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Wissen Gesundheit
11/23/2021

Start bei Fünf- bis Elfjährigen: Wie sicher ist die Kinderimpfung?

Welche Erfahrungen es international bereits gibt und was Eltern von jüngeren Kindern über die Impfung wissen müssen.

von Elisabeth Gerstendorfer

Die Zulassung der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA für den Impfstoff von Biontech/Pfizer für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren wird für Donnerstag erwartet, daran anschließend die Empfehlung des Nationalen Impfgremiums (NIG). Wien und Tirol ermöglichen die Impfung bereits jetzt im sogenannten "Off-label-Use", das bedeutet, sie ist derzeit nicht zugelassen, kann aber dennoch nach Aufklärung der Eltern verabreicht werden – mit großer Nachfrage, vor allem in Wien. Dort waren innerhalb von zwei Stunden 3.300 Kinder angemeldet. Gleichzeitig gibt es Eltern, die sehr unsicher sind, ob sie ihre Kinder impfen lassen. Der KURIER beantwortet die wichtigsten Fragen.

 

Wie wird Kindern die Impfung verabreicht?

Erwartet wird zunächst die Zulassung für den Impfstoff von Biontech/Pfizer. Fünf- bis Elfjährige bekommen davon ebenso wie Erwachsene zwei Stiche, allerdings mit niedrigerer Dosis. Während Erwachsenen 30 Mikrogramm verabreicht werden, sind es bei Kindern 10 Mikrogramm. Die Dosis wurde in den Zulassungsstudien des Herstellers bestimmt – es handelt sich um jene Menge, die bei Kindern in diesem Alter die beste Antikörperantwort hervorrief und dabei die wenigsten Nebenwirkungen. Laut Pfizer beträgt der Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung durch die Impfung in dieser Altersgruppe 90,7 Prozent. Ob es bei Kindern eine dritte Impfung braucht, steht derzeit noch nicht fest.

Wie sind die Erfahrungen mit Kinderimpfungen bisher? Wo sind sie zugelassen?

Die meisten Daten gibt es aus den USA, wo seit Anfang November rund 2,6 Millionen Kinder unter zwölf Jahren mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft wurden. Häufige Nebenwirkungen waren etwa Schmerzen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen, Fieber oder Müdigkeit. "Das sind Impfreaktionen, die man kennt und über die man aufklären muss, die aber nach zwei, drei Tagen vorübergehen. Sehr selten kam es zu Herzmuskelentzündungen, die man zwar ernst nehmen muss, allerdings waren die bisherigen Verläufe mild, es gab keinen Todesfall oder bleibende Herzschäden", sagt Reinhold Kerbl, Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Es könne theoretisch sein, dass bleibende Schäden auftreten, bisher sei aber kein solcher Fall dokumentiert.

Länder, die den Impfstoff für Kinder ab fünf Jahren kürzlich zugelassen haben, sind Israel (Start ab heute, Dienstag) und Kanada (seit Freitag). China, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kambodscha und Kolumbien haben ebenfalls damit begonnen, Kinder unter zwölf Jahren zu impfen, allerdings mit chinesischen Impfstoffen. Italien wartet ebenso wie Österreich auf die Zulassung der EMA und will ab Dezember Kinder ab fünf Jahren impfen.

Gibt es ausreichend Daten, um von einem sicheren Impfstoff für Kinder zu sprechen?

"Bei der Menge, die in den USA verimpft wurde, ist schon eine Zahl erreicht, wo man von sehr hoher Sicherheit ausgehen kann. Impfnebenwirkungen, die bei rund drei Millionen Kindern noch nicht aufgetreten sind, sind extremst selten, wo man die Frage stellen muss, ob sie überhaupt etwas mit der Impfung zu tun haben", betont Kerbl. Das Beispiel der Herzmuskelentzündung zeigt aber, dass die Zulassungsstudien oft nicht ausreichen, um seltene Nebenwirkungen sichtbar zu machen. Sie sind erst aufgetreten, als in den USA viele Kinder geimpft wurden. "Die Zahl der geimpften Kinder war mit rund 1.500 in der Zulassungsstudie zu gering. Aber man hat es in der Umsetzung sehr rasch gesehen und erkannt. Durch die Millionen Impfungen in den USA sind wir längst in einem Bereich, wo Nebenwirkungen auffallen", so Kerbl.

Braucht es die Kinderimpfung überhaupt, wenn viele Kinder mild erkranken?

"Dadurch dass nicht ausreichend Erwachsene geimpft sind, gibt es in der Phase der Hochinzidenz, in der wir uns gerade befinden, auch kranke und schwerkranke Kinder. Die Nutzen-Risiko-Abwägung der Impfung fällt daher mehr zugunsten des Nutzens aus", sagt Kinderarzt Kerbl. Das bisher bekannte größte Risiko der Impfung ist die Herzmuskelentzündung, die mit einer Häufigkeit von maximal einem je 20.000 Kindern auftritt und gut behandelt werden kann. Demgegenüber steht die Zahl von einem je 1.000 infizierten Kindern, das schwer erkrankt.

