Geschlossen. Der Hauptsitz der Commerzialbank in der Mattersburger Judengasse 

© Kurier/Kurier/Peter Puschautz

Chronik Burgenland
07/15/2020

Bankskandal im Burgenland: Auf der Suche nach Hunderten Millionen

Der Chef der Commerzialbank mit neun Filialen im Bezirk Mattersburg will „schonungslos alles erzählen“, kündigt sein Anwalt an. Wie hoch der Schaden ist, steht noch nicht fest, das Geld sei aber „nicht weg“.

von Stefan Jedlicka, Thomas Orovits, Kid Möchel

Letztendlich ging Vorstandsdirektor Martin Pucher mit einer Selbstanzeige in die Offensive und trat am Dienstag gemeinsam mit seiner Vorstandskollegin Franziska Klikovits zurück. Hinter den Kulissen hatte die Finanzmarktaufsicht (FMA) da aber schon längst die massiven Ungereimtheiten in der Commerzialbank Mattersburg offen gelegt. Die Kontrollore sollen bereits seit Februar in der Bank jeden Beleg umgedreht haben. Am Dienstag, kurz vor Mitternacht, gab die FMA dann offiziell die umgehende Schließung der Bank bekannt.

Für die Banken-Branche kam das offenbar nicht überraschend, wie der KURIER erfahren hat. Man habe sich eher gewundert, „warum es so lange gedauert hat“, so ein Banker. Schon seit Längerem sei gemunkelt worden, dass bei der kleinen Regionalbank „nicht alles mit rechten Dingen“ zugehe.

Bilanzen frisiert

Wegen „Gefahr für die Erfüllung der Verpflichtungen eines Kreditinstitutes gegenüber seinen Gläubigern, insbesondere für die Sicherheit der ihm anvertrauten Vermögenswerte“, wie die FMA in einer Aussendung bekannt gab, wurde der Commerzialbank der weitere Geschäftsbetrieb untersagt. Im Zuge der Prüfung waren Puchers mutmaßliche Manipulationen aufgeflogen – es gilt die Unschuldsvermutung.

Offenbar wurden die Bilanzen der Bank künstlich durch fingierte Guthaben und Kredite aufgeblasen. In der Bilanz sollen fiktive Vermögenswerte von bis zu 500 Millionen Euro ausgewiesen sein – wird seit dem Auffliegen des Skandals in Insiderkreisen kolportiert.

„Die Bilanz wird im Ausmaß von Hunderten Millionen Euro nicht stimmen“, sagte Puchers Verteidiger Norbert Wess zum KURIER.

„Dass sich jemand das Geld eingesteckt hat und das Geld weg ist, das stimmt sicher nicht. Mein Mandant räumt aber die Malversationen ein und ist kooperativ und will schonungslos alles erzählen“, so der Anwalt mit Kanzlei im Zentrum Wiens.

Im Bezirk Mattersburg bleiben indes alle neun Bankfilialen vorerst geschlossen. Auch das Online-Banking ist nicht verfügbar. Als Regierungskommissär wurde Bernhard Mechtler bestellt, ein auf Banken spezialisierter Wirtschaftsprüfer der Kanzlei KPMG.

Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) hat Mittwochfrüh die Anzeige der FMA erhalten. Erst nach Durchsicht könne über die Aufnahme von Ermittlungen entschieden werden, hieß es aus der WKStA.

Von Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil gab es dennoch schon „eine Bitte“ vorab: Die Staatsanwaltschaft möge rasch dafür sorgen, dass „kein Vermögen“ der Bank irgendwo „versickert“.

Hotline für Sparer

Sparer sollen ihr Geld nun entweder direkt von der Bank in vollem Umfang erhalten, oder über die staatliche Einlagensicherung – allerdings greift diese nur bis zu einer Gesamtsumme von 100.000 Euro pro Person und Konto, beziehungsweise Sparbuch.

Die Einlagensicherung Austria GmbH sei dafür schon mit der Commerzialbank in Kontakt getreten und bereite die Abwicklung der Auszahlung vor, ließ man noch am Mittwoch wissen. Betroffene Einleger können sich auch telefonisch oder per E-Mail melden: 01/5339803-0, oder office@einlagensicherung.at.

Folgen des Skandals. Als regionales Geldinstitut zählt die Commerzialbank auch mehrere Gemeinden im Bezirk Mattersburg zu ihren Kunden. Auf deren Konten befinden sich großteils mehr als die von der Einlagensicherung garantierten 100.000 Euro. Ob sie sich nun auf Verluste einstellen müssen, ist noch unklar.  

In Martin Puchers Heimatort Hirm konnte beim Bankomaten der geschlossenen Commerzialbank-Filiale am Mittwochvormittag  noch Geld behoben werden, was viele Gemeindebürger auch taten. Amtsleiter Alfred Wiesinger zeigt sich betroffen: „Ich kenne Martin  Pucher schon seit vielen Jahren, habe ihn aber zuletzt nicht mehr oft gesehen, weil er gesundheitlich angeschlagen ist. Unsere Konten haben wir bei der Commerzialbank, jetzt müssen wir abwarten, ob das Geld noch da ist.“ Wiesinger hat am Montag noch  die Gehälter der Gemeindemitarbeiter ausbezahlt. „Das heißt, unsere Leute haben ihr Geld auf ihr Konto bekommen, nur abheben können sie es zur Zeit nicht“, sagt er.

Mit finanziellen Turbulenzen bei der Commerzialbank habe niemand gerechnet. Der Banker sei auch gegenüber allen Vereinen immer sehr freigiebig  gewesen. Desgleichen hört man auch aus anderen Gemeinden der Region. Ein weit größerer Kunde der Commerzialbank ist die börsennotierte Wiener Technologiefirma Frequentis mit  Einlagen in Höhe von ungefähr 31 Millionen Euro. Man  beobachte die Situation sehr genau“, teilte das Unternehmen, das Anlagen für sichere Kommunikation anbietet, am Mittwoch mit. 

Land nicht betroffenFrequentis habe nach Bekanntwerden der Verwerfungen bei der Bank etwaige Auswirkungen geprüft. „Das alles hat keinen Einfluss auf das operative Geschäft. Trotz Corona-Krise sind wir mit Aufträgen voll ausgelastet“, sagt Finanzchefin Sylvia Bardach.

Die Energie Burgenland hat bei der Commerzialbank – gemessen am gesamten Veranlagungsvolumen – einen kleinen Teil ihrer Termineinlagen veranlagt. Hans Peter Rucker, Chef der burgenländischen Landesholding, zu der das Energieunternehmen gehört, sprach am Mittwoch von „fünf Millionen Euro“, das seien nur vier Prozent des Anlagevolumens des Energiekonzerns. Die fünf Millionen müssen wohl abgeschrieben werden. Der Vorstand der Energie Burgenland ist aber zuversichtlich, dass aufgrund des  sich „abzeichnenden guten operativen Jahresergebnisses“ ein Teil wieder ausgeglichen wird. Das Land selbst habe laut LH Hans Peter Doskozil keine Geschäftsbeziehungen mit der Bank. 

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