FILE PHOTO: A vial of Pfizer-BioNTech vaccine is pictured at Gleneagles hospital's vaccination exercise for healthcare workers in Singapore

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Wissen Gesundheit
07/09/2021

Schutzwirkung: Halten die Impf-Antikörper Delta noch stand?

Berichte über eine mögliche vierte Welle und schwindende Impfschutzwirkung sorgen für Verunsicherung.

von Marlene Patsalidis

Sie zerstören nicht jede Hoffnung. Für all jene, die dem Ende der Pandemie schon jetzt mit Optimismus entgegenblicken, sind die aktuellen Prognosen aber ein Dämpfer: Laut der Ampel-Kommission und dem Covid-Prognosekonsortium ist eine vierte Corona-Welle "hochwahrscheinlich". Wann genau und mit welchem Ausmaß sie eintreten wird, sei noch offen.

Vieles steht und fällt mit der Verbreitung der besonders ansteckenden Delta-Variante. In Ländern wie Großbritannien oder Israel hat die Virus-Variante schon zu einem deutlichen Anstieg der Infektionszahlen (nicht aber der Hospitalisierungen) geführt. Auch hierzulande dominiert die Mutante bereits das Covid-Geschehen. Aktuell macht sie rund zwei Drittel der Neuinfektionen aus.

In den heimischen Impfstraßen versucht man schneller als das Virus zu sein. Aber: Können es die durch die Vakzine gebildeten Antikörper mit der Delta-Mutante überhaupt aufnehmen? Ist auf den bisher prognostizierten Eintritt der Schutzwirkung ab dem 22. Tag nach dem Erststich noch Verlass? Und wie lange werden uns die Impfstoffe sicher vor Covid bewahren?

"Es ist kompliziert", schickt Virologin und Impfexpertin Christina Nicolodi voraus. "Anders als für viele andere Viren haben wir noch wenige aussagekräftige Informationen dazu, wie der Antikörpertiter, also der Antikörperspiegel im Blut, mit dem echten, realen Impfschutz korreliert. Ob ein hoher Titerwert also auch einen hohen Schutz bedeutet." Man könne deswegen nicht abschätzen, aber welchem exakten Antikörperwert man ausreichend geschützt ist, beziehungsweise, ab wann er beeinträchtigt ist.

Neue Erkenntnisse

In den Anwendungsempfehlungen des Nationalen Impfgremiums (NIG) heißt es, man kann ab dem Tag 22 mit "einer gewissen Schutzwirkung" rechnen. Anlass dazu, den Stichtag aufgrund der Delta-Variante abzuändern, sieht Nicolodi derzeit nicht. Dem schließt sich Herwig Kollaritsch, ebenfalls Impfexperte und Mitglied des Nationalen Impfgremiums, nur teilweise an: "Wir wissen aus einer gerade neu erschienenen Arbeit, dass die Delta-Variante weniger empfindlich auf Impf-Antikörper ist." Es sei ein dreifach höherer Antikörperspiegel vonnöten, um Delta-Viren zu unterdrücken, im Vergleich zur ursprünglichen Wildvirusvariante, schreiben die Autoren im New England Journal of Medicine. Man geht davon aus, dass ab ca. 15 U/ml (Units pro Milliliter) mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Covid-Schutz gegeben ist.

Kollaritsch: "Und wir haben auch aus einer Studie aus Schottland deutliche Hinweise, dass eine Impfung alleine gegen Delta nur sehr unvollständig schützt. Wenn wir davon ausgehen, dass bis etwa Ende Juli die Delta-Variante die anderen Virus-Varianten verdrängt hat, wird es spätestens dann nötig werden, die gegenwärtige Regel, nämlich 22 Tage nach nur einer Impfung als geschützt zu gelten, zu überdenken."

Aus den bisherigen Impfstudien weiß man: Nach der ersten Impfdosis bilden sich bis zum 22. Tag neutralisierende Antikörper, die aber von der Menge her noch nicht so zahlreich und von der Qualität her noch nicht so gut sind, wie nach dem zweiten Booster-Stich. Die Mehrheit der Impflinge hat aber ab diesem Tag eine nachweisbare Antikörperbildung. Mit etwa 50 Prozent Wirksamkeit kann man nach 22 Tagen also bei allen zugelassenen Vakzinen rechnen. Epidemiologisch war das in Studien anhand eines Abfalls der Rückgang der Hospitalisierungen zu beobachten.