Ist die Sorge vor Spätfolgen oder Veränderungen des Erbguts berechtigt?

Impfnebenwirkungen treten unmittelbar nach der Impfung auf, die meisten binnen weniger Stunden bis ein, zwei Tage nach der Impfung. Spätfolgen, die einige Jahre nach der Impfung auftreten, sind bisher nur bei einem einzigen Impfstoff aufgetreten, der 2009 gegen die Schweinegrippe verimpft wurde. Bis Januar 2015 wurden mehr als 1.300 Fälle von Narkolepsie, eine neurologische Erkrankung, bei der es am helllichten Tag zu Müdigkeit und Schlafattacken kommt, nach der Impfung mit dem Impfstoff Pandemrix bekannt. "Sonst gibt es aus den letzten Jahrzehenten gar keine Beispiele und es ist extrem unwahrscheinlich, dass so etwas eintritt", sagt Kerbl.

Hinsichtlich Erbgut-Veränderungen besteht auch bei Kindern kein Grund zur Sorge. "Die mRNA-Impfstoffe können keinesfalls genetisches Material des Menschen beeinflussen. Wissenschaftlich ist ausgeschlossen, dass es durch eine mRNA-Impfung genetische Veränderungen gibt, auch bei Kindern. Ich verstehe aber Eltern, die Ängste haben. Wir als Ärzte und Wissenschafter bemühen uns seriöse Informationen weiterzugeben und Ängste aufzuklären", so Kerbl. Einige Studien bei Erwachsenen haben zudem gezeigt, dass die mrNA-Impfstoffe keinen Einfluss auf die Fruchtbarkeit haben, weder bei Frauen noch bei Männern. Es gibt auch keine molekularbiologische Wirkweise im Körper, die eine Angst davor begründen würde, so Kerbl.

Die mRNA-Impfstoffe gibt es noch nicht lange. Sind sie ausreichend geprüft?

Es stimmt, dass Covid-19-Impfstoffe, die ersten zugelassenen Impfstoffe sind, die auf der mRNA-Technologie basieren. Allerdings ist das Impfprinzip nicht neu, sondern schon länger erforscht. "Erst im Zuge der Pandemie ist es gelungen, die Technologie umzusetzen, was damit zu tun, dass die ganze Welt nichts anderes getan hat, als an der Impfung zu arbeiten. Gelder und sonstige Ressourcen wurden lukriert, die sonst unvorstellbar waren. Es wurde aber nicht weniger geforscht als sonst für Impfungen üblich, sondern sogar mehr", betont Kerbl. Viele Forscherinnen und Forscher weltweit haben sich der Entwicklung von Covid-Impfstoffen gewidmet, wodurch es möglich wurde, in kürzerer Zeit zu Resultaten zu kommen – das heiße aber nicht, dass mRNA-Impfstoffe weniger gut untersucht wurden als andere.

Wird es für Kinder eine Impfpflicht geben?

Dies steht derzeit noch nicht fest. Für den Impfexperten der Ärztekammer, Rudolf Schmitzberger, ist die Frage, ab welchem Alter eine Covid-Impfpflicht gelten soll, "eine schwierige Diskussion". Schmitzberger sprach sich gegenüber der APA vorerst zumindest für eine Verpflichtung der Erwachsenen aus. Allerdings seien Kinder "momentan auch Hauptträger" des Virus und man wisse, dass die Impfung für sie sicher ist. Auch für Immunisierungen im Kinderimpfprogramm fordert die Ärztekammer seit langem eine Pflicht. Hier sind die Impfzahlen "dramatisch runtergangen in der Pandemie", warnte Schmitzberger.

Es gibt auch neue Daten zum Biontech/Pfizer-Impfstoff für die 12- bis 15-Jährigen. Gibt es da neue Erkenntnisse, die den bisherigen widersprechen?

Nein. Das Nebenwirkungsprofil des Impfstoffs entsprach demnach im Allgemeinen den bisherigen klinischen Sicherheitsdaten. In der Nachbeobachtungszeit von mindestens sechs Monaten nach Erhalt der zweiten Impfdosis hätten keine ernsthaften Sicherheitsbedenken festgestellt werden können, teilten Biontech und Pfizer am Montag mit. Die Wirksamkeit von 100 Prozent vor einer Covid-19-Erkrankung wurde laut diesen Daten bestätigt. "Diese zusätzlichen Daten geben weiteres Vertrauen in das Sicherheits- und Wirksamkeitsprofil unseres Impfstoffs bei Jugendlichen", sagte Pfizer-Chef Albert Bourla.

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