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Politik Ausland
03/03/2019

Die Frage aller Fragen: Wer sind wir – und was wird aus uns ?

Info-Plattformen, Biotechnologie und Gehirnforschung verändern unser Leben, wie wir es uns noch nicht vorstellen können.

von Helmut Brandstätter

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari verspricht „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“. Doch am Ende des Buches stellt sich heraus, dass es nur um die Beantwortung einer Frage geht: Haben wir noch genug Zeit, um die Errungenschaften der Digitalisierung und der Revolution der Biotechnologie zu beherrschen, oder werden wir in absehbarer Zeit nur mehr ausführende Organe von ferngesteuerten Algorithmen sein? Diese Frage betrifft sowohl jedes einzelne Individuum als auch die gesamte Gesellschaft. Wobei das Denken in Nationen oder sonst wie abgeschotteten Gemeinschaften illusorisch ist. Die von den vielen Daten, die wir ständig preisgeben, gesteuerten Algorithmen kümmern sich nicht um Landesgrenzen.

Das klingt alles nach Utopie? Was aus der einstmals gepriesenen Dienstleistungsgesellschaft geworden ist, wird im heutigen KURIER detailliert dargestellt. Nicht nur, dass jeder Konsument zum kostenlosen Mitarbeiter von Banken, Fluglinien und Supermärkten wird. Während wir fleißig für diese Unternehmen arbeiten, schenken wir ihnen auch noch unser Wertvollstes, unsere Daten. Das ist aber nur der Anfang.

Daten-Missbrauch

Bisher transportieren wir mit unseren Daten nur unser Verhalten, aber die technische Entwicklung geht weiter – bald werden auch unsere Gefühle transparent werden. Was das für die Wirtschaft, vor allem aber für eine liberale Demokratie bedeutet, darüber können wir heute nur spekulieren. Aber der Missbrauch ist vorgezeichnet, wenn Computer unser emotional gesteuertes Verhalten nicht nur verstehen, sondern auch vorhersehen können.

Die gute Nachricht ist ja, dass die Menschen nach Jahrtausenden schwerer körperlicher Arbeit – seit der Erfindung des Pflugs – diese den Robotern übertragen kann. Neue Arbeit entsteht, aber diese verlangt sehr gute Ausbildung und noch mehr Flexibilität. In Deutschland fehlen nach einer neuen Studie bis 2025 rund 2,9 Millionen Facharbeiter. Auch Pflegekräfte fehlen, Absolventen mancher Hochschulstudien hingegen sind arbeitslos, Computer sind oft schon besser als Juristen. Unsere Schulen und Unis sind leider nicht vorbereitet auf die großen Umwälzungen.

Richtung „Emotions-Kratie“

Und unsere Demokratie schon gar nicht. Bei globalen Herausforderungen schauen Nationalstaaten nur hilflos zu. Allerdings: Der Mensch wurde auch deshalb so erfolgreich, weil er abstrahieren und Geschichten erzählen kann und diese auch glaubt. Gerade in unsicheren Zeiten lassen sich Geschichten über Nationalstolz, Ehre und Traditionen besser verkaufen als Konzepte für die unsichere Zukunft. Die täglichen Appelle an unsere Gefühle, auch in Österreich, und das Spiel mit unseren Ängsten zeigt den Weg vor, wie aus liberalen Demokratien gefühlsgesteuerte „Emotions-Kratien“ werden. Diese werden wir dann genau so wenig beherrschen können wie die von den Daten beherrschten Algorithmen.

Der vielleicht wichtigste Satz in Hararis Buch versteckt sich im Kapitel über Säkularismus:„ Fragen, die man nicht beantworten kann, sind normalerweise viel besser als Antworten, die man nicht hinterfragen darf.“ Am meisten müssen wir uns vor denen hüten, die auf diese vielen komplexen Herausforderungen schnelle Antworten haben. Und die uns mit ein bisschen Unterhaltung ruhigstellen wollen, damit wir keine Fragen mehr stellen.

China zeigt uns den Weg vor, wie der Staat per Daten und Algorithmen jedes Individuum kontrolliert, belohnt und bestraft. Rechtspopulisten bei uns wollen uns mit Angst vor allem Fremden in die Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts führen. Wer an die liberale Demokratie glaubt, muss die neuen Techniken nutzbar machen und mit den Konsequenzen leben lernen, durch mehr Verständnis und mehr Bildung. Harari ist kein Pessimist, die Menschheit können das schaffen, aber es bleiben nur mehr wenige Jahre, höchstens einige Jahrzehnte.