Ochs und Esel haben sich über alternative biblische Erzählungen in die Krippe und unsere Weihnachtstradition gemogelt

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Wissen Wissenschaft
12/24/2019

Wie Ochs und Esel in die Krippe kamen

"Verbotene" Texte prägen bis heute die Rituale unterm Christbaum.

von Susanne Mauthner-Weber

Vergessen wir einmal, dass Forscher heute eher davon ausgehen, dass Jesus im Jahr 2 oder 4 v. Chr. oder so und nicht im Jahr 0 zu Welt kam. Und, dass seine Wiege möglicherweise nicht in Bethlehem, sondern in Nazareth stand: Fest steht, dass Christen seit dem 4. Jahrhundert Jesu Geburt gedenken.

Viele unserer Traditionen haben aber nichts mit realen Ereignissen, ja nicht einmal mit dem, was in der Bibel steht, zu tun. "Verbotene" Texte prägen bis heute die Sicht auf die Geschichte vom Kind in der Krippe. "Für die Frömmigkeit sind die apokryphen (altgriechisch "verborgenen") Texte wesentlich prägender, weil sie Lücken füllen, die die kanonischen Evangelien zurückgelassen haben", sagt Martin Stowasser vom Institut für Bibelwissenschaft der Universität Wien.

In dieser Geschichte erfahren Sie:

  • Welche Texte das sind.
  • Warum die Krippe aus Stein und nicht aus Holz war.
  • Und was die Windel Jesu mit all dem zu tun hat.

 

Drei apokryphe Evangelien berichten ausführlich über die Geburt Jesu und deren Vorgeschichte: das Protoevangelium des Jakobus, das Pseudo-Matthäusevangelium und das sogenannte Arabische Kindheitsevangelium.

Stowasser: "Es gibt regelrechte Kindheitserzählungen über Jesus. Motto: Wenn einer ein Besonderer ist, dann merkt man das nicht erst, wenn er über 30 ist, sondern schon in der Kindheit. So entstanden Erzählungen, in denen Jesus bereits mit sechs Jahren Wunder wirkte. Und er musste natürlich auch bereits auf ganz besondere Art und Weise zur Welt kommen."

Die wundertätige Windel

Eine heute skurril kingende Begebenheit schildert das Arabische Kindheitsevangelium: Hier erhalten die Magier aus dem Osten als Gegengabe für Gold, Weihrauch und Myrrhe eine Windel Jesu, die sich in ihrer persischen Heimat als wunderwirkend erweist.

Das Protoevangelium des Jakobus wiederum schildert die Bedrohung des Neugeborenen durch König Herodes. Maria flieht da nicht nach Ägypten, sondern "nahm das Kind, wickelte es in Windeln und legte es in eine Ochsenkrippe". Allerdings: Im Lukasevangelium, das uns die klassische Weihnachtsgeschichte erzählt, gibt es weder Ochs noch Esel. Dort ist nur von einem Stall und einer Futterkrippe die Rede, in die Maria ihr neugeborenes Kind legt.

Das Pseudo-Matthäusevangelium geht noch weiter: "Sie legte den Knaben in eine Krippe. Ochs und Esel huldigten ihm." Rasch hielt die Menagerie Einzug in Volksglauben und Kirchen: Ochs und Esel finden sich auf frühmittelalterlichen Fresken ebenso wie auf Glasfenstern in Gotteshäusern und natürlich als geschnitzte Krippenfiguren.

Stall ist Höhle

Auch unsere Vorstellung, dass Gottes Sohn in einem unbequemen, aber idyllischen Holzverschlag zur Welt gekommen sei, hat nichts mit der Realität zu tun. Der deutsche Historiker Michael Hesemann hat sich intensiv mit der Geburtsgeschichte Jesu beschäftigt und sagt: "Bei uns im holzreichen Mitteleuropa wurden Ställe und Krippen natürlich aus Holz gebaut, im holzarmen Palästina war das anders." Natürliche oder künstliche Höhlen dienten als Ställe; Tröge, die man in die Steinwände schlug, waren die Futterkrippen.

Wer heute die Höhle unter der Geburtsbasilika in Bethlehem besucht, findet dort noch immer solche Futtertröge. Das Jesuskind wurde also in eine Steinkrippe gelegt. Hesemann: "Die Stallhöhle befand sich wahrscheinlich sogar auf dem Weideland, das Maria geerbt hatte."

Shakespeares Mysterien

Neuere Erkenntnisse zeigen übrigens, dass alternative biblische Erzählungen noch bis zur Reformation großen Einfluss hatten – selbst in kirchlichen Kreisen. So hat etwa der Dominikanermönch Jakobus de Voragine um 1264 eine Sammlung von biblischen Geschichten in lateinischer Sprache herausgegeben, die sich in ganz Europa verbreitete. In dieses nahm er einige Geschichten aus dem Pseudo-Matthäus-Evangelium auf – auch die von Ochs und Esel.

Mysterienspiele

Diese Legenden des Jakobus dienten im Mittelalter und in der Renaissance als Basis für Gedichte und wurden als Mysterienspiele aufgeführt. "Selbst Shakespeare (geboren 1564) könnte sie in seiner Kindheit noch gesehen haben", berichtet Philip Jenkins, Historiker an der Baylor University in Waco und Kenner der apokryphen Texte. "Sie verschwanden erst, als er Teenager war."

Die alternativen Versionen biblischer Geschichten blieben aber auch auf andere Weise lebendig: In Irland etwa nutzten die Menschen lange Evangelien, von denen sie gar nicht wussten, dass sie nicht zum offiziellen Kanon gehören. Und in der orthodoxen Kirche haben sich einige der apokryphen Texte sogar bis heute erhalten: In der äthiopischen Kirche, einer der ältesten der Welt, gehören sie zum offiziellen Kanon.

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