Spread of the coronavirus disease (COVID-19) in Berlin

Christian Drosten von der Berliner Charité klärt Deutschland auf. Und wo sind die Forscher in Österreich? 

© via REUTERS / POOL

Analyse
04/15/2020

Wo bleiben die Forscherstars?

Im Faktendschungel: Warum die heimischen Experten in der Coronakrise im Schatten der Politik geblieben sind.

von Martina Salomon

In den vielen Lesermails an Redaktionen steht dieser Tage gerne im Betreff: „Anmerkungen zur COVID-Debatte (nicht Mainstream)“. Sehr oft sind es Wissenschafter jedweder Richtung, die da ihre Zweifel an den rigiden Regierungsmaßnahmen äußern, etwa an den „abenteuerlichen“ mathematischen Modellen, auf die sich der Bundeskanzler verließ. Und manche Artikel werden in den sozialen Netzen wie „heiße Ware“ herumgeschickt.

Das könnte auch daran liegen, dass sich in dieser Krise kein österreichischer Experte wirklich profilieren konnte. Die Politik bestimmt bei uns die Schlagzeilen. In Deutschland und den USA ist das anders, dort wurden Forscher zu Stars: Die Deutschen hängen an den Lippen des Virologie-Professors Christian Drosten. Und Anthony Fauci, oberster US-Gesundheitsexperte, macht Schlagzeilen. Was auch an seinem Präsidenten liegt, der ihn für seine Kritik feuern wollte, was sich nicht einmal Donald Trump leisten kann. Hätten die USA früher reagiert, hätten Menschenleben gerettet werden können, so Fauci. Gestern stellte Trump ein neues Beraterteam vor.

Im österreichischen Sozialministerium bei Rudolf Anschober gibt es dieses Beratergremium schon seit Wochen. Es besteht aus 17 Personen, u. a. Ärztekammerchef Thomas Szekeres, Meduni-Chef Markus Müller, Virologin Elisabeth Puchhammer und neuerdings der Leiterin der Bioethikkommission Christiane Druml. Zu einem heimlichen Star – aber erst nach seinem Abgang – avancierte Gesundheitswissenschafter Martin Sprenger. Er kritisierte (auf der Rechercheplattform Addendum) die Regierungsmaßnahmen, lobte aber gleichzeitig ihr entschiedenes Einschreiten. In dem Gremium soll er sich aber nie so laut zu Wort gemeldet haben.

Gravierender Schnitzer

Auch der Kanzler holte von Beginn an Expertise ein und ließ sich Modellrechnungen erstellen – unter anderem vom Simulationsexperten Niki Popper und dem Mathematiker Walter Schachermayer. Doch im Wesentlichen orientierte sich Sebastian Kurz an der Politik von Israel und Südkorea, bevor er zu den in Europa schärfsten Maßnahmen schritt. (Und alle Regierungen folgen irgendwie dem Konzept „The Hammer and the Dance“ des Amerikaners Tomas Pueyo.)

Anschober hätte lieber zu gelinderen Mitteln gegriffen. Und man hätte sich gerne seinem Experten – Franz Allerberger, Leiter des Bereichs Humanmedizin der AGES – angeschlossen. In einer Pressekonferenz mit dem Minister gab er schon Anfang April Teilentwarnung und ließ mit dem humoristischen Satz aufhören, dass das Virus „keine Flügel“ habe, mit dem es in Bundesgärten oder auf Skipisten herumfliege. Doch der Experte leistete sich selbst einen gravierenden Schnitzer, in dem er eine „Patientin Null“ präsentierte, die sich dann als falsch herausstellte.

In Deutschland hat nun die Forschungsgemeinschaft Leopoldina weitreichende Empfehlungen abgegeben – unter anderem eine schrittweise Wiederaufnahme des Schulunterrichts. Leopoldina – wer hat bisher davon gehört? Und in welcher Pendeluhr schläft eigentlich das oberste Gesundheitsgremium Österreichs?

Das ist eine eigene Geschichte: Der Generaldirektor für die öffentliche Gesundheit wurde von der FP-Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein abgeschafft, soll nun aber wieder auferstehen. Zumindest hätte der Oberste Sanitätsrat neu konstituiert werden müssen – dazu kam es wegen des Sturzes der Regierung nicht, und die Übergangsregierung besetzte die Position nicht nach. Das erklärt auch, warum es keine gewichtige medizinische Stimme nach außen gibt. Eine der Ausnahmen ist Christoph Wenisch, Leiter der „Corona“-Abteilung im Kaiser-Franz-Josef-Spital.

Aber ansonsten gibt es viel Raum für (halb-)wissenschaftliche Meinungen. Wobei ein prominentes Mitglied des Expertenrats im Gesundheitsministerium ein wenig bitter meint: „Am Anfang haben alle geschlafen – und jetzt sind sie superschlau.“ Gut möglich, dass die Bundesregierung überzogen reagiert habe, doch die frühe Reaktion sei richtig gewesen, sagt er. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Weil man derzeit mit allem Aggressionen auslöse. In zwei, drei Jahren werde es viele gescheite, dicke Bücher über dieses Ereignis geben. Dazwischen vielleicht auch eine Debatte über die Rolle der Forschung. Für die autoritätsgläubigen Österreicher steht ja noch immer die Politik über der Wissenschaft.

Oder es sorgt am Ende doch noch ein Forscherstar für ein besseres Image: Der austro-kanadische Genetiker Josef Penninger hat mit seiner Wiener Firma Apeiron ein Medikament entwickelt, das seit Kurzem die Erlaubnis für klinische Studien in Österreich, Deutschland und Dänemark hat. Es soll dem Virus „die Tür zusperren“. Möge er erfolgreich sein.

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