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Wissen Wissenschaft
07/04/2020

Kriegsmatura: Die Burschen wurden um den Abschluss betrogen

Epidemien, Krisen- und Kriegszeiten führten auch früher schon zu Schulschließungen. Auch Reifeprüfungen in abgespeckter Form gab es in Kriegszeiten häufig.

von Ute Brühl

Peter Alexander und Loriot machten es, genauso wie Dietmar Schönherr oder der Schriftsteller Sigfried Lenz: Sie absolvierten eine Kriegsmatura bzw. ein Notabitur. Mit der abgespeckten Version der Matura, wie sie der Corona-Jahrgang machen durfte, hat dies allerdings wenig zu tun.

Alan Ross, Historiker am Institut für Bildungswissenschaften der Uni Wien, erläutert, warum: „Die Kriegsmatura hatte einen anderen Hintergrund: Man brauchte die Männer für die Front und machte ihnen dafür Versprechungen.“ Leere Versprechungen, wie sich nach dem Krieg herausstellen sollte. Denn die jungen Männer glaubten, dass diese Matura gleich viel wert sei, wie eine herkömmliche. Doch weit gefehlt.

Als sie wieder zu hause waren, stellten die Männer häufig enttäuscht fest, dass ihr Zeugnis von damals nichts wert war. „Oft wurden die Kriegsheimkehrer wieder in reguläre Schulklassen geschickt – da saßen dann Pubertierende neben 25-jährigen Männern“, berichtet Ross. Ans Studium war erst zu denken, wenn man die Reifeprüfung in einem der vielen Nachholinstitute machte, was zum Beispiel Loriot gelang. „Doch vielen war es aus ökonomischen Gründen nicht möglich“, erzählt Ross. „So verschärften sich die sozialen Ungleichheiten. Das ist wohl die einzige Parallele zur derzeitigen Situation.“

In der Zwickmühle

In Preußen hatte es ein „Notabitur“ bereits während des deutsch-französischen Krieges im Jahr 1870 gegeben. „Der Nationalstaat geriet in eine Zwickmühle“, erläutert Ross. „Er brauchte gut ausgebildete Männer für die Verwaltung, damit er in alle Lebensbereiche der Menschen vordringen konnte, und somit ein Bildungssystem, das von vielen jungen Männern besucht wird.“ Viele Staatsdiener für die Verwaltung im modernen Nationalstaat also.

„Doch in Kriegszeiten war man auf diese Burschen auch als Soldaten angewiesen. Mit der Kriegsmatura hat man dieses Dilemma gelöst.“ Eine Lösung, die nur dem Staat nutzte, aber nicht den Schülern – auch wenn die jungen Männer annahmen, den Abschluss jetzt geschenkt bekommen zu haben.

Welche Farce diese Prüfung war, beschreibt Schriftsteller Carl Zuckmayer, der das Notabitur 1914 machte: „Für uns war das Ganze ein gewaltiger Spaß. Die Uniform gab auch dem schlechtesten Schüler noch einen Zug von Manneswürde, gegen die der Lehrer machtlos war. … Es wurden uns nur die leichtesten Fragen gestellt, in denen keiner versagen konnte. Das Abitur, der Schreckenstraum vieler Jugendjahre, wurde zu einem Familienfest.“

Dort, wo es schriftliche Prüfungen gab, waren sie nur vereinfacht. Ross: „Mündliche Prüfungen fanden Anfang des Krieges noch statt – oft wurden die für den gesamten Jahrgang an einem einzigen Samstag nach der Schriftlichen durchgeführt. Die Prüfung war also schnell und dürftig.“

Meist wurde abgeprüft, wie der junge Mann zum Krieg steht. Ein Aufsatzthema im Jahr 1914: „Welche Umstände können uns in unserer Lage mit Mut und Zuversicht erfüllen?“

Brechts „frecher“ Aufsatz

Einem wäre sein Aufsatz fast zum Verhängnis geworden: Der Schriftsteller Bertolt Brecht teilt die von ihm geforderte Kriegsbegeisterung so gar nicht. In einem Aufsatz schrieb er: „Der Ausspruch, dass es süß und ehrenvoll sei, fürs Vaterland zu sterben, kann nur als Zweckpropaganda gewertet werden. Der Abschied vom Leben fällt immer schwer, im Bette wie im Schlachtfeld, am meisten gewiss jungen Menschen in der Blüte ihrer Jahre.“ Um ein Haar musste er die Schule verlassen. Am Ende durfte er dann doch das Notabitur machen – eine einfache mündliche Prüfung.

Je länger der Krieg dauerte, desto jünger wurden die Männer. Und der Prüfungstermin wurde immer mehr so gelegt, dass die Burschen kurz vor der Einberufung ihr Zeugnis in der Hand hatten.

Zwei Jahrzehnte später mussten auch Frauen auf ihre Art der Nation dienen – im Nazi-Regime wurde es immer schwieriger, für sie „eine normale Matura zu machen. Sie sollten als deutsche Frau zur Mutter und Hausfrau erzogen werden. Im Volksmund verspottete man den Abschluss in Hauswirtschaftsklassen als ‚Puddingabitur‘. Das hat die Karrieren zahlloser Frauen dieser Generation vereitelt“, sagt der Historiker.

Dass Schulen wegen Epidemien geschlossen werden, kam übrigens schon seit Ende des 19. Jahrhunderts vor. Um zu vermeiden, dass sich Schüler mit Kinderkrankheiten wie Pocken, Masern, Typhus oder Diphtherie anstecken, wurden lokal Standorte gesperrt. „Es ging darum, Krankheiten einzudämmen, die konstant in der Bevölkerung vorhanden waren, und nicht darum, neue Krankheiten aufzuhalten, wie wir das jetzt bei Corona erleben.“

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