Wissen und Gesundheit
06.04.2017

Marschieren für die Wissenschaft, denn "Schweigen ist Zustimmung"

Forscher protestieren beim "March for Science" am 22. April für die Freiheit der Wissenschaft und arbeiten an Strategien, wie sie die Menschen in postfaktischen Zeiten miteinbeziehen können.

Er setzte der US-Umweltbehörde einen Verbündeten der Ölindustrie als Chef vor, kürzte Budgets und ignoriert Fakten: Donald Trump machte die schlimmsten Befürchtungen der US-Forscher wahr. In Österreich sehen Wissenschaftler ebenso besorgt in die Zukunft – nicht nur wegen des US-Präsidenten. Das Schmähen von Fakten ist im Netz salonfähig geworden. Und im Nachbarland Ungarn will die Orbán-Regierung die weltoffene "Central European University" schließen. Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny wertet dies als Angriff auf die Freiheit der Forschung. Und will dafür am 22. April auf die Straße gehen.

Ausgehend von den USA findet der "March for Science" in mehr als 400 Städten statt. Doch der Protest ist viel mehr als eine Anti-Trump-Demo. Wien-Organisator Oliver Lehmann: "Vernunft und Offenheit sind die unverzichtbaren Voraussetzungen für Wissenschaft. Wir rufen dazu auf, dieses Fundament zu schützen, zu stärken und zu feiern, das nicht nur die Basis der Wissenschaft darstellt, sondern auch die Grundlage der Demokratie.

Strategien gegen "alternative Fakten"

Proteste auf der Straße setzen zwar Zeichen, aber es braucht auch Strategien, wie Wissenschaft künftig dem Verbreiten von "alternativen Fakten" und sonstiger Diskreditierung begegnen soll. Biochemikerin Renée Schroeder hofft, dass sich darüber hinaus eine Bewegung formiert, die für eine aufgeklärte Gesellschaft kämpft. Wissenschaftsforscherin Nowotny ist überzeugt, dass der Wert wissenschaftlicher Ergebnisse für die Gesellschaft deutlicher hervorgehoben werden muss – "indem man die Menschen hereinholt, gerade in Zeiten, in denen der Klimawandel geleugnet wird, offiziell die Verweigerung von Impfungen gut geheißen wird und wissenschaftlich-technische Expertise als überflüssig abgetan wird."

Ähnlich sieht es Giulio Superti-Furga vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin "CeMM" (siehe unten). Er ist nicht nur über die US-Entwicklungen und die Folgen für Kooperationen und Nachwuchswissenschaftler besorgt. Nationale Abgrenzungen, wie sie durch den "Brexit" entstehen, seien ebenfalls ein Verlust von Wissensaustausch, Fortschritt und Wohlstand. "Dabei wäre der Wissenschaftsbereich ein gutes Beispiel dafür, wie ein konstruktives und wertschätzendes Miteinander über Ländergrenzen hinweg funktionieren kann."

Infos zum Vienna Science March:
Organisiert wird der Marsch vom Verein „Wien Wissen“. Er startet am 22. April um 13 Uhr mit einem „Science Picnic“ im Sigmund-Freud-Park. Teilnehmer sind eingeladen, eine Präsentation, Idee oder ein Experiment mitzubringen, um Besuchern ihre Forschung vorzustellen. Um 14 Uhr geht es weiter Richtung Innenstadt. Die geplante Route: Über Freyung, Tuchlauben, Stephansplatz, Wollzeile, Schellinggasse,Walfischgasse und Albertina geht es weiter zu Michaelerplatz und Heldenplatz und weiter durch das Burgtor zum Abschlussfest am Maria-Theresien-Platz. Mehr dazu unter: www.sciencemarchvienna.at

Helga Nowotny, Wissenschaftsforscherin: In einer Zeit der Destabilisierung muss die Wissenschaft im ständigen Gespräch mit der Gesellschaft sein. Sie hat längst nicht mehr die einzige Deutungshoheit über Wissen und wo es lang geht. Doch sie kann helfen, das Übermaß an Information und Desinformation zu filtern und in Wissen zu verwandeln. Sie muss die Menschen neugierig machen, denn Neugier steht für Offenheit. Sie darf sich nicht beschränken, nur Ergebnisse zu kommunizieren, sondern muss die Menschen mitnehmen auf dem Weg, wie man dahin kommt. Der Forschungsprozess ist voll von Ungewissheit. Man weiß oft nicht, was herauskommt. Es geht längst nicht mehr nur um Wissenschaft, sondern, wie Wissenschaft und Technik auf die Gesellschaft einwirken und wie sie mit politischen Prozessen verwoben ist.
Giulio Superti-Furga, Molekularbiologe: Als Wissenschaftler trägt man gegenüber der Gesellschaft die Verantwortung, Vernunft und Fakten als höchstes Gut der Aufklärung zu verteidigen. Wenn sich in der Öffentlichkeit eine (Anti-)Kultur der „alternativen Fakten“ verbreitet, muss man sich dazu äußern. Und dem mit Offenheit, Transparenz und unermüdlicher Kommunikation begegnen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen auf die Bürger zugehen, ihnen Forschung und ihre Bedeutung für die Gesellschaft verständlich machen. Der Großteil von Forschungsprojekten wird über Steuergelder finanziert. Daher sollten beide Seiten ein Interesse an einem aktiven Austausch haben. Wir müssen Wissenschaft und Ausbildung als Grundbestandteil unserer Kultur und Zukunft sowie als Antrieb für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit begreifen.
Renée Schroeder, Biochemikerin: Wissenschaft zu diskreditieren, ist salonfähig geworden – es werden negative Dinge hervorgehoben oder einfach falsche Tatsachen verbreitet, auch wenn es um die Europäische Union geht. Den Menschen geht es objektiv besser denn je, aber subjektiv wird das nicht so empfunden. Dieser Ursache muss man nachgehen. Aufklärung ist notwendig in einer demokratischen Gesellschaft – aber die Kraft der Gegenaufklärung ist sehr stark und viele Menschen sind leicht empfänglich für Lügen. Es steht jedem frei, sich zu engagieren. Neutral zu bleiben, ist schwer bis unmöglich, vor allem, wenn es um Substanzielles geht. Denn Schweigen ist Zustimmung! Am 22. April demonstrieren wir für die Wissenschaft und nicht gegen etwas. Ich erhoffe mir, dass es zu einem neuen Zeitgeist kommt, in dem für etwas zu sein salonfähig wird.