Der Ameisenflüsterer: Warum Waldameisen so wertvoll sind
Michael Unger verbringt viel Zeit im Wald. Deshalb liegt ihm das Ökosystem auch besonders am Herzen: „Der Aufwand lohnt sich.“
Von Gernot Heigl
Pferde- und Hundeflüsterer sind schon gängige Bezeichnungen. Eher unbekannt dürfte sein, dass es – salopp formuliert – auch Ameisenflüsterer gibt. Einer dieser speziell ausgebildeten Fachleute zur Ameisenhügel-Umsiedlung ist Michael Unger aus Deutsch Tschantschendorf.
Der 45-jährige Südburgenländer lebt und brennt für die Natur. Das erklärt, warum der verheiratete zweifache Familienvater nicht nur als Jäger aktiv ist, sondern ebenso als Jagdleiter im örtlichen Revier, Aufsichtsorgan, Jagd- und Waldpädagoge, Wald- und Naturraumökologe sowie Naturschutzorgan.
Hügel verlegen
Kein Wunder, dass Michael Unger, übrigens auch Falkner, viel Zeit im Wald verbringt. Bei seinen Rundgängen weckten im Laufe der Zeit einige Ameisenhaufen sein Interesse. Nach längerer Beobachtung der Krabbeltiere absolvierte er mehrtägige Ausbildungsmodule in der Steiermark. Deshalb darf er sich nun auch „zertifizierter Ameisenheger“ nennen.
Seine Kernaufgabe ist es, „Waldameisenhaufen umzusiedeln, wenn diese zum Beispiel bei Bauarbeiten, etwa der Errichtung von Forststraßen, im Weg sind“, so der Südburgenländer. „Das findet dann in enger Abstimmung mit Naturschutz und Behörden statt.“
Michael Unger bei der Ausbildung mit weiteren Teilnehmern.
„Die Verlegung eines Hügels an einen neuen, sicheren und sonnendurchfluteten Ort darf nur von Experten durchgeführt werden“, schildert Michael Unger. Dies deshalb, weil hügelbauende Waldameisen in den allgemeinen Artenschutzbestimmungen des burgenländischen Naturschutz- und Landschaftspflegegesetzes als geschützte Tierart gelten. Das Zerstören, Beschädigen und Entfernen ihrer Nester ist ebenso verboten wie das absichtliche Fangen, Verletzen und Töten der Krabbeltiere, die als klassische „Gesundheitspolizei des Waldes“ gelten.
„So eine Umsiedlung ist eine ziemliche Herausforderung. Die Hügel ragen in der Regel einen Meter in die Höhe und reichen rund zwei Meter unter das Erdniveau. Die beeindruckende Architektur ist so angelegt, dass es im Kern stets um die 25 bis 30 Grad hat“, zeigt sich der Naturliebhaber fasziniert.
5 Millionen Arbeiterinnen
„Ein Bau kann, je nach Waldameisenart, bei uns im Südburgenland bis zu 5 Millionen Arbeiterinnen beherbergen und 1.000 bis 5.000 Königinnen, wobei die Königinnen zwischen 10 und 300 Eier legen können. Bei einer Nestverlegung versuche ich, all das mitzunehmen.“
Der Ameisenflüsterer weiter: „Mit bloßen Händen hebe ich vorsichtig Teil für Teil ab und gebe Material, Tiere und Eier in Maischefässer, die am Rand mit Paraffinöl eingeschmiert sind. Das ist ein Ausbruchsschutz, denn darüber krabbeln die Ameisen nicht. Am neuen Standort baue ich dann Schicht für Schicht das Nest wieder auf und platziere im Kern die Königinnen.“
- Waldameisen
Hügelbauende Waldameisen (Gattung Formica) stehen unter Schutz. Sie gelten als „Gesundheitspolizei des Waldes“. Sie ernähren sich unter anderem von Schadinsekten und tragen zur natürlichen Regulierung von Forstschädlingen bei. - Ameisenstaat
Ein großes Nest kann mehrere Millionen Arbeiterinnen umfassen. Pro Jahr können die Tiere mehrere Kilogramm Insekten erbeuten. - Bedeutung im Wald
Durch ihre Bautätigkeit lockern Ameisen den Boden, verbessern die Durchlüftung und fördern die Nährstoffverteilung im Wald.
Als Nahrungsstarthilfe und erste Energiequelle wird beim neuen Bau „Apifonda“, ein Bienenfutterteig, so lange deponiert, bis die Tiere eigene Nahrungsquellen erschlossen haben. Um bei der Übersiedlung zurückgebliebene Waldameisen nachträglich umquartieren zu können, wird diese „Zuckermasse“ als Lockmittel auch beim alten Nest für einige Zeit deponiert. So können Schritt für Schritt auch die Nachzügler eingefangen und zum neuen „Wohnort“ gebracht werden.
Drei Kilo Borkenkäfer
„Klar krabbeln mir bei den Umsiedlungsaktionen viele Ameisen unter die Jacken- und Hemdsärmel und sonst wohin. Das ist halt so und muss man akzeptieren“, lächelt Michael Unger.
„Fakt ist, dass sich der Aufwand für die Natur lohnt. Aber nicht nur für diese, sondern auch für die Waldbesitzer. Denn Waldameisen aus einem einzigen Hügel fressen pro Jahr bis zu drei Kilogramm Borkenkäfer.“
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