Warum glauben Sie den Fakten nicht?

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Foto: APA/AFP/RYAN MCBRIDE Die Wissenschaft steht vor einem Problem: Faktenresistenz

Menschen klammern sich an Behauptungen, die bewiesenermaßen unwahr sind. Doch warum? Forscher haben herausgefunden, wann Menschen besonders empfänglich dafür sind, an "alternative Fakten" zu glauben.

Es gibt Dinge, über die sich hervorragend streiten lässt. Zum Beispiel der Musikgeschmack des Nachbarn oder die Kindererziehung des befreundeten Paares. Was für den einen gut und richtig ist, kann für den anderen schlecht und falsch sein. Deshalb ziehen sich die Diskussionen mit Nachbarn und Freunden in die Länge.

Dann gibt es aber Themen, die schnell geklärt sind. Beispielsweise der von Menschen gemachte Klimawandel, Darwins Evolutionstheorie oder dass Aids durch den HIV-Virus ausgelöst wird. Trotzdem zweifeln Menschen an Fakten, und schenken Informationen Glauben, die bewiesenermaßen unwahr sind. So halten sie Impfungen für ein gefährliches Gift, die biblische Schöpfungsgeschichte für einleuchtend und die Erderwärmung für ein "Konzept der Chinesen, um die amerikanische Wirtschaft zu schwächen" (Donald Trump).

Wieso ignorieren wir Fakten?

Doch wieso negieren Menschen Fakten? Sind sie schlecht informiert? Nein, sagt der deutsche Psychologe Tobias Rothmund. "Wir tendieren aber dazu, Fakten vor dem Hintergrund unserer persönlichen Einstellungen und Motivationen zu bewerten."

Rothmund ist Mitglied einer Forschungsgruppe, die in mehreren Studien untersucht hat, wann Menschen besonders empfänglich dafür sind, an "alternative Fakten" zu glauben. Die Ergebnisse fasst der Psychologe im KURIER-Gespräch folgende zusammen: "Menschen sind nicht gut darin, wissenschaftliche Erkenntnisse unvoreingenommen zu lesen."

Als Beispiel führt Rothmund die Klimawandel-Debatte in den USA an. "Konservative US-Amerikaner leugnen die Existenz der Klimaerwärmung stärker als Liberale", erklärt er. Das liege aber nicht am mangelnden Wissen, sondern an den individuellen Lebensbedingungen. "Konservative glauben nicht daran, weil sie die damit einhergehenden veränderten Lebensbedingungen als bedrohlicher wahrnehmen. Liberale sind für Veränderungen hingegen offener." Teens playing video games… Foto: Getty Images/Pixland/Pixland/Thinkstock

Dass Menschen Studien unterschiedlich bewerten, macht auch eine Untersuchung zwischen Gamern und Pazifisten sichtbar. Im Rahmen von Labor- und Online-Experimenten wurden die zwei Gruppen mit Forschungsergebnissen konfrontiert, die entweder gegen oder für die Schädlichkeit von Gewalt in Medien sprechen. Das Ergebnis: Gamer stimmten jene Studien zu, die der Mediengewalt keinen negativen Einfluss attestieren, und lehnen Befunde zur Videospielgewalt ab. Bei Pazifisten ist es genau umgekehrt. Sie befürworten Fakten, die den negativen Einfluss von Mediengewalt beweisen, und negieren Untersuchungen, die das nicht tun. Stärker wirkte dieser Effekt, wenn man der Versuchsgruppe davor eine Statistik über die steigende Kriminalität vorgelegt hat.

Orientierung an der Weltanschauung

Wissen, das den eigenen Erfahrungsschatz widerspruchsfrei ergänzt, würde man bereitwillig ins eigene Weltbild integrieren, erklärt Rothmund. Fakten, die unseren Interessen widersprechen, würden für fehlerhaft und irrelevant erklärt werden. Die Qualität einer Studie wird abgewertet. "Menschen orientieren sich bei ihren Bewertungen an Weltanschauungen und sozialen Gruppen, zu denen sie sich zugehörig fühlen", sagt der Psychologe. Auffallend ist: Je größer die Sorgen und Ängste zu einem bestimmten Thema, desto einseitiger ihre Bewertung von Studien.

Deshalb seien die Menschen aber nicht zwangsläufig uninformiert. Wer beispielsweise an die übernatürliche Schöpfung des Menschen glaubt, kann Darwins Evolutionstheorie durchaus verstanden haben. Und jemand, der Darwins Thesen befürwortet, muss nicht automatisch um die Bedeutung der natürlichen Auslese wissen. "Es ist nur so, dass das Bekenntnis zur eigenen Identität größer ist als die Liebe zu Fakten", konstatiert Rothmund.

(KURIER) Erstellt am
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