Anstellen fürs Impfen: in den 1950er-Jahren ganz normal. Die  Pockenimpfung blieb  Pflicht, bis  die Welt 1979  pockenfrei war

© United States Information Servic / ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com/ÖNB-Bildarchiv /picturedesk.com

Wissen Wissenschaft
11/18/2021

Wann in Österreich schon einmal Impfpflicht herrschte

Und die Menschen deshalb nicht massenhaft auf die Straßen gegangen sind und ,Wahnsinn!‘ geschrien haben.

von Susanne Mauthner-Weber

 „Lasst uns mit dieser Impfpflicht in Ruhe, wir haben echt Besseres zu tun, als hinter Müttern und Kindern nachzulaufen.“ Ein aktuelles Zitat aus Polizeikreisen? Mitnichten! Schon im 19. Jahrhundert zweifelten viele an der Umsetzbarkeit dieser Maßnahme. Kein Wunder also, dass Impfungen lange Zeit Privatsache waren. 1807 änderte sich das zuerst in Bayern – das Königreich führte als erstes Land weltweit eine Impfpflicht ein. 1853 folgte England, 1857 Frankreich und 1874 ganz Deutschland. Das Reichsimpfgesetz schrieb erstmals deutschlandweit vor, dass Kinder im ersten und zwölften Lebensjahr gegen Pocken geimpft werden.

Und Österreich

Hierzulande regierten noch viele Jahrzehnte lang Freiwilligkeit und Appelle.

Bis Bruno Pittermann im Parlament referierte, wie im stenografischen Protokoll der 44. Sitzung vom 30. Juni 1948 nachzulesen ist: Um schwere gesundheitliche Schäden von den Österreichern abzuwenden, brauche es eine Impfpflicht. Niemand widersprach.

Zwar sei die Bevölkerung ein bisschen indifferent gewesen, was den Nutzen der Schutzimpfung betrifft, hat der Innsbrucker Historiker Wolfgang Meixner recherchiert, letztlich sei man sich aber einig gewesen: 1948 wurde erstmals eine Pflichtimpfung in der österreichischen Rechtsordnung verankert. „Nur Weltpresse und Salzburger Nachrichten berichteten."

Was mich fasziniert, ist, dass das damals Common Sense war.

Wolfgang Meixner | Historiker

Anders als unter den Nazis, die 1939 die Pflichtimpfung (auch gegen Pocken) von Deutschland mit nach Österreich gebracht hatten, handelte es sich diesmal um einen demokratischen Beschluss. „Und danach sind die Menschen nicht massenhaft auf die Straßen gegangen und haben ,Wahnsinn!‘ geschrien“, resümiert Meixner.

Die Schutzimpfung gegen Pocken blieb Pflicht, bis die Welt 1979 pockenfrei war. Und ein Unikat. Vielleicht auch, weil Österreichs Obrigkeit mit sanftem Druck schon immer mehr erreicht hatte – Schulplätze, Stipendien oder Militärlaufbahn gab es nur im Austausch gegen den Piks.

Durch die Hintertür

Nachdem 1800 die erste Massenimpfung in Österreich stattgefunden hatte, begann die Zeit der Impfnachweise: In vorgefertigten Formularen notierten Ärzte Vorimpfungen und Erfolge. Hat jemand die Aufforderung zur Impfung ignoriert, wurde das ebenfalls vermerkt. Ab 1840 wurden auch Auffrischungsimpfungen dokumentiert. Danach gingen die Impf-Rapporte an die Behörden.

Zwar wird auch in der Habsburgermonarchie immer wieder über eine Impfpflicht diskutiert – und dagegen entschieden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg dringt Bruno Pittermann durch, als er im Parlament sagte: „Diesen Grundsätzen der modernen medizinischen Wissenschaft zum Durchbruch zu verhelfen, dient die heutige Gesetzesvorlage.“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.