Wieso gilt der Impfschutz schon ab Tag 22 nach der Erstimpfung?

Wieso gilt der Impfschutz schon ab Tag 22 nach der Erstimpfung?
Dass Erleichterungen ausgerechnet ab dem 22. Tag nach Erststich gelten, könnte hauptsächlich logistische Gründe haben.

Drei Wochen muss man nach der ersten Impfung noch ausharren, dann ist man von der Testpflicht befreit und kann den ersten Schritt zurück Richtung Normalität tun. Der Berliner Virologe Christian Drosten und auch der klinische Pharmakologe Markus Zeitlinger vom AKH Wien betonen aber mit Nachdruck: die zweite Impfung ist unumgänglich für einen guten und langfristigen Impfschutz.

Daraus ergibt sich auch die Frage, ist es denn überhaupt gerechtfertigt, den Erstgeimpften schon ab dem Tag 22 mehr Freiheiten zu geben, also sie von der Testpflicht zu befreien? Und wie kommt man eigentlich ausgerechnet auf 22 Tage? Der KURIER hat nachgefragt. 

Daten aus den Zulassungsstudien 

In den Anwendungsempfehlungen des Nationalen Impfgremiums (NIG) heißt es, man kann ab dem Tag 22 mit "einer gewissen Schutzwirkung" rechnen. Diese Information leitet man aus Erfahrungswerten und bisherigen Daten ab. "Aus pragmatischen Gründen" kann ab diesem Zeitpunkt eine Erleichterung der Maßnahmen erfolgen. Genauere Informationen gibt es in dem Papier keine. 

In der Zulassungsstudie des Vakzins von Biontech/Pfizer wird festgehalten: Zwischen erster und zweiter Teilimpfung konnte bei den Probandinnen und Probanden eine Wirksamkeit von 52 Prozent festgestellt werden. Die zweite Impfung wurde nach 21 Tagen verbreicht. Gleichzeitig wird auch betont, die Studie war nicht darauf ausgelegt, die Wirksamkeit nur einer Dosis zu messen. Zusätzlich schreiben die Autoren, zwölf Tage nach der Erstimpfung sind die Inzidenzen - die Zahl der Neuinfektionen - zwischen Geimpften und der Kontrollgruppe auseinander gegangen - ab diesem Zeitpunkt könnte die Impfung also begonnen haben Wirkung zu zeigen. 

Wirksamkeit ab Tag 22 ist "akzeptabel"

"Eine Wirksamkeit von etwa 50 Prozent ist akzeptabel, aber kratzt im unteren Bereich. Man kann Erleichterungen ab diesem Zeitpunkt also durchaus argumentieren. Und ich stehe auch hinter der Entscheidung des NIG, das so umzusetzen", sagt Zeitlinger auf KURIER-Nachfrage. Mitten in der dritten Welle hätte er das noch kritisch gesehen, in Anbetracht der sinkenden Fallzahlen seien diese drei Wochen jedoch eine akzeptable Lösung.

Mit etwa 50 Prozent Wirksamkeit könne man nach 22 Tagen bei allen zugelassenen Vakzinen rechnen.

Dass die Erleichterungen mit dem 22. Tag kommen, sei aber wohl weniger medizinisch überlegten, als mehr logistischen Gründen geschuldet. "In den Studien wurden Zweitimpfungen nach 21 Tagen gemacht, man hat dann wohl einfach am selben Tag Blut abgenommen, um die Titer zu bestimmen. Das heißt, wir wissen einfach, wo wir etwa nach 22 Tagen stehen. Und zu früheren Zeitpunkten gibt es keine breiten Daten zum Impfschutz."

Starker Rückgang von Hospitalisierungen

Während die generelle Schutzwirkung sich ab Tag 22 um die 50 Prozent bewegt, gibt es deutlich höhere Schutzwerte ab diesem Zeitpunkt, was Hospitalisierungen betrifft. Eine schottische Studie, in die etwa 1,3 Millionen Geimpfte einbezogen wurden, zeigte: Vom Tag 28 bis 32 nach der ersten Impfung gingen die Corona-bedingten Krankenhausaufenthalte unter den Biontech/Pfizer Geimpften um 91 Prozent zurück. Bei den Astra Zeneca Geimpften beobachtete man im selben Zeitraum einen Rückgang der Hospitalisierungen um 88 Prozent. 

"Hospitalisierungen sind natürlich ein ausschlaggebender Punkt", sagt auch Zeitlinger. 

Ohne zweite Impfung fällt Schutz schneller wieder ab

Größte Befürchtung von Zeitlinger ist, dass Erstgeimpfte "sich in falscher Sicherheit wiegen". Lässt man die zweite Impfung aus, erreicht man die 90 Prozent Schutzwirkung nicht, "und wir haben auch gesehen, dass der Impfschutz bei nur einmal Geimpften schneller wieder abfällt. Und ein theoretisches Argument dazu ist auch, dass wir nicht wissen, inwieweit wir Mutationen durch einen inkompletten Impfschutz unterstützen würden."

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