Leben
17.10.2018

Verhüllt, enthüllt: Der Stoff, aus dem Frauengeschichten sind

Heute vielen ein rotes Tuch, ist das Kopftuch genauso Bestandteil der europäischen Kultur.

Entspannt, so könnte man den Zugang von Axel Steinmann zum derzeit umstrittensten Stück Stoff nennen: „Alte Männer gehen, junge kommen, manchmal sprechen die Gewehre, Kopftuch rauf, Kopftuch runter – man muss das immer in einem moralisch-politischen Kontext sehen“, sagt er. Und weil Steinmann Ethnologe ist, hat er beschlossen, die gängige Diskussion aufzubrechen. „Wir wollen mit der Ausstellung an Vergessenes sowie Verdrängtes erinnern und zeigen, wie belastet das Kopftuch auch bei uns war.“

Eine Ausstellung? Sie wird Dienstagabend im Wiener Weltmuseum eröffnet, zeigt Tücher aus Indonesien, Guatemala, Syrien, Tunesien, dem Iran, der Türkei und erzählt die Geschichte(n) dahinter. Wie die, dass das Kopftuch um vieles älter ist als Judentum, Christentum und Islam. Schon früh markierte es im alten Mesopotamien gesellschaftliche Unterschiede: „Frauen von Stand mussten sich bereits um 1700 vor unserer Zeit verhüllen, Sklavinnen dagegen war es verboten.“

Christin, Muslima oder Jüdin? Aus dem Orient oder Okzident? Aus grauer Vorzeit oder unserem Jahrhundert? Die teils überraschenden Antworten finden Sie in der Diashow:

Egal ob Orient oder Okzident: Das Kopftuch kannten alle

1/10

Orthodoxe Schema-Nonne, Libanon (1890)

Iranerin (1928)

Venezianische Jungfrau (1581)

Junge Beduinin (1889)

Nazi-Mädl (um 1940)

Die Queen (2018)

Christin, Türkei (1884)

Türkinnen im Russenkopf-Stil (1929)

Bäuerin , Russland (1899)

Jüdin, Tunis (1889)

Domestizierte Frau

Im nächsten Atemzug erinnert Steinmann daran, dass das Verhüllungsgebot für Frauen jahrhundertelang auch Bestandteil der europäischen Kultur war. „In römischer Zeit wollte man die Patrizierinnen, die selbstbewusst in der Öffentlichkeit auftraten, domestizieren. Man erließ also eine Kleiderordnung. Die Matrona musste die Palla anlegen.“

Im Christentum ist der Schleier Sinnbild für Ehrbarkeit. Schon am Anfang wird die Rolle der christlichen Frau für Jahrhunderte vorgezeichnet. Paulus aus Tarsus fordert in seinem 1. Brief an die Korinther von den verheirateten Frauen, im Gottesdienst das Haupt zu bedecken. Damit habe das Christentum ein Kopftuch-Gebot verankert – „verbunden mit der Unterordnung der Frau unter den Mann, das finden Sie so weder im Koran noch in der Thora“, sagt Steinmann. Ein Jahrhundert später wird der Kirchenvater Tertullian zum strammsten Verfechter des Kopftuchs. Alle Frauen sollen sich als Abbild der büßenden Sünderin Eva verhüllen: „,Der Schleier sei ihr Joch‘, lässt er den Christinnen ausrichten. Das wurde dann durch die Jahrhunderte weitergetragen.“

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit befolgen Frauen bewusst oder unbewusst das frühchristliche Gebot. Das bedeckte Haupt zählt zum Vorrecht der verheirateten Frau wie zur Ordenstracht der Nonne. Steinmann weiter: „Dieses explizite Kopftuch-Gebot blieb bis zum zweiten Vatikanum Anfang der 1960er-Jahre aufrecht. Damals wurde es den Ordensschwestern freigestellt, den Habit abzulegen.“

Das Kopftuch war in der europäischen Gesellschaft vieler Epochen also „ein Muss“. „Vom Mittelalter bis 1700 gab es in ganz Europa sogenannte Kleiderverordnungen, in denen reguliert wurde, welche Frau welches Kopftuch zu tragen hat“, erzählt Steinmann. „Es handelte sich um eine nach Ständen gegliederte Gesellschaft. Die soziale Ungleichheit, die sich darin spiegelte, wurde als gottgewollt angesehen – und musste nach außen gezeigt werden.“ Daher war genau festgelegt, welche Stoffe und Farben Frauen ihrem Stand entsprechend verwenden dürfen. „Prostituierte etwa mussten ein gelbes Kopftuch tragen.“

Venedig setzte dem im 16. Jahrhundert die Krone auf: In öffentlichen Briefkästen, den „Löwenmäulern“, konnten Personen, die gegen die Kleiderverordnungen verstoßen hatten, anonym denunziert werden.

Verkehrte Welt

Zur Zeit der NS-Herrschaft wird das Kopftuch plötzlich deutsch und „unsterblich“, wie das Kleine Volksblatt nach dem „Anschluss“ schrieb. Fast zeitgleich – „in den 1930er-, -40er- und -50er-Jahren – musste man im Orient Frauen mit Kopftuch suchen“, erinnert Steinmann. Wer dem Ethnologen zuhört, erkennt rasch: D a s  Kopftuch mit  d e r  einen Bedeutung gibt es nicht.

Und was die aktuelle politische Diskussion betrifft: "Ich sehe, dass man immer nur mit Stereotypten kämpft. Mir ist nicht klar, was man unter ,Islam' versteht. Es gibt unterschiedliche lokale und regionale Traditionen. Der Islam ist genauso vielfältig, wie das Christentum, sagt Steinmann und wundert sich darüber, "wie im 21. Jahrhundert all diese religiösen Strömungen plötzlich wieder bei der Hintertür hereinkommen und unseren Alltag bestimmen."

Info: Verhüllt, enthüllt! Das Kopftuch, Weltmuseum Wien, bis 26. Februar 2019.