Diverse Datenlage

Wie neue Corona-Varianten auf Impf-Antikörper ansprechen, wird in Labor-Tests mit Pseudoviren (weisen dieselben Eigenschaften bezüglich Bindung und Eindringen in die Zelle auf wie die SARS-CoV-2-Mutante selbst) und dem Blut bereits Geimpfter untersucht. Nicolodi: "Es wird versucht, die menschlichen Zellen zu infizieren, um festzustellen, ob die neutralisierenden Antikörper, die Aufgabe, die Bindung des Virus an die Zellen zu blockieren, noch gleich gut, besser oder eben schlechter erfüllen. So kann man einen Eindruck gewinnen, wie die Antikörper auf die neue Variante reagieren."

Man wisse laut Nicolodi aus solchen Untersuchungen, dass alle in der EU zugelassenen Impfstoffe einen guten Impfschutz gegen die britische Alpha-Variante bieten. "Wir wissen aber auch, dass bei der südafrikanischen Beta- und der brasilianischen Gamma-Variante zwar eine verminderte Bindung der Antikörper aber nach wie vor ein Impfschutz besteht." Für die Delta-Variante stünden solche Tests im großen Stil noch aus. "Beim Impfstoff vom Johnson & Johnson hat man sich die Mühe gemacht, Probanden aus der Phase-3-Studie herauszunehmen und sich anzusehen, mit welcher Variante sie infiziert waren. Um die acht Personen waren von Delta betroffen und da konnte man feststellen, dass der Impfschutz aufrecht ist."

Weil die ansteckendere Delta-Mutante nun breit grassiert und der Antikörperspiegel nach der Erstimpfung noch nicht so patent wirksam ist, ist es wünschenswert, dass möglichst viele Menschen möglichst bald vollimmunisiert sind. "Die Intervalle zwischen erster und zweiter Impfung wurden ja ursprünglich wegen Impfstoff-Knappheit verlängert, und nun eben verkürzt", sagt Kollaritsch.

Zeit für den Booster

Wie lange der Impfschutz anhält, wird sich ebenfalls erst weisen. Kollaritsch: "Wir wissen noch nicht einmal genau, wie lange der Schutz bei der Wildtyp-Variante anhält. Es gibt aber solide Daten, die zeigen, dass Genesene für etwa ein Jahr geschützt sind. Ob das bei den Geimpften auch so ist, kann man heute noch nicht sagen. Die Impfstoffhersteller haben die langfristigen Daten zu ihren Präparaten noch nicht ausgewertet beziehungsweise die Ergebnisse noch nicht publiziert."

Kollaritsch geht aber davon aus, dass man im Juli oder August konkrete Anhaltspunkte dazu haben werde, wann die Auffrischungsdosen, sprich die Drittimpfungen, verabreicht werden müssen. "Das kann wiederum bei Jungen ein anderer Zeitraum sein als bei älteren oder vorerkrankten Menschen."

US-Impfstoffhersteller Pfizer will die Zulassung seiner Booster-Impfdosis jedenfalls schon jetzt forcieren. Demnach schwinde bei Geimpften bereits die Immunität, man wolle nun möglichst rasch die behördliche Erlaubnis zur Verimpfung des Boosters bekommen. Ein Antrag für eine Notzulassung soll schon im August gestellt werden. Sowohl die US-Arzneimittelbehörde FDA als auch die Seuchenbehörde CDC reagieren mit Zurückhaltung auf den Vorstoß: "Amerikaner, die vollständig geimpft wurden, brauchen derzeit keine Auffrischungsimpfung", hieß es in einem gemeinsamen Statement. Offenbar will man sich das Pandemie-Management nicht von den Impfstoff-Herstellern diktieren lassen.

Pfizer beruft sich jedenfalls auf epidemiologische Daten aus Israel. Es habe sich gezeigt, dass die Wirksamkeit des Impfstoffs bei der Vorbeugung von Infektionen und symptomatischen Erkrankungen sechs Monate nach der Impfung abebbe. Schweren Krankheitsverläufen beuge der Impfstoff allerdings weiterhin effektiv vor. Pfizer schlägt die Gabe einer dritten Dosis innerhalb von sechs bis 12 Monaten nach der zweiten Dosis vor, um das höchste Schutzniveau aufrechtzuerhalten.

Ausreichend Schutz

Auch die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bremsen Erwartungen an mögliche Auffrischungsimpfungen gegen Covid-19. Die EMA erklärte am Freitag, es sei noch nicht klar, ob mehr als die meist zwei Impfdosen pro Person benötigt würden. Bisher gehe die Behörde davon aus, dass die gegenwärtige Impfpraxis ausreichenden Schutz biete.

Für alle Vollimmunisierten hat Kollaritsch jedenfalls gute Neuigkeiten: "Die können davon ausgehen, dass sie aktuell nicht ganz zu 100 Prozent, aber gut geschützt sind."

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