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Wissen Wissenschaft
06/21/2020

Fichtensterben: Die späte Rache der Gier

17 Prozent Fichtenwälder stehen auf Böden, die nicht von der Natur für sie vorgesehen sind. Das macht Probleme

von Susanne Mauthner-Weber

Bereits 1864 war der Energie-Hunger der Menschen riesig: Um die 1.000 Flöße landeten in der Wiener Rossau und halb so viele in Nussdorf. Donau, Wienfluss und Wiener Neustädter Kanal dienten als Wasserstraßen, an deren Ufern sich große Holzlager befanden – vom Neutor bis zur Spittelau, von der Leopoldstadt bis zur Weißgerber-Vorstadt und der Brigittenau.

Im 19. Jahrhundert brauchte man ungeheure Mengen, nicht nur als Bau-, sondern vor allem als Brennholz. Folge: In Österreichs Wäldern herrschte Kahlschlag. „Im 17., 18. und 19. Jahrhundert war wesentlich weniger Wald vorhanden als heute. Im Zillertal etwa hielt man bei ca. zehn Prozent“, erzählt Hubert Hasenauer vom Institut für Waldbau der Universität für Bodenkultur Wien (Boku).

Eine Strategie musste her: „Erste wissenschaftliche Erkenntnisse ergaben, welche Arten schnell wachsen.“ Man förderte also die Fichte. Die hatte weitere Vorteile: „Sie wächst gerade, ist leicht und schwimmt, anders als Buche oder Tanne, gut auf dem Wasser, damals das Haupttransportmittel für Holz.“

„Im 19. Jahrhundert hat man buchen- in fichten- dominierte Systeme umgewandelt. Und damit viel Geld verdient.“

Hubert Hasenauer | Institut für Waldbau, Boku Wien

Viel Geld verdient

Man habe, sagt Experte Hasenauer, „buchen- in fichten-dominierte Systeme umgewandelt. Und man hat damit viel Geld verdient.“ Was gerne verschwiegen wird: Bis heute stehen 10 Prozent der Fichten  auf Laubwaldstandorten, bei weiteren sieben Prozent ist der Fichtenanteil im Mischwald zu hoch.  Die Fichte wurde zur Cashcow.

Tausende Bauern leben von ihrem Holz. Ob Dachstühle, Möbel, Klopapier – auch heute, alles aus Fichtenholz. Der Rest wird verbrannt – als Scheite, Pellets, Briketts oder Hackschnitzeln.

Aus diesem historisch gewachsenen Irrtum resultieren viele Probleme der Gegenwart. So sind z. B. die Wälder des Mühlviertels keineswegs Naturwälder. Sie sind reines Produkt ökonomischer Forstwirtschaft – aufgeforstet, um Gewinn zu maximieren. Im Unteren Mühlviertel, auf einer Seehöhe von unter 800 Metern, gab es die Fichte ursprünglich nur als Mischbaumart. Heute wachsen hier Monokulturen.

Damit kein Irrtum aufkommt: „In Österreich gibt es viele Gegenden, in denen die Fichte die natürliche Baumart ist“, sagt Hasenauer. „Wir sprechen hier vom inneralpinen Fichtenwaldgebiet. Da ist die Fichte die dominierende, natürlich vorkommende Baumart.“ Laubbäume gäbe es nur vereinzelt. „Im ganzen Oberpinzgau etwa, im Tiroler Zentralalpengebiet, gibt es nur Fichten sowie als beigemischte Baumart Lärchen.

An dieser Stelle hält der Rektor der Boku Wien ein kurzes Proseminar über das theoretische Vorkommen einer Baumart, das man vom tatsächlichen unterscheiden müsse: „Die Fichte kann in Wien vorkommen“, sagt er. „Wenn sie aber der Natur ihren Lauf lassen, wird die Buche die Fichte verdrängen.“ Denn das ist ihr Revier. „Wenn sie die Fichte hier unbedingt haben wollen, müssen sie sie fördern und die anderen Bäume umschneiden.“

Geänderte Bedingungen

Das ging gut, solange es relativ kalt war. „Ändern sich aber die klimatischen Verhältnisse, steigt das Risiko für Baumarten, die in Gebieten wachsen, an die sie nicht so gut angepasst sind. Sie haben Stress. Da reicht es schon, wenn sich die Niederschlagsmuster ändern.“ Sie werden anfällig für Schadinsekten, im Fall der Fichte den Borkenkäfern. Als Flachwurzler setzt ihr auch die Trockenheit besonders zu, und Fichten kippen (wie der KURIER erst unlängst berichtete) reihenweise um.

Was Hasenauer Sorgen macht: „Die klimatische Veränderung geht wesentlich schneller als sich die Bäume adaptieren können“, sagt er. „Unsere Bäume werden es so nicht schaffen.“

Was man tun kann?

„Wenig. Die anderen Stressfaktoren minimieren, den Wald gesund halten und standorttypische Arten setzen, weil man davon ausgeht, dass die eher geeignet sind, Veränderungen auszuhalten.“ Letzten Endes sei das aber eine Entscheidung des Waldeigentümers.

Im Waldviertel wird unterdessen mit Ahornarten und der Douglasie experimentiert. Denn eines scheint sicher: Zwischen den Laubbäumen fühlen sich auch Fichten wohler und sind resistenter als in Monokulturen.

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