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Wissen Gesundheit
03/10/2021

Über Digital Detox in der Pandemie und den schwierigen Weg ins „OFF“

Der Wunsch nach einer digitalen Auszeit hat in der Pandemie zugenommen. Wieso das schwierig ist und wie man es anpacken kann

von Theresa Bittermann

Einfach einmal abschalten – wortwörtlich. Für viele ein unerfüllter Wunsch in Zeiten der Digitalisierung – erschwert durch die Pandemie. „Digital Detox“ – die digitale Entgiftung – ist kein gänzlich neuer Trend. Der Wunsch nach „Abschalten“ scheint aber in der Pandemie zugenommen zu haben. Die momentane Fastenzeit kann für viele auch ein Anlass zum digitalen Verzicht sein. Einfach ist das aber nicht. Schon Zahlen zeigen, wie sehr die digitale Welt in die „echte“ Welt integriert ist.

98 Prozent der Internetnutzerinnen und Nutzer zwischen 15 und 69 in Österreich verwenden 2020 ein Smartphone, sogar in der Gruppe der 60- bis 69-Jährigen nutzten 96 Prozent ein Smartphone – das erhob die Mobile Marketing Associaton Austria (MMA). Die Daten zeigen auch, während der Pandemie ist die Nutzung sozialer Netzwerke angestiegen (von 58 auf knapp 65 Prozent). Viele würden ihre Zeit im Internet eigentlich gerne reduzieren, schaffen es aber nicht.

Eine aktuelle umfassende Studie zur Digitalkompetenz aus Deutschland macht das deutlich: Während rund acht von zehn Männern und sieben von zehn Frauen angaben, fast immer online zu sein, will laut Studie tatsächlich nur einer oder eine von zehn immer online sein. Wieso also sind so viele fast immer online, obwohl sie das eigentlich nicht wollen?

Sandro (36) ist selbstständig als Werbesprecher. Auch in seinem Job ist Social Media ein wichtiges Tool, denn „in der Filmbranche werden oft auch Leute über Online-Aufrufe gesucht“, erzählt Sandro. Jedoch kann er dabei eine „ganz gute“ Balance finden, indem er einmal täglich nachsieht. 

Auch vor der Pandemie hat er schon „digital verzichtet“ und meistens Urlaube dafür genutzt. Durch die Pandemie hat sich sein Wunsch, mehr Abstand zur digitalen Welt zu bekommen, aber verstärkt. „Ich hatte das Gefühl, mit so viel Negativem überschüttet zu werden. Einerseits mit Corona-News, aber auch mit so vielen undifferenzierten Meinungen dazu. Die Fronten im Internet haben sich in dieser Zeit extrem verhärtet und davon wollte ich weg“, erzählt Sandro. Die Fastenzeit hat er nun zum Anlass genommen, alle Social-Media-Apps von seinem Handy zu löschen. „Verrückt, wie man anfangs noch automatisch zum Handy greift, um Social Media zu checken, obwohl die Apps gar nicht mehr da sind“, stellt er in dieser Zeit fest. „Und vielleicht kehre ich auch nach Ostern gar nicht mehr zurück“, hält der 36-Jährige sich offen. 

Johanna studiert, arbeitet nebenbei und engagiert sich außerdem ehrenamtlich im Vorsitz der Österreichischen HochschülerInnenschaft. Social Media ist in allen dieser drei Tätigkeiten ein Anker, trotzdem will die 24-Jährige ihre Bildschirmzeit so niedrig wie möglich halten, das hat sie vor der Pandemie auch gut hinbekommen.

Die Kontaktbeschränkungen machen ihr momentan aber einen Strich durch die Rechnung.Im Jänner und Februar 2020 verabschiedete Johanna sich von Facebook, Instagram und sogar von Whatsapp. Überall eine Nachricht zum Abschied: „Wer mich erreichen will, soll bitte anrufen“ – und das habe Prä-Corona auch super geklappt: „Ich habe meine Bildschirmzeit am Handy auf zehn Minuten pro Tag runter bekommen.“

Auf manche Plattformen ist sie anschließend gar nicht mehr zurückgekehrt. Aber die Pandemie mache das digitale Fasten momentan unmöglich. Denn: „Es funktioniert nur, wenn andere auch mitmachen und eben zum Beispiel anrufen, statt auf Whatsapp zu schreiben. Das funktioniert momentan einfach leider nicht“, erzählt die Studentin. 

„Informationen sind existenziell“

Einerseits ist man momentan auf digitale Kommunikation angewiesen, sowohl in der Arbeitswelt als auch im Privaten. Noch dazu kommt aber: „Die Pandemie ist ja nicht irgendein Trend, sondern eine existenzielle Krise. Das Informationsbedürfnis der Menschen ist dabei extrem gestiegen, weil es auch um existenzielle Informationen geht, deren Kenntnis auch schon einen gesellschaftlichen Wert erreicht hat“, so die Analyse von Tilo Grenz, Soziologe an der Uni Wien.

