Zeit auseinander. Und genau das bedeutet es ja, politisch zu sein. Man denkt über die Gegenwart nach und bildet sich eine Meinung. Was ich jedoch ablehne, ist tagespolitisches Theater. Das ist herzig, aber mehr nicht.

Wie sind Sie zum Theater gekommen?

Durch das Wort. Ein guter Text entzündet mich, löst etwas in mir aus. Das Sprechtheater ist für mich der erotischste Umgang, der spannendste Tanz mit dem Wort. Zwar habe ich nebenbei immer geschrieben, aber der einsame Kampf am Schreibtisch reichte mir nie.

Sie studierten am Max Reinhardt Seminar, jetzt unterrichten Sie selber dort. Hätten Sie damit gerechnet?

Die Arbeit mit den Studierenden, sie sind die Zukunft, ist bereichernd. Als Studentin hätte ich mir nie gedacht, dass ich einmal zurückkomme, damals erschien mir alles sehr traditionell. Heute herrscht dort mehr Aufbruch. Die Mischung ist ideal und macht auch dem Publikum Freude.

Wie würden Sie sich identifizieren: als Lehrerin, Regisseurin, Schauspielerin?

Ich bin Theatermacherin. Ich weiß, in unserer Gesellschaft ist dieses Schubladendenken en vogue, ich halte aber nur wenig davon. Ich bin für ein Studium generale: Wer sagt, dass Schauspieler nicht schreiben können? Dass ich mit dieser Forderung bei vielen Kollegen anecke, ist mir bewusst, das macht mir aber nichts.

Ecken Sie gerne an?

Als Studentin war ich eine harte Nuss, wild. Ich würde mich selbst nicht unterrichten wollen (lacht). Aber mit dem Alter nimmt die Wildheit ein bisschen ab.

Zum zweiten Mal gastiert „Bloody Crown“ in den Wiener Neustädter Kasematten. Von 15. September bis 17. Oktober werden der Roman „Nussschale“ des britischen Bestsellerautors Ian McEwan sowie „Dantons Tod“ von  Georg Büchner aufgeführt.

Parallel dazu finden Gesprächsrunden im  Salon Royal statt. Krassnigg ist Regisseurin und künstlerische Leiterin, mit Christian Mair bildet sie die Theatercompagnie wortwiege.

Infos und Tickets: www.wortwiege.at

Ist Ihnen auch einmal nach Ruhe zumute?

Jeder Impuls braucht einen Gegensatz. Der Rückzug nach dem Lärm ist entscheidend, sonst überhitzt man. Ich bin in Sizilien am Meer aufgewachsen, das ist meine Inspirationsquelle.

Durch meine Arbeit mit dem „Salon5 am Thalhof“ in Reichenau an der Rax bin ich auf die Berge gestoßen. Dort habe ich erkannt – ich bin mir bewusst, das mag jetzt naiv klingen – dass die Berge ja eigentlich die Restbestände des Meeres sind. Heute finde ich auch dort viel Ruhe und Kraft.

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