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Wissen
11/23/2021

Warum der Kollaps auf den Intensivstationen droht

Nach den stark zunehmenden Corona-Neuinfektionen seit Anfang November kommt (erst jetzt) der massive Anstieg in den Spitälern.

von Kevin Kada, Elisabeth Hofer

Tag 2 des Lockdowns und die schlechten Nachrichten reißen noch nicht ab. Denn erst jetzt warten auf die Spitäler und vor allem die Intensivstationen jene massiven Steigerungen, die Österreich in den vergangenen zwei Wochen bei den Infektionszahlen gespürt hat. Aktuell gibt es 3.145 Covid-Patienten im Spital und davon 577 Covid-Patienten auf einer Intensivstation (Stand 23. November).

Der KURIER hat die Zahlen seit Anfang Oktober analysiert und kommt, ähnlich wie das Covid-Prognosekonsortium, zu einem besorgniserregenden Ergebnis.

In der Zeit vom 23. Oktober bis zum 23. November, also im vergangenen Monat, gab es in Österreich insgesamt 284.950 Neuinfektionen. Im Schnitt pro Tag also gerundet 9.498. Da aber die Normal- und vor allem die Intensivstationen laut Experten die Zahl der Neuinfektionen immer erst mit einer Zeitverzögerung zwischen 10 Tagen und drei Wochen bemerken, kommt der nächste größere Anstieg erst.

Berechnung

Als Ausgangslage dient die aktuelle Belegung der Intensivstationen (ICU). Aktuell spüren die ICUs in Österreich nämlich erst in etwa die Zeitspanne vom 9. Oktober bis zum 9. November. Zu diesem Zeitraum kommt man, wenn man die vorhin erwähnten zwei Wochen abzieht. In dieser Zeit gab es in Österreich 140.234 Neuinfektionen. Und genau aus diesem Zeitraum resultiert der größte Teil der aktuellen 577 Intensivpatienten.

Kaum berücksichtigt sind hier allerdings noch 180.155 Neuinfektionen, die in den vergangenen 14 Tagen, also seit dem 9. November, hinzugekommen sind. Das sind mehr Neuinfizierte in den zwei Wochen, als es im Vergleichszeitraum eines ganzen Monats vom 9. Oktober bis 9. November gab.

Und genau jene "fehlenden" Neuinfektionen sind es, die sich jetzt in den kommenden zwei Wochen auf den Intensivstationen bemerkbar machen werden und auch, bis zum ersten Effekt des Lockdowns nach gut zehn Tagen, weiter bemerkbar machen.

Diese Prognose und auch die Daten werden untermauert, wenn man sich die tatsächliche Belegung der Intensivstationen und die Veränderungen auf selbigen ansieht. Während es vom 23. Oktober bis zum 23. November einen Anstieg um 350 Patienten gab, waren es vom 9. Oktober bis zum 9. November "nur" 184 Patienten. Alleine in den vergangenen zwei Wochen sind also 166 Patienten hinzugekommen. Mehr als im Vergleich eines ganzen Monats.

Hier sieht man deutlich, dass der Anstieg der Neuinfektionen und jener auf den Intensivstationen mit einer gut 14-tägigen Verzögerung zusammen hängen.

Prognose: Knapp 750 Patienten

Am 17. November, also am vergangenen Mittwoch, meldete sich auch das österreichische Covid-Prognosekonsortium zu Wort. Auch dieses Expertengremium ist der Ansicht, dass die Zahlen weiter steigen werden. Die Experten rechnen Ende November mit dem Überschreiten der 600er-Grenze im intensivmedizinischen Bereich.

Am 1. Dezember wird dann in einem Mittelwert von bereits 744 Patientinnen und Patienten auf Covid-Intensivstationen ausgegangen, wobei allein in Oberösterreich der prognostizierte Mittelwert bei 172 liegt.

Aktuell sind 27 Prozent aller Intensivbetten in Österreich mit Covid-Patienten belegt. 38 Prozent mit anderen Patienten. Das heißt, dass Österreich nur noch fünf Prozentpunkte vor einem "sehr hohen Systemrisiko" steht, wie es die Corona-Kommission nennt.

