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Wissen
04/03/2019

Verena Winiwarter im Interview: Ist die Welt noch zu retten?

Am 4. und 5. April diskutieren Forscher in Wien über die UN-Nachhaltigkeitsziele. Umwelthistorikerin Winiwarter spricht im Interview über einen ökologischen Lebensstil, der glücklich macht.

Die Welt soll besser werden – und zwar für alle. Gelingen soll das mithilfe von 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, die von den 193 Mitgliedstaaten der UNO umgesetzt werden sollen. Doch ist die Welt überhaupt noch zu retten? Über das Ob und Wie reden heute und morgen Wissenschafter auf einer Konferenz in Wien (siehe ganz unten).

Eine der Vortragenden ist die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter.

KURIER: Manche Frauen verzichten auf Kinder, um so das Klima zu retten. Eine gute Idee?

Verena Winiwarter: Ich respektiere jede Frau, die diese Entscheidung trifft – weltweit gesehen geht es aber nicht um die Frauen in der westlichen Welt, sondern um die Frauen in Entwicklungsländern, die gar keine andere Wahl haben als acht Kinder zu bekommen. Wenn wir denen das Leben erleichtern, sodass sie nur drei Kinder bekommen, haben wir mehr bewirkt. Im Klartext heißt das: Wir müssen Frauen in diesen Ländern durch gute Bildung Einkommenschancen geben, und sie vor männlicher Gewalt schützen. Frauen sind für das Thema stärker sensibilisiert als Männer – auch, weil sie es meist sind, die z.B. das durch Luftverschmutzung an Asthma erkrankte Kind pflegen.

Eltern haben eine andere Einstellung?

Möglich, dass Kinderlose pessimistischer denken. Kinder zwingen geradezu dazu, optimistisch zu sein. Optimisten aber handeln eher.

Das sind die 17 Ziele der UNO

Es scheint, als ob die Menschen Nachrichten über den Klimawandel nicht hören wollten. Oder schlimmer: Sie hören auf Forscher, die ihn leugnen. Was kann da die Wissenschaft tun?

Die Forschung muss immer auf dem Boden der Wissenschaft bleiben. Sie hat immer noch eine größere Glaubwürdigkeit als z.B. Politik und Medien – durchaus mit Recht. Wir Wissenschafter und Wissenschafterinnen dürfen uns da keinesfalls in Meinungsverschiedenheiten hineinziehen lassen, wenn eigentlich Einigkeit herrscht, so wie beim Klimawandel. Da gibt es nur einzelne, die wider eine erdrückende Mehrheit von international bedeutenden Wissenschaftern diesen in Zweifel ziehen. Die Mehrheit macht sehr präzise und sehr belastbare Prognosen aufgrund einer Datenbasis, die noch nie so gut war wie heute.

Das will nicht jeder hören.

Klar, weil man seinen Lebensstil ändern müsste. Es wird hier immer von Verzicht geredet – das ist die falsche Rhetorik. Ich finde, eine Änderung unseres Lebensstils wäre ein Gewinn. Die wenigsten Menschen sind doch mit dem Wirtschaftswachstum und der Beschleunigung glücklich. Sie stöhnen. Eine Welt ohne großes Wirtschaftswachstum kann sich heute leider niemand vorstellen. Doch das Dogma des Wachstums gibt es erst seit den 1950ern. Meine Botschaft: Die fossile Energie ist der Kernparameter für eine nicht nachhaltige Entwicklung. Der Umstieg auf erneuerbare – vor allem solare – Energie wäre ein wirklicher profunder Schritt.

Nachhaltigkeit heißt aber mehr als Umweltschutz.

Ja, die UNO hat insgesamt 17 Ziele definiert. Sie alle würden unser Leben verbessern. Sehen wir uns an, wie es derzeit aussieht: Frauen arbeiten drei Mal so viel wie Männer im Haushalt und in der Erziehung – Gleichberechtigung würde allen etwas bringen. Aber klarerweise geht es auch um Klimaschutz: Zwischen 1990 und 2015 sind mehr als 1,6 Millionen Menschen durch Naturkatastrophen gestorben, die mit dem Klimawandel zusammenhängen. Da wäre eine nachhaltigere Welt besser – eine, in der wir mit weniger Zeug und mehr Zeit leben. Wir Menschen brauchen nicht Dinge, sondern Beziehungen.

