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Wissen Wissenschaft
01/31/2021

Mehr Freiheiten für Geimpfte? Was die Philosophin dazu sagt

Die Impfung als Ticket in die Normalität: Das könnte für manche früher möglich sein als für andere. Philosophin Lisz Hirn über Vernunft, Gerechtigkeit und Perspektiven.

von Theresa Bittermann

Verfassungsjuristen hatten es zuletzt im KURIER explizit gesagt: Für Personen, die geimpft sind, ist – unter der Prämisse, dass sie andere nicht mehr anstecken können – ein Lockdown rechtlich nicht mehr argumentierbar.  Haben wir also bald (und zumindest einige Monate lang) eine Zweiklassengesellschaft der Geimpften und Nicht-Geimpften?  Wie sieht es ethisch und moralisch mit der Freiheit und mit ihren Grenzen aus? Werden ältere Bevölkerungsgruppen, die zuerst geimpft werden, und die Jüngeren noch mehr getrennt? Was macht Ungleichheit mit einer Gesellschaft?

Der KURIER bat die Philosophin Lisz Hirn und den Genetiker Markus Hengstschläger zu diesen heiklen Punkten zum Gespräch.Genau diese Gruppenbildung heizt die Diskussionen um Gerechtigkeit  an. Hier warnt  Lisz Hirn davor zu sagen, Ältere könnten durch die Impfung schon viel früher die volle Freiheit genießen: „Denn die Freiheit einer Pflegehausbewohnerin ist doch eine andere als etwa meine als Mitte 30-Jährige.“

KURIER: Einige bekommen die Impfung jetzt schon und werden damit früher mehr Freiheiten als andere bekommen. Ist das gerecht?

Lisz Hirn: Wenn es einen guten Grund – wie besondere Schutzbedürftigkeit – gibt, dass der eine jetzt mehr oder etwas schneller bekommt als der andere – wie eine Impfung –, dann finden wir das prinzipiell gerecht. Und die Sache mit den Freiheiten: Dass alle Geimpften mehr Freiheiten hätten als die Ungeimpften, das stimmt ja nur zum Teil. Der Freiheitsspielraum eines Pflegeheimbewohners ist ja auch ein anderer als zum Beispiel meiner als Mitte 30-Jährige. „Freiheit“ werden wir erst dann haben, wenn die meisten Menschen geimpft sind oder wir die Krankheit mit Medikamenten unter Kontrolle bringen können.

Besteht durch den Impfplan die Gefahr einer vorübergehenden Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Der Impfplan in Österreich sieht vor, zuerst die zu impfen, die schutzbedürftig sind oder einem besonderen Risiko – aufgrund ihres Berufes zum Beispiel – ausgesetzt sind. Prinzipiell ist dieses Konzept ja eines, dass zwischen der Gleichheit aller und der Fairness gegenüber den Vulnerablen in unserer Gesellschaft abwägt. Dieses Gleichgewicht ist ein ganz Fragiles. Gestört wird es, wenn sich einige durch ihre soziale, politische Stellung oder finanzielle Privilegien vordrängen könnten und es tun. Da erinnere ich mich zum Beispiel an den Wirbel in Bezug auf Politiker-Impfungen.

Ist es generell überhaupt gerechtfertigt, die Freiheit von Menschen einzuschränken?

Meine Freiheit steht immer in Relation zur Freiheit anderer. Die Vorstellung, ich hätte das Recht, mich überall frei und wie immer ich möchte zu bewegen, diese hehre Idee von „absoluter“ Freiheit gibt es nicht. Die Freiheit des anderen ist die Grenze meiner eigenen – auch in Normalzeiten. In diesem Sinne lässt sich eine temporäre Einschränkung von Freiheiten in einer Krisensituation rechtfertigen. Ich darf meine Freiheit eben nur so auskosten, dass ich andere dabei nicht in Gefahr bringe. Ich habe als Bürger ja nicht nur Rechte auf etwas, sondern auch Pflichten. Im Übrigen gibt es zahlreiche Situationen, wo wir davon profitieren, dass der Staat in unsere „Freiheiten“ eingreift.

Welcher Profit ist das?

Im Notfall gibt es für die meisten von uns ein soziales Netz, das uns auffängt. Wir sehen gerade jetzt in dieser Krise, dass sich der Sozialstaat bewährt. Ganz generell profitieren wir beispielsweise davon, dass wir eine gesetzliche Krankenversicherung haben. In den USA zum Beispiel – wo Freiheit noch viel mehr in den Mittelpunkt aller Diskussionen gestellt wird – gibt es zwar scheinbar mehr Freiheiten für den Einzelnen, aber nicht automatisch bessere Lebensbedingungen für alle. Viele Menschen dort können sich zum Beispiel eine private Krankenversicherung gar nicht mehr leisten.

Wäre eine Impfpflicht vertretbar?

Schwieriges Thema. Eine Pflicht wäre ethisch schon argumentierbar, ist aber auch ethisch umstritten. Praktisch gesehen, ist eine Impfpflicht aber eher etwas, das Widerstand hervorruft. Aufklärung ist am wichtigsten. Mit einer Impfung entscheidet man sich ja nicht nur dazu, sich selbst zu schützen, sondern auch, ob man andere Menschen mitschützt.

Verschärft der Impfplan den Generationenkonflikt?

Beim Impfen gibt es ja unterschiedliche Konzepte. Indonesien impft die jüngeren Bürger zuerst, in Österreich sollen die Risikogruppen – also vor allem ältere Menschen – zuerst geschützt werden. Wichtig ist aber schon, dass man die Interessen aller immer abwägt. Neben der Corona-Krise gibt es ja auch noch eine Klimakrise, die trifft vor allem die Jungen. Wenn wir den drohenden Generationenkonflikt entschärfen wollen, dann wäre es jetzt geboten, generationengerechte Maßnahmen zu setzen.

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