Die Zahl der Impfdurchbrüche steigt seit einigen Wochen, auf 1.000 vollständig Geimpfte kommen dennoch nur rund neun Personen mit einem Impfdurchbruch.

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Wissen Gesundheit
11/17/2021

Ursachen und Umgang: Was uns vermehrte Impfdurchbrüche lehren

Booster, Maßnahmen, Behandlung, Impfstoffe: Corona-Infektionen unter Geimpften nehmen nach wie vor zu. Warum das so ist – und wie sich in der vierten Welle damit umgehen lässt.

von Marlene Patsalidis

"Beim Begriff 'Impfdurchbruch' schwingt ganz viel mit", weiß Andreas Bergthaler, Virusimmunologe am Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Denn für Laien sei das Thema "nicht einfach zu durchblicken".

Was genau ist ein Impfdurchbruch?

"Man meint damit, dass jemand, der vollimmunisiert ist, sich ansteckt und – oftmals leichte – Symptome entwickelt", erläutert Bergthaler. Davon abzugrenzen: Personen, die positiv auf den Erreger getestet werden, aber keinerlei Symptome zeigen. "Auf den ersten Blick kann das den fatalen Eindruck hinterlassen, dass die Impfstoffe nicht wirken", sagt Bergthaler. Tatsächlich sei aber immer klar gewesen, "dass sie nicht zu 100 Prozent schützen werden". Der diskutierte Schwellenwert für die Zulassung der Covid-Impfstoffe lag im Vorfeld bei 50 Prozent. "Gelandet ist man schließlich immerhin bei 80 bis 90 Prozent Schutzwirkung vor schweren Verläufen."

Das spiegelt sich in den Spitälern wider: 13,5 Prozent der Wiener Covid-Intensivpatienten sind doppelt geimpft, auf 86,5 Prozent trifft das nicht zu. Auf den Normalstationen liegen 39 Prozent doppelt Geimpfte und 61 Prozent nicht doppelt Geimpfte.

Braucht es anders verabreichte Impfstoffe, um Ansteckungen besser verhindern zu können?

Bei intranasal (in die Nase) verabreichten Impfstoffen werden direkt Antikörper an der Schleimhaut im Nasen-Rachen-Raum gebildet, sodass das Virus gar nicht erst in den Körper eindringen kann. "In diese Richtung wird viel geforscht, einige Hersteller haben Kandidaten in der Pipeline", erläutert Bergthaler. Immunologisch sei klar, dass man bei Infektionen, die über die Schleimhäute übertragen werden, den Versuch startet, genau dort eine Immunität hervorzurufen. "Die Antikörper-Titer im Blut sind die eine Sache, viel wichtiger sind aber jene an den Schleimhäuten. Intranasale Impfstoffe könnten in diesem Sinne ein wesentlicher Schritt vorwärts sein."

Wie behandelt man milde Durchbrüche daheim?

Zur Linderung von Fieber und Gliederschmerzen empfiehlt Ernest Zulus, ärztlicher Leiter des Ärztefunkdienstes, bis zu vier Mal täglich Paracetamol einzunehmen. "Das ist gut verträglich, auch während der Schwangerschaft." Alternativ könne zu Ibuprofen gegriffen werden. Es kann ebenfalls von Angehörigen rezeptfrei in der Apotheke geholt werden. "Beide Mittel wirken bei Corona-Impfdurchbrüchen genauso gut wie bei Erkältungen." Mentholhaltige Salben zum Einreiben der Brust, pflanzliche Hustensäfte, Nasensprays oder das Inhalieren mit Salzwasser sind ebenfalls wohltuend. Zulus rät zur Anschaffung eines Sauerstoffsättigungsmessgeräts: "Bei starkem Husten kann man per Pulsoxymeter messen, wie es mit der Sauerstoffsättigung aussieht. Bei gesunden Menschen ist bei unter 92 Prozent Alarm angesagt." Spätestens, wenn man Probleme mit dem Atmen bekommt, sollte man Rettung (144) oder Ärztefunkdienst (141) rufen. Cortison-Präparate oder antivirale Medikamente eignen sich nicht für die Eigentherapie und werden vom Arzt verschrieben.

