Yuval Noah Harari: Eine funktionierende EU könnte ein weltweites Vorbild sein.

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Wissen
05/08/2019

Historiker Harari über Europa: Harmonie ohne Einförmigkeit

Der Historiker Harari sieht in der EU und in der künstlichen Intelligenz Gefahren – aber auch Chancen.

von Helmut Brandstätter

Ein Gespräch mit dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari kann zu einer emotionalen Hochschaubahn werden. In seinen Büchern beschreibt der Bestsellerautor eine mögliche Zukunft, in der die meisten Menschen nur mehr von Algorithmen gesteuerte Produzenten von Daten sind, während eine kleine Elite daran arbeitet, ein ewiges Leben zu erreichen.

Dann wiederum spricht er über Europa als Kontinent mit riesigen Chancen. Harari ist auf Einladung der Wirtschaftskammer in Wien, am Dienstagabend sprach er gemeinsam mit Präsident Harald Mahrer und Bundeskanzler Sebastian Kurz über den „European Dream“.

Für Harari ist Europa „bis jetzt das beste Beispiel in der Geschichte der Menschheit für Harmonie ohne Einförmigkeit“. Die Zusammenarbeit von Völkern mit verschiedenen Sprachen ohne eine Regierung sei einmalig. Allerdings: „Wenn dieses Experiment scheitert, wäre das ein schreckliches Omen. Das würde bedeuten, dass weltweite Kooperation nur durch die Schaffung eines Weltreiches möglich wäre. Aber wenn die EU funktioniert, wäre sie ein Vorbild für eine weltweite Zusammenarbeit.“

Harari sieht die Gefahr nicht so sehr im Nationalismus. Verglichen mit dem 19. Jahrhundert seien nationale Konflikte heute harmlos: „Nicht einmal Nationalisten wären heute bereit, für ihr Land zu sterben.“ Liberale Demokratien brauchen den Zusammenhalt durch ein nationales Gefühl.

Sorgen würde sich der Historiker nur machen, wenn ein Land der EU Besitzansprüche für Gebiete eines andern Landes erheben würde. Harari sieht die Konflikte eher innerhalb der Nationen, wenn einzelne Gruppen gegeneinander ausgespielt werden.

Digitaler Missbrauch

Die künstliche Intelligenz wird unsere Art zu leben und zu produzieren völlig verändern. Bei den entsprechenden Entwicklungen ist Europa bereits massiv gegenüber den USA und China zurückgefallen.

Chinas enormes Engagement sieht der israelische Historiker im Trauma der Chinesen, die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts verschlafen zu haben. Damals war China zu selbstgefällig, heute wirke Europa genau so. Es sei aber sehr gefährlich für die ganze Welt, den technologischen Wettlauf alleine Amerikanern und Chinesen zu überlassen.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung beginnen für Harari schon damit, dass die Technologie dazu führt, dass Monopole gebildet werden, weil eben etwa bei Facebook jeder dabei sein will.

Harari: „Das Problem mit den digitalen Geräten liegt darin, dass sie auf den systematischen Missbrauch der menschlichen Aufmerksamkeit aufgebaut sind. Das hat es früher nie gegeben und das wird noch schlimmer. Die Technologie wird lernen, menschliche Schwächen zu erkennen und auszubeuten.“

Insofern sieht Harari die Gefahr der künstlichen Intelligenz nicht darin, dass sie die Stärken der Menschen besiegen würde, sondern im Gegenteil, sie werde die Schwächen der Menschen überwältigen. Über Mechanismen der künstlichen Intelligenz werden Computer die schwächsten Punkte jedes Menschen immer schneller erkennen. Facebook und andere tun das bereits, die politsche Propaganda werde das auch ausnützen.

Missing Link kommt

Und da stehen wir noch am Anfang: In ein paar Jahren wird die noch fehlende Verbindung zur perfekten Überwachung selbstverständlich sein, dann werden wir biometrische Sensoren am Körper tragen, die unsere Emotionen und Körperfunktionen – wie etwa den Blutdruck – aufzeichnen. TV-Produzenten wie Netflix werden uns dann ihre Programme gerne kostenlos zur Verfügung stellen, wenn sie uns überwachen dürfen. Sie werden zielgenau Produkte anbieten und natürlich auch politische Botschaften.

Alles kann gut werden

Aber – siehe oben – auch hier fährt Harari mit ruhiger Stimme und klaren Worten ein Stück emotionaler Hochschaubahn. Künstliche Intelligenz müsse nicht das Ende der Privatsphäre sein. Im Moment werde die Technologie für die erschreckendsten Instrumente der Überwachung von Menschen eingesetzt, aber es könne auch umgekehrt kommen: „Man kann die künstliche Intelligenz auch dafür einsetzen, um Regierungen zu überwachen. Oder dazu, dass sie uns vor Fake News und Manipulation beschützt.“

Das führt zur Frage, welche Jobs denn erhalten bleiben: „Alle, bei denen Flexibilität erforderlich ist.“ Welche das genau sein werden, weiß heute noch niemand.

Zur Person

Yuval Noah Harari

Am 24. 2. 1976 in Israel geboren. Harari studierte von 1993 bis 1998 an der Hebräischen Universität Jerusalem Geschichte, lehrt dort seit 2005 und ist mit Forschungen zur Militärgeschichte befasst. Derzeit beschäftigt sich Harari mit Weltgeschichte und makrohistorischen Prozessen. Er lebt in einer gleichgeschlechtlichen Ehe im Westen Jerusalems.

Bekannte Publikationen

„Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit“, „Homo Deus. Eine Geschichte von morgen“, „21 Lektionen für das 21 Jahrhundert“