Antikörpertests, die man im Labor machen kann, messen Abwehrstoffe im Blut.

© APA/AFP/FREDERIC J. BROWN

Wissen Gesundheit
08/24/2021

Umstritten: Warum ist genesen weniger wert als geimpft?

1G ist für die Regierung im Herbst zumindest vorerst in der Nachtgastro eine Option. Damit steigt der Druck auf Genesene, sich impfen zu lassen. Die Bestimmung der Immunität gegen Corona ist schwierig.

von Ernst Mauritz, Marlene Patsalidis

Die 1-G-Regel könnte in Österreich im Herbst Realität werden. Der Zutritt zu bestimmten Bereichen – in erster Linie Diskotheken und Nachtklubs – könnte dann Geimpften vorbehalten sein, wenn die Zahlen weiter steigen.

Kritik daran kommt etwa vom Linzer Bürgermeister Klaus Luger, SPÖ. Er warnt vor einer "massiven Ungerechtigkeit". Luger sieht den individuellen Antikörperspiegel als wesentlichen Parameter für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben – egal, ob dieser durch eine Impfung oder durchgemachte Infektion zustande gekommen sei.

Ob geimpft oder genesen: Bin ich nicht in beiden Fällen weitgehend geschützt?

Die Meinungen gehen auseinander. Genesene, deren Erkrankung nicht länger als sechs Monate zurückliegt oder die darüber hinaus neutralisierende Antikörper nachweisen können, seien "ganz sicher genauso geschützt wie Geimpfte", sagt der Epidemiologe Gerald Gartlehner. Dem pflichtet Virologe Florian Krammer bei. Auf Twitter schrieb er vor wenigen Tagen: Studien hätten gezeigt, "dass Infektionen vor Reinfektionen schützen, eigentlich gleich gut wie Impfungen". Allerdings seien die Untersuchungen durchgeführt worden, bevor Delta bestehende Varianten verdrängt habe.

In einer israelischen Studie mit Angestellten des Gesundheitswesens wiesen Forscher kürzlich einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Covid-19-Infektionen und dem Gehalt an neutralisierenden Antikörpern bei Geimpften nach. Man sei "besser vor einer Infektion geschützt ist, wenn der Antikörperspiegel hoch ist", kommentierte Studienleiterin und Epidemiologin Gili Regev-Yochay die Studie, die im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde.

Und die andere Seite?

Die vertritt u. a. das Gesundheitsministerium. "Die Impfung bewirkt sowohl Schutz vor Infektion" als auch, falls es doch zu einer solchen kommt, "nachweislich eine Verringerung der Transmissionsrate" (Häufigkeit der Weitergabe der Infektion, Anm.). Genesene haben zwar für einen gewissen Zeitraum nach der Infektion "ein niedrigeres Reinfektionsrisiko" – stecken sich also seltener neuerlich an –, die "unergiebige Studienlage" erlaube aber kaum eine Aussage darüber, in welchem Ausmaß sie das Virus weitergeben. Vakzinologin Ursula Wiedermann-Schmidt: "Wir haben keine Daten, die belegen, dass jemand, der vor einem halben Jahr eine Infektion gehabt hat, genauso gut vor Delta geschützt ist wie jemand, der geimpft ist."

Was wird Genesenen aktuell empfohlen?

Genesenen wird vom Nationale Impfgremium (NIG) empfohlen, sich ab vier Wochen nach der Infektion impfen zu lassen. "Genesene ersparen sich eine Impfung, um den Status von Vollimmunisierten zu erreichen und fallen automatisch in den Pool der Geimpften", sagt Wiedermann-Schmidt. "Ich halte es jedenfalls für sinnvoller, dass Genesene nicht in die Labore, sondern zum Impfen gehen. Die Impfung bringt dem Immunsystem viel mehr, und der Antikörpertest ist dann nicht nötig", sagt Virologe Lukas Weseslindtner von der MedUni Wien dazu.

Was sagt ein Antikörpertest tatsächlich aus?

