Der Schritt zu mehr Internationa­li­tät

LINZER MUSIKTHEATER: GENERALPROBE DER OPEN-AIR-AUF
Foto: APA/RUBRA Wagners Parzival wurde ab 22 Uhr von der katalanischen Theatergruppe "La Fura dels Baus" in einer Freiluftshow aufgeführt.

Linz setzt auf den Ausbau zeitgenössischer Kunst und Kultur. Die Freiheitlichen boykottierten die Eröffnung.

Robert Menasse war ebenso gekommen wie Peter Handke oder ÖFB-Teamchef Marcel Koller und Bundespräsident Heinz Fischer. Die Eröffnung des neuen, 180 Millionen teuren und 1000 Sitzplätze umfassenden Musiktheaters in Linz geriet Donnerstagabend zum kulturellen und gesellschaftlichen Highlight. „Für das Kulturland Oberösterreich beginnt eine neue Zeitrechnung. Vor 210 Jahren ist das Linzer Landestheater eröffnet worden. Mit dem neuen Musiktheater bauen wir auf dieser Tradition auf“, sagte Hausherr Landeshauptmann Josef Pühringer in seiner Rede.

MUSIKTHEATER LINZ Foto: APA/RUBRA „Wir begnügen uns nicht damit, Waren zu exportieren, sondern zu unserem Exportportfolio gehört auch die Musik.“ Das Musiktheater sei ein kultureller Mittelpunkt, ein Zentrum des geistigen Lebens. Das Haus werte den Standort Oberösterreich auf, stärke die Internationalität und hebe die Wertschöpfung. Die Eröffnung sei auch eine wichtige Stunde der Politik, weil damit deutlich werde, dass letztlich in Oberösterreich Großprojekte, sogar solche der Kultur, noch durchsetzbar seien und nicht der grenzenlose Populismus am Ende siege.

Bilder von der Eröffnung

Die ersten Töne, die im neuen Linzer Musiktheater am Donnerstagabend erklangen, gehörten zur Bundeshymne - vom intonierenden Publikum mit der ungegenderten 1. Strophe gesungen. In Folge wurde aus dem theatralen und technischen Zauberkasten geschöpft, um vor illustrer Prominenz einen der bedeutendsten Kulturbauten Österreichs seit 1945 offiziell zu eröffnen. Dem außergewöhnlichen Anlass entsprechend lang, gestaltete sich auch die Rednerliste, die ganze 15 Sprecher umfasste. Zum einen präsentierten die Macher im Ablauf erstmals die technischen Möglichkeiten des neuen Theaterraums, die von einander gegenläufigen Drehbühnen, variabler Prospektverschiebung bis hin zu einer Vielzahl von Schiebebühnen reicht. Andererseits nutzte man das Event auch, um die verschiedenen Sparten des Landestheaters vorzustellen, die sich künftig im neuen Haus einträchtig die Klinke in die Hand geben sollen. Das Ballett tanzte Prokofjew, das Schauspielensemble gab einen Hymnus von Thomas Arzt zum Besten und die Sänger spannten einen Bogen von Rossini zu Franz Lehar mit Stargast Piotr Beczala.
  Ab 22 Uhr wurde dann „Parzival“ zu Wagner-Musik von der katalanischen Theatergruppe „La Fura dels Baus“ in einer Freiluftshow aufgeführt. Mag sein, dass auch der volksfreundliche Preis von einem Euro für Speisen und Getränke Hunderte in den Linzer Volksgarten lockte. Nicht zuletzt war es jedoch das visuelle Spektakel, das die Menschen in Scharen rief. Die Spanier hatten für den zweiten Teil der Eröffnung (nach dem traditionellen Festakt im Inneren) ein 55-minütiges Kondensat von Richard Wagners fünfstündiger Erlösungsparabel "Parsifal" als Soundcollage erstellt, das sie mit ihrer bekannten Fähigkeit zur Opulenz inszenierten. Hatten die Kräne vor dem Musiktheater untertags den Eindruck vermittelt, am Haus werde noch gearbeitet, offenbarte sich um 22 Uhr ihre wahre Aufgabe:  Gemeinsam mit Hebebühnen dienten sie La Fura dels Baus als Hilfsmittel, um Feuerzauber, überbordende Schaumquellen, monumentale Figuren aus Menschenleibern und gigantische Gerätschaften zu beeindruckenden visuellen Tableaus zu arrangieren. Immerhin hat die Truppe Wagner-Erfahrung vorzuweisen, ist sie doch für zahlreiche Inszenierungen des Opernavantgardisten berühmt. Da bilden zwei Spieler die vier Füße eines fliegenden Pferdes, gruppieren sich die Akteure zu einem lebenden Mobile oder fliegt ein Protagonist als Schwan durch die Luft. Die Titelfigur des reinen Toren ist bei La Fura hingegen eine zehn Meter hohe Puppe, vielfarbig beleuchtbar und, von mehreren Technikern bewegt, äußerst mobil. Diesen Helden kann die normalgroße Verführerin Kundry im wahrsten Sinn des Wortes besteigen.
  Am Ende erhebt sich der Monumentalparsifal auf das Dach des Hauses, der Adler ist gelandet, ab jetzt beginnt für das neue Linzer Musiktheater der Ernst des alltäglichen Spielbetriebs - auch wenn man zunächst noch ein wenig feiern möchte. So wird mit Philip Glass' Oper "Spuren der Verirrten" nach Peter Handke am Freitag nicht nur eine Uraufführung, sondern die erste Premiere des Hauses überhaupt begangen.

Mehr als 35 Jahre Diskussion seien damit zu Ende, und die Politik habe Entscheidungsfähigkeit bewiesen. Pühringer spielte damit auf die Gegnerschaft der FPÖ an, die das Projekt seit mehr als 15 Jahren zu torpedieren versuchte und die Kosten als Verschwendung kritisiert. Die Freiheitlichen blieben der Eröffnung auch geschlossen fern. FPÖ-Landesparteiobmann Manfred Haimbuchner hatte die Eröffnungsfeier als „Champagnisieren“ bezeichnet.

Musiktheater Linz Großer Saal… Foto: Reinhard Winkler Der Linzer Bürgermeister Franz Dobusch betonte, nun sei ein jahrzehntelanger Traum verwirklicht worden. Linz habe sich von einer Stadt der Arbeit zu einer Stadt der Arbeit und Kultur weiterentwickelt. Dies sei auch deshalb gelungen, weil die Zusammenarbeit zwischen der Stadt und dem Land funktioniere. Man werde auf Dauer nur dann erfolgreich sein, wenn sich das offene Klima erhalten lasse.

Bundespräsident Heinz Fischer meinte, wer die Baugeschichte der Wiener Staatsoper kenne, wisse, dass damals von ungeteilter Zustimmung keine Rede gewesen sein könne. Nichtsdestoweniger sei die Staatsoper eine der besten der Welt und von größter Bedeutung. Er ermutigte die Linzer, ihren zeitgemäßen und aufgeschlossenen Weg weiterzugehen.

(KURIER) Erstellt am
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