"Mein Blick übersetzt, was meine Zunge nicht sagen kann", heißt es in Tausendundeine Nacht

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Wissen Wissenschaft
05/03/2020

Wenn Blicke Pfeile senden

Taunsendundeine Nacht: Die Sprache der Augen in der Kunst- und Literaturgeschichte.

Blicke, die Pfeile senden. Pfeile der Liebe und des Begehrens. Sie gehören zu den häufigsten Sprachbildern in der arabischen Geschichtensammlung „Tausendundeine Nacht“.

Die Arabistin Claudia Ott hat dieses Stück Weltliteratur neu übersetzt. Der Blickepfeil, erläutert sie, sei eines der häufigsten Motive darin.

Insbesondere, aber nicht ausschließlich Frauen machen Gebrauch von den magischen Kräften der intensiven Sprache der Augen. „Vom Bogen der Augenbraue schoß sie den Blickepfeil, der selbst aus der Ferne ganz genau in sein Ziel einstach“, heißt es etwa an einer Stelle und: „Mein Blick übersetzt, was meine Zunge nicht sagen kann“ (Aus der ältesten arabischen Handschrift von 1001 Nacht in der Übersetzung von Claudia Ott Verlag C.H.Beck).

Ähnlich wie die ausdrucksstarke Kalligrafie, die sich aufgrund des Bilderverbots stärker in der islamischen Welt entwickelte, wurde die Augensprache durch die Verschleierung stark kultiviert, erläutert Ott – „Tausendundeine Nacht ist eine der wichtigsten Quellen dafür.“ Das Werk wurde im 19. Jahrhundert zum zweitmeistgelesenen Buch nach der Bibel.

Das Thema der Blicke, die Botschaften „wie Pfeile“ senden, gab es schon davor. Etwa in Gemälden des 17. Jahrhunderts, in denen der Moment dargestellt wird, in dem sich zwei Personen (auch ganz ohne Schleier) ineinander verlieben, erklärt Kunsthistoriker Stefan Albl: „Dabei spielen die Blicke eine ganz zentrale Rolle. Etwa in Annibale Carraccis ,Venus und Adonis’ sind es die Blicke, die wie Pfeile einschlagen und die Liebe entfachen.“

Fantasien

Zurück zum Schleier. 1931 befand die Journalistin Paula Beer in der Wiener Arbeiter-Zeitung über die verschleierten Ägypterinnen: „Der Schleier ist oft nur so dünn wie ein Wölkchen Zigarettenrauch und dient den Damen dazu, sich interessant zu machen. Gerade zum Gegenteil des eigentlichen Zweckes.“ In der Ausstellung „Verhüllt – enthüllt“, die das Weltmuseum vergangenes Jahr zum Thema Kopftuch und Verschleierung zeigte, war nicht zuletzt von der oft romantisierenden, klischeehaften Rezeption der Verschleierung in Europa die Rede – die Haremsfantasien über das, was sich wohl hinter dem Schleier abspielte, waren mit dem Ausbau der Handelswege nach Europa gelangt.

Mimik und Gestik waren, schildert Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi, im Kontext der Verschleierung die einzige Kommunikation, die Frauen möglich war. „Ansonsten waren Frauen auf die Rolle der Zuhörerin reduziert. Es gab keine Diskussion und schon gar keinen Disput, sondern nur Gestik und Mimik.“

Individualität

Die Geschichte des Verhüllens ist immer mit einer Entindividualisierung verbunden. „Das Zeigen von Individualität ist ein hohes Gut. Daher empfinden wir es als unangenehm, wenn wir das nicht können“, erklärt Martina Pippal, Professorin am Institut für Kunstgeschichte. „In Zeiten von Corona wollen viele Individualität wenigstens über selbst genähte Masken ausdrücken.“ Masken und Verschleierung hätten in unserer Kultur immer Unbehagen ausgelöst. So zitiert Pippal etwa das Bild des geharnischten Kriegers und das entsprechende geflügelte Wort: „Wer einem Freund begegnet, kämpft mit offenem Visier.“

Für alle, die wenig Freude mit dem Tragen von Corona-Masken haben, steckt in der Metaphorik von „Tausendundeine Nacht“ auch ein Quäntchen Trost: „Du musst lernen, den Schleier der Geduld zu tragen.“

 

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