Auch er erlebt momentan ein noch größeres Bedürfnis der Menschen, sich aus dem digitalen Raum zurückzuziehen. „Schon vor der Krise konnten manche es sich eher leisten – zum Beispiel beruflich – Digital Detox zu betreiben als andere.“ Das habe sich verschärft. Und auch die Erklärungsnot, wieso man verzichten möchte, scheint größer geworden zu sein. „Man braucht noch überzeugendere Argumente dafür, auf Informationen und digitalen Austausch zu verzichten. Weil der beiläufige Austausch im Alltag eben fehlt und weil diese Informationen als wertvoll erachtet werden und Existenzen betreffen“, erklärt Grenz.

Zu viel Digitales kann aber ungesund sein. Die deutsche Studie zeigt wie viele zuvor: Zwischen erhöhtem Internetkonsum privater Natur und körperlicher wie psychischer Belastung besteht ein deutlicher Zusammenhang. Stimmungsschwankungen, Nervosität oder depressive Stimmungen können die Folge sein. Auch eine chinesische Studie speziell zur Nutzung von Social Media und der mentalen Gesundheit während der Pandemie zeigte: Eine intensive Social-Media Nutzung geht mit einer Verschlechterung des mentalen Gesundheitszustands einher. Eine Rolle dabei spielten auch Medienberichte zur Pandemie.

Immer wieder einmal hat Anna (27) schon auf Digitales verzichtet. Im ersten Lockdown hat sie dann bemerkt, wie die sozialen Netzwerke sie deprimiert haben: „Ich habe gesehen, was die anderen alle so gemacht haben. Brot gebacken, Pesto gemacht – und ich hatte das Gefühl, ich muss jetzt auch etwas Neues lernen, um meine Zeit gut zu nutzen“, erzählt sie. Dann hat sie für einige Wochen einfach den Stecker gezogen und sich ausgeklinkt aus den sozialen Medien. 

Am Anfang fiel die Umstellung nicht so leicht, aber mit der Zeit schaffte sie sich neue Gewohnheiten , erzählt Anna. Bei ihrer Rückkehr in die digital-soziale Welt, hätte sie dann alles „viel entspannter gesehen“: „Ich hab wieder bewusster wahrgenommen und begonnen zu selektieren, was ich wirklich sehen will und was ich mir sparen möchte.“ Auch jetzt noch versucht sie, ihre private Nutzung so klein wie möglich zu halten. Das ist aber nicht so leicht, der Grund: ihr neuer Job als Social-Media-Managerin. „Ich versuche, das zu trennen und in meiner Freizeit weniger auf sozialen Medien zu sein.“ 

Studieren, Arbeiten und Ehrenamt – das alles versucht Philipp unter einen Hut zu bringen. Ständige Erreichbarkeit schwingt dabei immer mit für den 23-Jährigen. Seit einiger Zeit schon versucht er, seine Bildschirmzeit runterzuschrauben, das gelingt ihm aber nur mäßig. Warum? Erreichbar zu sein, hat für ihn etwas mit Verlässlichkeit zu tun.  „Wenn ich von anderen etwas brauche, möchte ich auch eine zügige Antwort haben und ich kann von anderen nichts erwarten, das ich nicht auch selbst tue“, schildert er. 

Der komplette Verzicht ist für Philipp daher nicht denkbar. Viel mehr versucht er seine Zeit auf sozialen Medien bewusster in die Hand zu nehmen. Benachrichtigungen bekommt er von diversen Apps schon länger nicht mehr. Auch der Klingelton oder die Handy-Vibration sind deaktiviert. So will  der 23-Jährige sich weniger leicht verleiten lassen, aufs Smartphone zu schauen. „Wenn ich weiß, ich erwarte einen Anruf, stelle ich mein Handy auf laut, um dann auch gleich erreichbar zu sein“, erklärt er. Besonders durch die Pandemie hat er auch begonnen, mehr darauf zu achten, was in seiner Timeline landet. 

Der Weg ins „Off“

Wie schafft man es nun aber, dieser digitalen Welt und der Informationsflut den Rücken zu kehren, ohne schwerwiegende Konsequenzen?

Zwei Schlüsselworte: Bewusstsein und Grenzen. Zumindest bei Ersterem könnte einem die Pandemie sogar in die Karten spielen. Wird es einem zu viel in der digitalen Welt, sollte man in einem ersten Schritt einmal darüber nachdenken: Wann, wie oft und wie lange und auf welche Art nutze ich Massen- und soziale Medien? Die Corona-Krise könnte Grenz zufolge eine gute Möglichkeit dafür bieten, „ich habe schon jetzt den Eindruck, dass sehr viele Menschen bewusster, jedenfalls deutlich sensibler, in der Mediennutzung sind.“

Kennt man die eigenen Verhaltens- und Nutzungsmuster, „führt letztlich kein Weg daran vorbei, eine Entscheidung zu treffen“, so der Soziologe. Wo die Grenze gezogen wird, sollte jedoch immer individuell sein. „Es ist wichtig, dabei den eigenen Alltag sowie die Lebensumstände zu berücksichtigen und sich nicht schlecht zu fühlen, wenn man allgemeinen Anforderungen wie ,Am Abend kein Smartphone‘ nicht gerecht werden kann“, rät der Experte.

Dann gehe es noch darum, die Auszeit auch als solche sichtbar zu machen und nicht einfach wortwörtlich tonlos von der Bildfläche zu verschwinden. So könnten auch Konflikte rund um die Nicht-Erreichbarkeit leichter vermieden werden.

Und zu guter Letzt: ausschalten.

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