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Chronik Burgenland
05/29/2020

Burgenland plant Wasserzufuhr für den Neusiedler See

Historisch niedrigster Wasserstand seit 1965 ruft Politik auf den Plan: "Ohne Zufuhr wird See nicht erhalten werden können."

von Michael Pekovics

Der Wasserstand des Neusiedler Sees gibt Anlass zur Sorge. Nach einigen Jahren mit geringen Niederschlägen droht der See langsam auszutrocknen.

Bereits heuer gibt es für Segler mit größeren Booten Probleme. Auch die Landwirtschaft sorgt sich um die Möglichkeit der Bewässerung. Sollte nämlich der Grundwasserspiegel weiter sinken, drohen restriktive Maßnahmen für die Bauern, die ihre Felder bewässern.

Am Freitag stellte das Land Burgenland erste Maßnahmen vor. Nämlich die Einrichtung einer Task Force, die eine technische Lösung für die Wasserzufuhr entwickeln soll.

Und das mit einem klaren Ziel: "Der See soll als Landschaftselement erhalten bleiben", sagte der zuständige Task Force-Leiter Christian Sailer. Das sei bereits in der Strategiestudie 2014 so festgelegt worden: "Die Austrockung soll verhindert werden."

Ohne Regen, kein See

Laut Sailer weisen die derzeitigen Klimaszenarien darauf hin, dass im schlechtesten Fall der Neusiedler See schon in den kommenden drei bis vier Jahren austrocknen könnte. Aber nur dann, wenn die Niederschläge komplett ausbleiben würden und die Verdunstung weiter zunimmt.

Der See habe in den vergangenen Jahrzehnten aber immer wieder viel und dann auch wieder wenig Wasser gehabt. Zuletzt gab es im Jahr 2003 Diskussionen darüber, wie auf die damals ebenfalls drohende Austrocknung reagiert werden sollte. Auch damals war die Zuleitung von Wasser ein Thema.

"Die geplanten Maßnahmen sind dann aber wieder verebbt", sagt Sailer. Auch deshalb, weil es in den Folgejahren wieder mehr geregnet hat. "Aber im Gegensatz zu früher, werden wir uns dieses Mal nicht davon beeinflussen lassen", bekräftigte Landesrat Heinrich Dorner (SPÖ) die aktuellen Bemühungen des Landes.

Ungarisches Wasser für den See?

In der Task Force sind alle Stakeholder wie Tourismus, Landwirtschaft, der Bund und auch das benachbarte Ungarn eingebunden. Denn: "Es gibt die Möglichkeit der Wasserzufuhr von ungarischer Seite, beziehungsweise als konkretes Ziel", sagt Dorner. Das werde nicht billig und auch nicht von heute auf morgen umsetzbar sein, aber: "Wir wollen den sensiblen Naturraum nicht überfordern, aber langfristig absichern."

Frühere Studien über die Möglichkeit der Zuleitung von Wasser aus der Donau oder der Raab hätten ergeben, dass die Mengen nicht ausreichen würden, vor allem im Sommer. "Wir prüfen derzeit eine 3. Möglichkeit, aber dazu können wir noch nichts sagen, weil noch einige Details offen sind beziehungsweise abgestimmt werden müssen", sagt Sailer.

Der Wasserwirtschaftsexperte betonte bei der Pressekonferenz auch, dass es nicht darum gehe, den See über die Maßen zu befüllen, sondern: "Wir reden von einer optimalen Höhe. Unser Ziel ist ganz klar, dass der See nicht austrocknet."

Befürchtungen von Naturschützern, zugeleitetes Wasser könnte den Chemismus des Sees und damit den Lebensraum nachhaltig zerstören, entgegnet Sailer,  "wir rechnen nicht damit, dass das passieren wird". Aber natürlich werde in die Task Force auch der Umweltschutz integriert.

Wasser in der Region halten

Neben der aktuellen Überlegungen der Zufuhr von Wasser gibt es auch Projekte, die das Wasser mit einem Grabensystem in der Region halten sollen. Bereits seit 2015 sei kein Wasser mehr über den 1er-Kanal abgeleitet worden, die Wehr war immer geschlossen.

"Wir müssen derzeit auch den Grundwasserspiegel im Auge behalten. Denn wenn dieser an zwei von drei Messstellen unter den kritischen Wert fällt, hat das Auswirkungen auf die Landwirtschaft, die dann nicht mehr bewässern darf", sagt Sailer. Insgesamt gibt es in der Region rund 5.100 genehmigte Brunnen.

Unglaubliche Mengen werden benötigt

Die für eine effektive Erhöhung des Wasserstandes benötigten Mengen wären jedenfalls riesig. Für einen Zentimeter wären drei Millionen Kubikmeter Wasser notwendig. Zur Veranschaulichung: Die mittlere Durchflussmenge der Donau durch Wien beträgt rund 2.000 Kubikmeter pro Sekunde. Um den Wasserstand im Neusiedler See also nur um einen einzigen Zentimeter zu heben, müsste die gesamte durch Wien fließende Donau für 25 Minuten vollständig umgeleitet werden.

Grundsätzlich hoffen die Verantwortlichen aber auf ausgiebige Niederschläge, betonen aber gleichzeitig, dass diese das Projekt - nicht so wie 2003 - im Sand verlaufen lassen würden. "Unser Ziel ist klar: Der Neusiedler See wird nicht austrocknen. Baden sowie Wassersport ist heuer natürlich uneingeschränkt möglich", betont Dorner.

Grüne haben Bedenken

In einer ersten Reaktion meldeten sich der Grüne Landtagsabgeordnete Wolfgang Spitzmüller zu Wort, er warnt vor "technischen Lösungen" gegen die drohende Austrocknung des Neusiedler Sees. Das Vermischen des Seewassers mit Wasser einer anderen mineralischen und chemischen Zusammensetzung sei für das hochsensible und besondere Ökosystem höchst problematisch und gefährdet dieses. Es gebe wissenschaftliche Grundlagenstudien die derartige Lösungen in Frage stellen – abgesehen von den enormen Kosten.

"Solche Eingriffe sind gefährlich für so sensible Natursysteme. Der Neusiedler See ist in erster Linie ein Naturjuwel von europäischer Bedeutung und erst danach ein Wirtschaftsfaktor. Man kann nicht immer alles technisch lösen", sagt Spitzmüller.

Die Erhaltung des Neusiedler See müsse durch Maßnahmen zum Klimaschutz auf burgenländischer, österreichischer und europäischer Ebene geschehen. Der "Patient" brauche ein gesundes Klima, um sich erholen zu können - die kurzfristigen Bluttransfusionen werden hier leider nur die Krankheit verschlimmern, so Spitzmüller in einer Aussendung.