Die Corona-Kommission dazu: "Bereits bei einer Auslastung der Intensivbetten von über 10 Prozent mit Covid-Patienten kann es notwendig sein, elektive Eingriffe bei anderen Patienten vereinzelt zu verschieben. Bei einer Überschreitung des Schwellenwertes von 33 Prozent wird jedenfalls davon ausgegangen, dass die Covid-Patienten bereits in deutliche Konkurrenz mit anderen intensivpflichtigen Patienten treten. Bei noch höherer ICU-Auslastung mit Covid-Patienten können Situationen eintreten, bei denen eine routinemäßige Versorgung von Notfällen nicht mehr flächendeckend gewährleistet werden kann."

Während in den meisten Bundesländern die jeweilige Auslastung noch nicht im kritischen Bereich ist, gibt es aber auch bereits zwei Bundesländer, die jene 33-Prozent-Marke bereits überschritten haben. In Oberösterreich sind aktuell bereits 37 Prozent der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt. In Vorarlberg sind es 34 Prozent. Kurz vor der Schwelle, mit 31 Prozent Belegung, steht Niederösterreich. 

35 Prozent verstorben

Ein neues Factsheet von Gesundheit Österreich zeigt, dass rund 17 Prozent der hospitalisierten Covid-Patienten und 35 Prozent der Covid-Intensivpatienten im Beobachtungszeitraum bis Ende September 2021 verstorben sind. Von den insgesamt in Österreich an Corona verstorbenen Personen wurden bisher 30 Prozent auf einer Intensivstation behandelt, 53 Prozent wurden ausschließlich auf Normalstation behandelt. Die verbleibenden 17 Prozent sind außerhalb von Krankenhäusern verstorben.

Eine Bremswirkung des Lockdowns setzt erst nach rund 10 Tagen an, sind sich Experten einig. Bis die Intensivstationen diesen Effekt wirklich spüren, wird es aber sogar noch länger dauern. Denn "im Schnitt bleiben Covid-Patienten rund 30 Tage auf der Intensivstation", wie Kärntens Intensivkoordinator Rudolf Likar erklärt.

Was ist das Ziel?

Was fehlt, ist ein konkretes Ziel für den 12. Dezember, dem - zumindest planmäßig - letzten Lockdown-Tag. Die häufig gestellte Frage ist, welche Inzidenz- bzw. Hospitalisierungszahlen das Corona-Dashboard des Gesundheitsministeriums an diesem Tag anzeigen muss, damit das Land wieder geöffnet werden kann. Von politischer Seite wollte sich dazu bisher niemand festlegen. 

Auch Experten halten die Frage nach konkreten Zahlen für die falsche. Laut Simulationsforscher Niki Popper geht es auch um zwei andere Faktoren: "Zum einen kommt es darauf an, ob die Dynamik in die richtige Richtung geht, also, wie schnell bei gleichbleibendem Testregime in einem bestimmten Zeitraum die Zahl der positiven Testungen zurückgeht. Und es geht darum, wie die Situation auf den Intensivstationen ist. Entscheidend ist dabei nicht nur, wie viele Menschen auf die Intensivstationen kommen, sondern auch, wie lange sie dort bleiben - das ist aber unabhängig von der Ausbreitungsdynamik", sagt Popper. 

Die große Unbekannte ist bei alledem einmal mehr die Wirksamkeit des Lockdowns - also ob sich die Menschen an die Maßnahmen halten. Zum Vergleich: Im vergangenen November ging die effektive Reproduktionszahl um ca. 30 bis 35 Prozent zurück. "Ich weiß nicht, ob wir das wieder schaffen", sagt Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich. Es gebe mittlerweile allerdings einige hilfreiche Effekte, etwa der "Booster" durch die dritte Impfdosis, oder die steigende Zahl der Erstimpfungen, künftig auch bei Kindern und Jugendlichen. Wie erfolgreich der Lockdown ist, das werde sich in etwa zehn Tagen zeigen, außerdem wisse man laut Popper und Ostermann, dass die Wirksamkeit eines Lockdowns bereits vor seinem in Krafttreten startet, es also zu einem sogenannten "Vorgreifeffekt" kommt.  

Ob der Rekordwert an täglichen Neuinfektionen mit rund 16.000 vergangene Woche bereits erreicht wurde, oder die Zahl in der kommenden Woche noch einmal steigen wird, ließe sich laut Ostermann nicht mit Sicherheit sagen. Aber: "Die Situation auf den Intensivstationen wird in den nächsten Wochen sehr herausfordernd sein und wir erwarten noch weitere Anstiege im Belag". Gerade deshalb hoffe man auf eine rasche Trendwende durch den Lockdown.

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