Gibt es unter den Zielen eines das Basis für alle anderen ist?

Die Ziele ergänzen sich in den meisten Fällen, stehen aber nicht hierarchisch zueinander. Allerdings: Der gemeinsame Weg zu zwei Zielen führt sehr oft über das Ziel 10, die Verringerung der Ungleichheit innerhalb und zwischen Staaten. Auch die Nachhaltigkeit von Konsum und Produktion (Ziel 12) sind zentrale Themen. Wichtig auch Ziel 9: Da geht es nicht um „mehr Industrie“, sondern um den Aufbau einer widerstandsfähigen Infrastruktur, die sich nicht nur dem Klimawandel anpasst, sondern auch gegen gesellschaftliche Einflüsse möglichst wenig verwundbar ist, also etwa nicht anfällig für Terrorismus ist.

Sie sind Umwelthistorikerin. Können wir heute noch aus der Umweltgeschichte lernen?

Sehr viel. Man weiß z.B. seit dem 16. Jahrhundert, dass Quecksilber giftig ist. Damals hat man angefangen, Gold damit zu reinigen. Seither verwenden wir unglaubliche Mengen. Noch in unserem Jahrhundert leitete ein japanischer Konzern Quecksilber in eine Bucht ein. Von dort gelangte es über die Muscheln in die Fische und Seevögel, dann in die Fischer. Später erkrankten die Kinder, weil das Quecksilber über die Placenta in ihr Blut kam – eine Tatsache, die man nicht glaubte. Am Ende litten Tausende an schweren Symptomen. Die Firma hörte erst damit auf, als es sich wirtschaftlich nicht mehr gelohnt hat. Erst 2013 hat die UNO mit der Quecksilberkonvention ein Ende der Verwendung des giftigen Metalls beschlossen.

Die Natur als Ressource.

Ja. Der Mensch greift schon sehr lange in die Natur ein, weil er gerne eine stabile Natur um sich hat, sodass immer gleich viel Essen zur Verfügung steht und Häuser stehen bleiben. Doch die Natur ist dynamisch, wie jeder weiß, der einen Garten hat. In einem Jahr trägt der Baum z.B. kaum Marillen, im anderen viele. Der Mensch hat versucht, die Dynamik der Natur einzubremsen. Das war der Motor der Entwicklung der Landwirtschaft – der neolithischen Revolution, als der Mensch in der Steinzeit sesshaft wurde. Die große Leistung der fossilen Energie war, dass sie uns von Ernten unabhängig gemacht hat.

Das müssen Sie erklären.

Sobald man Dampfschiffe hatte, war man vom Wind unabhängig und fuhr dahin, wo die Fische waren. So haben wir die Überfischung verursacht – auch mithilfe von Schleppnetzen und Satelliten, die Fische orten. Ermöglicht hat all das die fossile Energie. Um das zu sehen, muss man weit in die Geschichte zurückgehen – so können wir Lehren daraus ziehen.

Internationales Symposium

Wie können die von den Vereinten Nationen definierten 17 Nachhaltigkeitsziele erreicht werden – und welche Rolle spielen dabei Wissenschaft und Medien? Darüber diskutieren am 4. und 5. April  internationale Expertinnen an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, jeweils ab 9 Uhr.

Ort: 1010 Wien, Ignaz-Seipel-Platz 2.  Die Konferenz ist öffentlich und kostenfrei. Konferenzsprache ist Englisch. Programm und Anmeldung unter oeaw.ac.at.

Buchtipp: Hans-Rudolf Bork, Verena Winiwarter: Geschichte unserer Umwelt, 66 Reisen durch die Zeit, Verlag wbg Theiss, 25,70 Euro