Entscheidend sind neutralisierende Antikörper, die die Virusvermehrung hemmen. Diese werden in medizinischen Laboren indirekt nachgewiesen, sagt Georg Mustafa, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin. Ab einer gewissen Menge an gemessenen Antikörpern ist davon auszugehen, dass auch solche mit neutralisierender Wirkung vorhanden sind, erklärt Mustafa. Ab einem Wert von 15 BAU ("Binding Antibody Units"), sind, abhängig vom Testsystem, neutralisierende Antikörper gegen das ursprüngliche Coronavirus (Wuhan-Variante) vorhanden. "Mit dem Nachweis neutralisierender Antikörper im peripheren Blut (aus dem Arm, Anm.) kann man von einer gewissen Schutzwirkung ausgehen."

Die 15 BAU beziehen sich auf das Ursprungsvirus. "Solche Grenzwerte für Varianten wie Delta sind derzeit keine bekannt. Es ist davon auszugehen, dass diese Grenzwerte bei Delta höher sind, wie wir aus Studien mit Neutralisationstests wissen."

Regelung
Derzeit können Genesene sechs Monate  ihre ärztliche Bestätigung einer abgelaufenen Covid-19-Infektion dort vorweisen, wo momentan 3-G gilt. Mittels Antikörpertest kann danach ein Nachweis über neutralisierende Antikörper erfolgen, der dann für weitere 90 Tage gültig ist – mit Wiederholungsoption. Im Ausland reicht das oft nicht.

647.000 Genesene gibt es aktuell insgesamt in Österreich.

Gibt es einen Antikörperwert, ab dem man sich geschützt fühlen kann?

Je mehr Antikörper nachgewiesen werden, desto höher sei zwar auch der Gehalt an neutralisierenden, "aber den genauen Wert kann man so nicht bestimmen", sagt Antikörperspezialist Weseslindtner. So argumentiert man auch im Gesundheitsministerium: "Es gibt aktuell kein entsprechendes Schutzkorrelat und so ist auch nicht bekannt, welcher Wert notwendig ist, um geschützt zu sein."

Ab welchem Wert ein Schutz gegeben ist, ist nicht klar definiert, betont auch Mustafa. Ob es jemals einen exakten Messwert für eine gute Immunität geben wird, bezweifelt Weseslindtner. Mustafa ist diesbezüglich optimistischer. Weseslindtner: "Ich könnte mir aber vorstellen, dass wir zu der Aussage gelangen, dass Menschen, bei denen wir eine extrem hohe Konzentration an neutralisierenden Antikörpern messen, das Virus nicht bekommen werden." Und es wird auch nur ein Teil des Immunsystems betrachtet, wenn man nur auf Antikörper schaut.

Was macht die Bestimmung der Immunität bei SARS-CoV-2 so schwierig?

Der Körper bildet verschiedene Arten von Antikörpern an verschiedenen Stellen. "Antikörper im Blut sind bei respiratorischen Virusinfektionen kein optimales Maß für Immunität", sagt Weseslindtner. SARS-CoV-2 befällt primär Zellen in den Atemwegen und vermehrt sich dort. "Viel relevanter sind deswegen jene Antikörper, die über die Schleimhäute abgegeben werden, unglücklicherweise lassen sich diese nur schlecht messen." Auch wenn man einen bestimmten Antikörperwert im Blut habe, bedeute das nicht, "dass auch in den Schleimhäuten genügend vorhanden sind".

Aus dem Gesundheitsministerium heißt es dazu: "Nachdem SARS-CoV2 ein respiratorisches Virus ist, bei dem die Immunabwehr an der Schleimhaut eine große Rolle spielt, ist fraglich, ob es zweifellos möglich sein wird, den Schutzzustand allein mittels einer Messung der Antikörper im Blut festzustellen. Insofern ist es auch nicht möglich, so zwischen geimpften und genesenen Personen zu differenzieren."

Was ist mit Antikörper-Tests für zu Hause?

Im Internet kann man Antikörper-Schnelltests erstehen. Weseslindtner: "Diese Schnelltests sind nicht nur unzuverlässig, sie geben auch keinerlei Auskunft über Antikörperkonzentration, sondern theoretisch nur darüber, ob man Virus-Kontakt hatte." Auch Testkits zum Einschicken ins Labor sieht er kritisch.

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