Von den rund 73.000 symptomatischen Corona-Fällen, die zwischen 11. Oktober und 7. November bestätigt wurden, waren laut Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) 41 Prozent der Betroffenen vollständig geimpft. Die Zahl der Impfdurchbrüche steigt seit einigen Wochen, auf 1.000 vollständig geimpfte Personen kommen dennoch nur rund neun Personen mit einem Impfdurchbruch. Die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) hat außerdem berechnet, dass von 1. Februar bis 8. November rund 19.000 Krankenhauseinlieferungen, 6.000 Aufenthalte auf Intensivstationen und 6.000 Todesfälle durch die Covid-Schutzimpfung verhindert werden konnten. Das belegt einmal mehr: Die Impfung schützt vor der Erkrankung und führt im Falle einer Ansteckung meist zu einem milderen Verlauf.

Die Wirkung der Impfung zeigt sich primär bei den stark unterschiedlichen Inzidenzen bei Geimpften und Ungeimpften: Die letzten verfügbaren Daten stammen vom vorigen Donnerstag (11. November). Damals lag die Sieben-Tage-Inzidenz in der Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen bei 1.734 Neuinfektionen pro 100.000 Ungeimpften, aber nur bei 383 Neuinfektionen pro 100.000 Geimpften. Auch bei den Kindern und Jugendlichen sowie bei Seniorinnen und Senioren ab 60 infizieren sich Ungeimpfte deutlich häufiger als Geimpfte.

Warum nimmt die Zahl der Impfdurchbrüche zu?

Zum einen treten Durchbrüche häufiger auf, je mehr Menschen geimpft sind, erklärt Bergthaler. "Und wir beobachten, dass der Schutz schwächer wird, je länger die Impfungen zurückliegen." Zum anderen grassiere inzwischen die Delta-Variante, "die der Immunantwort doch ein Stück besser entkommt als ihre Vorgängerinnen". Die Wirkung von Vektorimpfstoffen – vor allem dem von Johnson & Johnson (ursprünglich als Einmalimpfstoff konzipiert) – lasse zudem relativ bald nach. Das Nationale Impfgremium (NIG) empfiehlt daher unter anderem eine zweite Teilimpfung mit Johnson & Johnson nach 28 Tagen. "Das ist in Summe Grund genug, aufmerksam zu sein und den Fokus auch auf Auffrischungsimpfungen zu legen, die den Immunschutz binnen weniger Tage, maximal einer Woche, wieder hinaufschnellen lassen."

Durchbrüche nähren Zweifel an der Impfwirkung. Zu Recht?

"Man muss sich das so vorstellen", sagt Bergthaler: "In einer Pandemie kann man verschiedenste Maßnahmen setzen, um des Geschehens Herr zu werden. Abstand, Masken, die Impfung: Keine Maßnahme ist für sich allein gesehen perfekt. Je mehr solche Maßnahmen zusammen umgesetzt werden, desto patenter wird der Schutz." Die Impfung sei zwar ein zentrales Mittel, "sie alleine wird aber nicht ausreichen, um uns hier rauszubringen".

Braucht es also auch Maßnahmen für nur zweifach Geimpfte?

"Insbesondere vor dem Hintergrund der sehr hohen Infektionszahlen erscheint das durchaus sinnvoll", sagt Experte Bergthaler. Zweifach Geimpfte spielen in Übertragungsketten eine gewisse – wenngleich im Vergleich zu Ungeimpften wohl untergeordnete – Rolle. Ein Argument dafür, statt der 2-G-Regel eine 2-G-plus-Regelung anzudenken: "Wenn sich Geimpfte und/oder Genesene per PCR testen, lassen sich Infektionsketten früh unterbrechen."

Doppelt geimpft, danach Impfdurchbruch. Muss ich mich boostern lassen?

In den Anwendungsempfehlungen des NIG heißt es dazu: "Kommt es nach vollständiger erster Impfserie zu einem Impfdurchbruch oder einer asymptomatischen Infektion wird derzeit keine weitere Impfung empfohlen." Bei Risikopersonen oder chronisch kranken Personen könne ein Antikörper-Test frühestens vier Wochen nach Genesung durchgeführt werden. Aus infektiologischer Sicht ist es für einen stabilen, nachhaltigen Schutz wichtig, drei Mal Kontakt mit dem Virus zu haben – via Impfung oder Infektion. Wobei Letzteres nicht mutwillig provoziert werden sollte, da eine Ansteckung immer Risiken birgt.

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