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Wissen Gesundheit
01/30/2021

Die Impfstoff-Mythen im Faktencheck

Veränderungen im Erbgut, Unfruchtbarkeit, Langzeitfolgen - warum man wegen dieser Einwände keine Bedenken haben muss. Sechs Mythen im Faktencheck.

von Theresa Bittermann

Sind die Impfstoffe trotz schneller Entwicklung sicher?

Ist der Impfstoff weniger sicher, weil er so schnell entwickelt wurde? – Nein, sagen Experten von allen Seiten. An den Zulassungsstudien zu den beiden mRNA-Impfstoffen von Pfizer/Biontech und Moderna nahmen mehr als 70.000 Probandinnen und Probanden teil, beim Astra-Zeneca-Impfstoff waren es mehr als 23.000 Testpersonen. Alle Impfstoffe mussten die sonst auch geltenden Kriterien für eine Zulassung erfüllen.

Impfspezialist Herwig Kollaritsch betonte, solche hohen Testzahlen habe es in kaum einem anderen Zulassungsverfahren je gegeben. Weil bei der Entwicklung klar war, die Zeit drängt, wurden etliche Prozesse in der Zulassung optimiert („Rolling Review“). Arzneimittelbehörden beginnen dabei schon während laufender Entwicklungen mit ihren Begutachtungen. So kann das nachfolgende Zulassungsverfahren dann verkürzt werden, weil vieles schon abgeklärt wurde. „Die Behörde hat kontinuierlich mit den Firmen gearbeitet“, erklärt auch Markus Müller, Rektor der MedUni Wien. Vulnerablere Gruppen wie Kinder wurden in den Studien noch nicht getestet. Für sie ist die Impfung auch noch nicht zugelassen.

Kann das Erbgut durch die Impfung verändert werden?

Auch hier sind sich Wissenschafter  einig: Dass der Impfstoff das menschliche Erbgut verändert, das ist nicht möglich. „Die Impfung kann gar nicht in den Zellkern kommen“, so die Medizinerin Ursula Kunze. Auch die Immunologin Ursula Wiedermann-Schmidt bestätigt: „Damit so etwas überhaupt vorstellbar ist, wäre ein spezielles Enzym nötig, das es im menschlichen Körper gar nicht gibt.“ 
Die menschliche Erbinformation steckt in der DNA im Zellkern. Und bis dahin könne der Impfstoff gar nicht vordringen. Die Viren von Vektoren-Impfstoffen können ihre eigene genetische Information nicht in unser Erbgut einbauen. Und auch die Boten-RNA erreicht nur die äußere Zellschicht.  

Und bleibt auch gar nicht lange im Körper, wie Experten schildern. Der Impfstoff-Entwickler Otfried Kistner erklärte das im KURIER-Gespräch so: „Nachdem die mRNA-Boten ihren Job gemacht haben, werden sie im Körper abgebaut.“ Das bestätigte auch Impfexperte Kollaritsch: „Dieser Prozess im Körper passiert sehr rasch, die mRNA kann gerade einmal ihre Wirkung entfalten und wird dann sofort natürlich abgebaut. Mehr Bio geht nicht.“ 

Kann es Probleme beim Kinderwunsch geben?

Die Impfung hat keinen Einfluss auf die Fruchtbarkeit, sagt Wiedermann-Schmidt. Auch auf der Webseite des österreichischen Gesundheitsministeriums steht der Hinweis: „Tierexperimentelle Studien lassen nicht auf direkte oder indirekte schädliche Wirkungen in Bezug auf Schwangerschaft, embryonale/fötale Entwicklung, Geburt oder postnatale Entwicklung schließen.“

Entstanden ist das Gerücht um Probleme in der Schwangerschaft wohl, weil es eine Ähnlichkeit zwischen einem Molekül in der Plazenta und SARS-CoV-2 gibt. Daher die Angst, Antikörper könnten auch die Plazenta angreifen. „Das ist Unsinn. Damit Moleküle sich ähnlich sind, müssten die Aminosäuren zu 80 bis 90 Prozent gleich strukturiert sein. In diesem Fall wiederholen sich aber nur einzelne Sequenzen“, stellt Wiedermann-Schmidt klar. Sie betont: „Schnupfenviren haben eine viel größere Ähnlichkeit. Und wenn eine Frau Schnupfen hatte, ist sie deshalb auch nicht unfruchtbar.“ 

Die Empfehlung der EU-Arzneimittelagentur lautet: Schwangere Frauen sollten sich nur dann impfen lassen, wenn mögliche Vorteile potenzielle Risiken für Mutter und Fötus überwiegen.  

