© Kurier/Franz Gruber

Interview
10/10/2021

Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner: „Manche sind einfach strunzdumm“

Heidi Kastner wollte wissen, warum selbst intelligente Menschen an abstruse Theorien glauben.

von Ute Brühl

Man kennt Heidi Kastner als Gerichtspsychiaterin, etwa im Fall Fritzl. Jetzt hat sie sich in ihrem neuen Buch dem Thema Dummheit gewidmet.

KURIER: Haben Sie die Coronaleugner zu Ihrem neuen Buch inspiriert?

Heidi Kastner: Nein, der Dummheit begegnet man ja häufig, und sie sorgt immer wieder für Ärger, Unverständnis und führt zu allen möglichen Emotionen. Es gibt ja Menschen, die nicht als intelligenzgemindert gelten müssen und dennoch dumme Entscheidungen treffen. Ich wollte dieser Frage auf den Grund gehen.

Hat man zu lange Positionen, die jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren, als Meinung durchgehen lassen?

Es ist Ausdruck der politischen Korrektheit, alles unbewertet und unkommentiert stehen zu lassen – das ist Blödsinn, denn es gibt Menschen, die sind nun einmal uninformiert und präpotent, manche sind strunzdumm. Es wäre wichtig, ihre Positionen auch so zu benennen. Jeder hat zwar ein Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Manche stellen Behauptungen auf, die durch nichts begründet werden können, und vertreten die mit einer Selbstverständlichkeit. Da sagt man dann: „Man muss den Dialog offenhalten.“ Das muss ich aber nicht bei jemanden, der sagt, dass die Erde eine Scheibe ist.

 

Wie gehe ich damit um?

Ich empfehle diesem Menschen, sich über die Erkenntnisse schlau zu machen. Ist er dazu nicht bereit, muss ich nicht weiter diskutieren.

Wie erklären Sie sich, dass selbst gebildete Menschen wirre Thesen vertreten?

Da gibt es ein Bündel an Ursachen. Etwa die Tatsache, dass die Komplexität der Welt so zugenommen hat, dass das nicht mehr gut aushaltbar ist. Wenn etwa Baustofflieferungen immer noch verzögert sind, weil vor Monaten im Suezkanal ein Schiff quer gelegen ist, sind das Zusammenhänge, deren Auswirkungen wir spüren, aber nicht nachvollziehen können. Menschen brauchen aber für alles eine Erklärung und fühlen sich besser, wenn sie etwas einordnen können. In Zeiten großer Verunsicherung sucht man nach Sündenböcken und einfachen Lösungen. Die sind aber falsch.

Gibt es Faktoren, die so eine Entwicklung verstärken?

Besonders problematisch ist es, wenn es eine gewisse soziale Unausgewogenheit gibt. Wenn die Leute das Gefühl haben, uns geht es schlecht, egal, wie sehr wir uns anstrengen, während auf der anderen Seite Banker Bonizahlungen erhalten, die zuvor die Bank an die Wand gefahren haben. Das berührt unser angeborenes Gerechtigkeitsempfinden. Wenn es also ein globales Gefühl der Ungleichheit und der Hilflosigkeit gibt, wir uns aber gleichzeitig bedroht fühlen und mit der Gesamtkomplexität überfordert sind, ist das eine Grundvoraussetzung, dafür, dass man völlig abstrusen, aber simplen und daher attraktiven Theorien anhängt.

Sind deshalb die Populisten derzeit so erfolgreich?

Ich denke schon. Vor zwanzig Jahren wäre noch unvorstellbar gewesen, dass ein dermaßen uninformierter, rüpelhafter, sexistischer, rassistischer und manierenbefreiter Egomane wie Donald Trump gewählt wird. Er ist nicht dumm, hat aber das Gefühl der Wähler aufgenommen, dass der amerikanische Traum nicht mehr gilt – also dass ich es schaffe, wenn ich mich nur anstrenge. Der Neoliberalismus und die massive Überhöhung des Individuums als Nabel des Universums befeuern den Populismus.

Treffen Menschen, die in Wirtschaft und Politik Führungspositionen innehaben, heute weniger intelligente Entscheidungen?

Hier stimme ich mit dem Wirtschaftshistoriker Carlo Cipolla überein: Die Zahl der Dummen wird immer unterschätzt. Cipolla stellte fest, dass viele Vorgesetzte dumme Entscheidungen treffen und jeden Blödsinn mitmachen. Dann gibt es die Intelligenten in Chefposten, die ausschließlich darauf aus sind, den eigenen Vorteil zu optimieren. Die nennt er Verbrecher, weil sie wissen, was sie tun. Ihre Aufgabe wäre es, ihre Intelligenz dafür zu nutzen, die Dummen in Schach zu halten, damit die keine Entscheidungen mit fatalen Folgen treffen können. Wenn man jetzt sagt, dass wir in Europa lange Zeit keine Kriege mehr hatten, weil wir uns weiterentwickelt haben, ist das falsch. Es war so, weil Politiker ihre Intelligenz im Sinne des Gemeinwohls eingesetzt haben.

Ist es nicht Wunschdenken, dass der Mensch aufgrund von Argumenten und nicht von Gefühlen entscheidet?

Das ist das, was Angela Merkel passiert ist. Sie hat geglaubt, Menschen mit Argumenten zu Positionen zu bringen. Das ist möglich, solange die Grundemotion eine relative ausgeglichene und zufriedene ist. Aber sobald die aufgeheizten Emotionen dazukommen, hat die Logik ausgedient. Die Grundemotion bei der Flüchtlingskrise war „Die nehmen uns was weg“. Und das stimmt ja auch: Die Infrastruktur in Deutschland ist marode, was zu einem Ungleichgewicht in der Gesellschaft führt. Hartz 4 hat ein Übriges getan. Dann kommt jemand, mit dem ich das Wenige, was ich habe, noch teilen soll. Aber natürlich kann ein Land wie Deutschland die Integration dieser Menschen schaffen.

Welche Eigenschaften muss jemand besitzen, der sich von Fehlurteilen lösen kann?

Da gehört etwas dazu, was aus der Mode gekommen ist – die Reife, sich selber zu hinterfragen. Das Leben sollte einem vermitteln, dass man nicht immer Recht hat. Das kann man trainieren. Doch das geht nicht, wenn einem nie widersprochen wird, weil das Gegenüber immer alles stehen lässt. Auch in der Schule wird die Rückmeldung immer mehr abgeschwächt. Wenn ich etwa lese, die Coronaleugner vertreten die Freiheit, muss ich sagen, das ist ein Schwachsinn. Die vertreten eine „gefühlte“, faktenferne Position.

Braucht es emotionale Intelligenz, um diese Menschen zu überzeugen?

Das Konzept der emotionalen Intelligenz, das von Daniel Golemann entwickelt wurde, greift zu kurz. Seine Idee war, dass derjenige ökonomisch erfolgreicher wird, der andere emotional wahrnehmen kann. Wenn ich aber Menschen mitnehmen möchte, um ein anderes Ziel zu erreichen, etwa beim Thema Klimawandel mitzumachen, braucht es einen anderen Aspekt, den kaum jemand mehr anspricht. Es braucht das Gefühl der Verbundenheit mit allem Lebendigem. Wenn ich weiß, dass ich mich schädige, wenn ich ein anderes Lebewesen oder den Wald schädige, ist das auch eine Form der emotionalen Intelligenz.

Das Buch von Heidi Kastner mit dem Titel „Dummheit“ (104 Seiten, 18 Euro) ist bei Kremayr & Scheriau erschienen.

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