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Wissen Wissenschaft
11/07/2021

Matthias Karmasin: „Forscher müssen klarere Kante zeigen“

In Österreich gibt es besonders viele, die der Wissenschaft skeptisch gegenüber stehen. Der Kommunikationsforscher weiß, wie man dem begegnen kann.

von Ute Brühl

In der Pandemie wurde es so richtig offensichtlich, wie viele Österreicherinnen und Österreicher der Wissenschaft skeptisch gegenüber stehen. Wie sehr, zeigt die jüngste Eurobarometer-Umfrage: Danach gibt es in kaum einem anderen EU-Land so viele Menschen, die den Einfluss von Wissenschaft auf die Gesellschaft negativ sehen (Grafik) unten. Warum das so ist und wie man dem begegnen kann, erläutert der Kommunikationswissenschafter Matthias Karmasin.

KURIER: Wie erklären Sie sich, dass so viele Menschen in Österreich der Wissenschaft skeptisch gegenüber stehen?

Matthias Karmasin: Ich sehe keine generelle Wissenschaftsfeindlichkeit, sondern eine zunehmende Zersplitterung der Öffentlichkeit und eine Polarisierung der Gesellschaft. Einige blenden wissenschaftliche Informationen einfach aus – besonders in der Pandemie. Wir kennen das von Rauchern, die sich Abdeckungen für Zigarettenpackungen kaufen, damit sie nicht lesen müssen, dass das schädlich ist. Daneben gibt es Menschen, die richtiggehend wissenschaftsfeindlich sind – sie versuchen, die Debatten zu hintertreiben. Und dann gibt es die, die sehr an Wissenschaft interessiert sind.

Es muss Gründe geben, warum Österreich im EU-Schnitt so schlecht dasteht.

Da gibt es einen Mix an Ursachen, etwa historische Gründe – die Aufklärung hat wohl in anderen Ländern anders gegriffen als bei uns. Zudem haben wir europaweit eine einzigartige Konzentration an Boulevardmedien, was Folgen für die Qualität des Diskurses hat. Dass manche ihre Informationen nur über soziale Medien erhalten und sich dabei nicht bewusst sind, dass sie in einer Blase leben, kommt erschwerend dazu. Hier müsste man schon in der Schule ansetzen.

Das allein wird nicht reichen: Wie könnte man Skeptikern begegnen?

Die Menschen müssen auf vielen Wegen erreicht werden. Wie das funktioniert, wissen wir aus Studien. So ist es wichtig, verständlich zu erklären, was Wissenschaft überhaupt ist – dazu gehören gut ausgestattete PR-Abteilungen an Universitäten und Forschungseinrichtungen. Und es braucht Formate wie die Kinderuni, die lange Nacht der Forschung oder auch die Webinare, wo man Wissenschaft live und interaktiv miterleben kann. Auch Initiativen wie die Wissenschaftscomics der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sind hier ein gutes Beispiel.

Müssen sich die Forscherinnen und Forscher mehr in die öffentliche Debatte einbringen?

Ja, sie müssen klarere Kante zeigen. Und sie müssen deutlich machen, dass in einer freien und gerechten Gesellschaft zwar alle Menschen gleich sind, aber dass nicht alle Aussagen gleich wahr sind. Ein zweiter Punkt: Es gibt kein Recht auf falsche Tatsachenbehauptung unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit. Weder rechtlich noch ethisch.

Welchen Anteil hat der Journalismus an der Misere?

Der Wissenschaftsjournalismus leistet im Rahmen des Möglichen viel Gutes. Das Problem beginnt, wenn sich andere Ressorts mit wissenschaftlichen Themen beschäftigen, was in der Zeit der Klimakrise und der Pandemie recht häufig vorkommt. Diese Journalistinnen und Journalisten sind es gewohnt, dass sie immer eine Gegenstimme einholen, um ausgewogen zu sein. Doch wenn in der Wissenschaft weit über 95 Prozent einer Meinung sind und ich dann jemanden interviewe, der eine Gegenposition einnimmt, verschaffe ich einer Minderheitenposition ein Gewicht, das einen wissenschaftlichen Dissens nur vortäuscht. Die Recherche in diesem Bereich kostet aber Zeit und Geld – denn es entwickelt sich Vieles und das schnell. Wenn ich hier Änderungen und mehr Qualität will, muss ich die Medienförderung und die Inseratenvergaben neu gestalten. Zudem muss Wissenschaftsjournalismus speziell gefördert werden – finanziell und auch in der Aus- und Weiterbildung, indem er Querschnittsthema in allen Ressorts wird.

Forscher fürchten häufig um Fördergelder, wenn sie nicht die gewünschten Ergebnisse liefern. Ein Problem?

Dass Lobbyisten versuchen, die Wissenschaft zu beeinflussen, ist nichts Neues. Ihre Strategien kennt man von der Tabakindustrie, die jahrelang Zweifel daran gesät hat, dass das Rauchen wirklich so schädlich ist. Heute geschieht Ähnliches beim Thema Klimawandel. Die Politik sagt dann, solange das nicht eindeutig ist, müssen wir nichts machen. Daneben arbeitet man auch mit Falschnachrichten oder Trolls, die Zweifel an der Verlässlichkeit von Wissenschaft säen sollen.

Kann sich die Wissenschaft dagegen wehren?

Ja, sie kann und sie soll. Sie muss mehr darauf beharren, dass sie jenes System ist, das über das best gesicherte Wissen der Zeit verfügt. Wissenschaft ist zentral an Erkenntnissen interessiert und erzeugt Evidenz, also wissenschaftliche Beweise, die publiziert und in Qualitätssicherungssystemen geprüft werden. Solche Evidenzen können sich ändern. Stichwort: Fortschritt. Die Wissenschaft muss immer darauf achten, dass ihre Autonomie und Integrität bewahrt bleibt. Heißt: Sie kann durchaus Auftragsforschung betreiben, muss aber klar machen, woher ihre Fragestellungen kommen. Der zentrale Punkt ist und bleibt dabei die unabhängig qualitätsgesicherte Publikation der Ergebnisse, der Methode und der Daten.

Auch Politik versucht, die Wissenschaft für sich zu vereinnahmen und verbreitet manchmal auch Fake News.

Von der Politik würde ich mir stellenweise mehr Respekt und Transparenz wünschen. Fernab von wissenschaftlich gesicherten Fakten und der Möglichkeit transparenter Beweise zu argumentieren und das dann als Meinungs- oder Ansichtssache auszugeben, ist ein Problem – auch, aber nicht nur, des Respekts vor den Leistungen von Forschenden. Wenn flächendeckend die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft geschädigt wird, hat das nämlich Folgen für alle. Das zeigt ein Blick in den Eurobarometer: In Ländern, in denen ein großes Vertrauen in die Wissenschaft besteht, ist z. B. die Impfquote deutlich höher. In einer aufgeklärten Gesellschaft sollte der Stand der Forschung jedenfalls auch Basis politischer Erwägungen sein.

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