Blick in das Zentrallabor des Wiener AKH / MedUni Wien: Automatisierung und Digitalisierung in der Medizin unterstützen Ärztinnen und Ärzte dabei, sich wieder mehr auf ihre Kernaufgaben zu konzentrieren.

© Kurier/Gerhard Deutsch

Wissen Gesundheit
02/01/2021

Wie Mediziner mehr Zeit für das ärztliche Gespräch bekommen sollen

Digitalisierung der Medizin. In der Corona-Pandemie ist die Akzeptanz für Angebote wie Videosprechstunden gestiegen.

von Ernst Mauritz

„Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, wie wichtig die Digitalisierung der Medizin ist.“ Das betonten die Geschäftsführerin von Roche Diagnostics, Uta-Maria Ohndorf, und der Rektor der MedUni Wien, Markus Müller, bei einer Diskussion im KURIER-Stadtstudio Pods & Bowls.

KURIER: Wie hat 2020 die Medizin verändert?

Uta-Maria Ohndorf: Die Corona-Pandemie war so etwas wie ein Stresstest. Einerseits sind einige Schwachstellen aufgetreten, andererseits ist plötzlich auch ein Innovationswille vorhanden gewesen und es gingen plötzlich Dinge, die vorher nicht so leicht möglich waren, wie etwa das E-Rezept.

Markus Müller: 2020 war ein Brandbeschleuniger einer Entwicklung hin zur Akzeptanz digitaler Instrumente. Viele Ärzte und Patienten haben ihre Zurückhaltung gegenüber Video-Konsultationen abgelegt, die ursprünglich aus der Not geboren wurden – aber man hat dann gesehen, dass das ganz gut funktioniert. 2020 hat aber auch Defizite in der Annahme von digitalen Instrumenten aufgezeigt, ein Beispiel dafür ist die Corona-App. Es geht also nicht nur um die Technologie, sondern auch um die Adoption der Methoden durch die Bevölkerung. Und da gibt es insbesondere in Österreich immer noch viele reservierte Haltungen. Aber gerade Länder, die erfolgreicher sind im Einsatz digitaler Instrumente wie Apps, etwa in Asien, waren bis jetzt auch erfolgreicher in der Pandemiebekämpfung.

Letztlich wird die Digitalisierung dazu führen, dass Ärzte sich wieder mehr um ihre Kernaufgabe werden kümmern können, nämlich das ärztliche Gespräch. All diese Technologien werden dazu beitragen, Zeit frei zu machen für die empathischen Kernaufgaben der Medizin.

Gibt es Beispiele, wie die Patienten profitieren?

Ohndorf: Es gibt eine Gruppe, die in der Annahme digitaler Möglichkeiten schon aufgeschlossener ist: Und das sind die Patienten mit chronischen Krankheiten, die sich wünschen, ihre Krankheit selber besser managen zu können, etwa Diabetes-Patienten, die mit Hilfe einer App ein digitales Diabetes-Tagebuch führen. Wir erleben in der Medizin derzeit eine Explosion an Daten und Wissen, zum Beispiel in der Onkologie. Ein Arzt, der hier in seinem Fachgebiet Up to date bleiben will, müsste 26 Stunden am Tag nur lesen.

Aber genau da können Hilfsmittel wie solche Apps helfen, indem sie Daten zusammenführen, aufbereiten und verdichten und dadurch Ärzten ermöglichen, schneller Entscheidungen zu treffen. Ein nächster Schritt ist, dass anonymisiert Daten von diesem Patienten mit Patientendaten aus der ganzen Welt verglichen werden können, etwa bei seltenen Krebserkrankungen. So können Ärzte sehen: O.k., in diesem Fall hat eine spezielle Therapie schon einmal Erfolge gezeigt, vielleicht wäre sie auch etwas für meinen Patienten.

Müller: Letztlich geht es um Automatisierung. Die Labormedizin ist ein gutes Beispiel dafür: Vieles, was früher händisch gemacht wurde, erledigen heute große Automaten. Auch in der Bildgebung schreitet die Digitalisierung rasch voran: Man kann etwa ein CT-Bild in Datenbanken mit Millionen anderen Bildern vergleichen. Das kann die Diagnostik unterstützen.

Ohndorf: Solche Hochdurchsatzmaschinen im Labor können 400 PCR-Tests in drei Stunden abarbeiten, manuell wäre das gar nicht möglich.

Aber werden Ärzte dann nicht bald überflüssig?

Müller: Nein. Ärzte werden sogar noch näher an dieses klassische Bild des Hausarztes herankommen, im Sinne eines modernen Lebensbegleiters: Sie begleiten Patienten auf ihrem Weg durch diese hochkomplexe digitale Welt.

Ohndorf: Wichtig ist, zu betonen, dass ja die Entscheidung über eine Therapie immer beim Arzt bleibt. Die Digitalisierung ist die Voraussetzung für die Personalisierung. Dazu ist es notwendig, nicht nur verschiedene Datensätze zu haben, sondern diese einzelnen „Datensilos“ auch zu durchbrechen und dann zusammenzuführen. Erst das macht es möglich, Therapien auf die Genetik des Patienten bzw. bei Krebs auch gezielt auf die individuellen genetischen Merkmale des Tumors maßzuschneidern.

Müller: Die Kunst wird auch darin liegen, diese Entwicklungen zu nutzen, Krankheiten zu verhindern und die Prävention erfolgreicher zu machen. Schrittzähler in den Mobiltelefonen sind da ein erstes gutes Beispiel, in Zukunft werden wir aber von Deep Diagnostics sprechen: Es ist vorstellbar, dass es einmal keinen Herzschlag eines Menschen gibt, der nicht aufgezeichnet wird, weil kleine Sensoren das kostengünstig ermöglichen werden. Oder genetische Untersuchungen bereits zu Lebensbeginn, die viel über den künftigen Gesundheitszustand aussagen werden.

Ohndorf: Die Chancen sind immens. Heute kann man 20 verschiedene Lungenkrebsarten unterscheiden, einige davon sind schon sehr gezielt behandelbar – mit immer größerem Erfolg. Und wer einmal von den modernen Methoden der Medizin profitiert hat, der möchte, dass die Forschung weiter rasch voranschreitet – und vielen Menschen dadurch geholfen werden kann.

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