Können Langzeitfolgen auftreten?

Aus Erfahrung mit bisherigen Impfstoffen weiß man: Praktisch alle Nebenwirkungen treten innerhalb von zwei Monaten nach einer Impfung auf, erklärt Herwig Kollaritsch. Einen Hinweis auf derartige schwerere Nebenwirkungen habe es bei den CoV-Impfstoffen noch keinen gegeben, daher sei auch das Risiko für Langzeitfolgen unwahrscheinlich gering. 

Um solche Langzeitfolgen zu 100 Prozent ausschließen zu können, wären Studien über Jahrzehnte hinweg notwendig, heißt es auf der Internet-Seite des Gesundheitsministeriums. Der Nutzen müsse dem möglichen Risiko jedoch immer gegenübergestellt werden. Ein oft zitierte Satz von Kollaritsch zu diesem Thema: „Wenn Sie die Impfung nicht mögen, versuchen Sie es mit der Erkrankung.“ Dem pflichtet auch Public-Health-Expertin Kunze bei. 

Denn die Wahrscheinlichkeit, sich als Ungeimpfter zu infizieren und Langzeitfolgen der Covid-19-Krankheit davonzutragen, sei um ein Vielfaches höher als das Risiko, langfristige  Impfschäden zu erleiden. Die Impfung ist  also der deutlich sichere Weg, sich vor langfristigen  Gesundheitsfolgen zu schützen, betonen die Experten.

Wie bedenklich sind Meldungen über Komplikationen?

Experten verweisen unisono darauf: Impfkomplikationen sind von Impfreaktionen zu unterscheiden. Letztere seien erwartbar, etwa Kopfschmerzen, leichtes Fieber oder Schmerzen an der Einstichstelle. Solche Reaktionen verschwinden meist nach zwei Tagen von selbst. 

Für Aufregung sorgen  immer wieder einzelne Meldungen über schwere Folgen. Bei genauer Analyse gibt es jedoch Erklärungen. Ein Beispiel: In Norwegen sind 23 hochbetagte Menschen kurz nach dem Erhalt der ersten Impfdosis verstorben. Die Medizinerin Sara Viksmoen Watle vom norwegischen Institut für Public Health: „Diese tragischen Zwischenfälle betrafen ältere, ernsthaft geschwächte Menschen. Das bedeutet aber keinen kausalen Zusammenhang zwischen Impfung und Tod dieser Menschen.“

Herkömmliche Nebenwirkungen wie Fieber könnten bei besonders Geschwächten zur weiteren Verschlechterung des Zustands beitragen. Institutsdirektor Steinar Madson betonte, dass die Situation nicht alarmierend sei und das Risiko der Impfstoffe sehr gering sei, „mit einer kleinen Ausnahme für die gebrechlichsten Menschen“. Hier sollte man besonderes Augenmerk auf die Impftauglichkeit an sich legen.  

Wirkt die Impfung überhaupt gegen die neuen Varianten?

Die Wirkung der mRNA-Impfstoffe gegen die britische und die südafrikanische Variante wurde in Studien bereits erwiesen, sagt Impfstoffentwickler Otfried Kistner. Die brasilianische Variante werde gerade im Labor getestet. „Prinzipiell betreffen diese Mutationen immer nur kleine Abschnitte im Spike-Protein. Mit der Impfung erzeugen wir aber gegen viele dieser Abschnitte Antikörper“, erklärt Herwig Kollaritsch.  Das Schlimmste, was passieren könnte, sei wohl eine leichte Verringerung der Wirksamkeit. Spezialisten sind aber auch zuversichtlich, dass man die Impfung schnell – sogar innerhalb weniger Tage – adaptieren könnte, sollte es notwendig sein.

Der Virologe Lukas Weseslindtner von der MedUni Wien ergänzt außerdem,  dass durch jede Impfung nicht nur Antikörper, sondern auch T-Zellen gebildet würden, die eine Erkrankung am Coronavirus in jedem Fall abmildern würden. 

Fazit: Im schlimmsten Fall könnte die neutralisierende Wirkung durch Antikörper etwas schwächer ausfallen, aber nicht aufgehoben sein. Darüber hinaus setzen bei der Abwehr nämlich auch andere Mechanismen ein, wie T-Zellen oder sogenannte Gedächtniszellen.    

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