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Wissen Gesundheit
11/29/2021

Was wir derzeit über die Omikron-Variante wissen – und was nicht

Immer mehr Länder melden Fälle der neuen Variante B.1.1.529 - auch Österreich. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

von Maria Zelenko, Anita Kattinger

Die Ausbreitung einer neuen Variante des Coronavirus in südafrikanischen Ländern löste international große Besorgnis aus und führte zu Reisebeschränkungen. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt jetzt vor der Verbreitung der neuen Variante, die sich schnell global ausbreiten könnte. Die Variante B.1.1.529, die mittlerweile den Namen Omikron trägt, enthält 32 Mutationen am Spike-Protein, mit denen sich der Erreger Zugang zum menschlichen Körper verschafft. Hinzu kommen über ein Dutzend Mutationen in anderen Teilen des Virus.

Es ist aber nicht nur die Anzahl, sondern vor allem die Kombination der Mutationen, die Sorge bereiten, erklärt der Virologe Andreas Bergthaler vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Interview mit dem KURIER.

Was wir bisher über die neue Variante wissen:  

Wo ist die neue Variante B.1.1.529 erstmals entdeckt worden?

In der südafrikanischen Provinz Gauteng - bekannte Städte sind Pretoria und Johannesburg - ist zuletzt die Zahl der Neuinfektionen exponentiell gestiegen, die neue Variante macht 90 Prozent der entdeckten Viren aus. Allerdings ist die Gesamtzahl der entdeckten B.1.1.529-Genome relativ klein: Mit Stand Donnerstag war die neue Variante in 77 analysierten Virusproben aus Gauteng nachweisbar, die zwischen dem 12. und 20. November gesammelt wurden. Die Analyse von Hunderten weiterer Proben ist in Arbeit.

Die Variante weist eine Spike-Mutation auf, die es ermöglicht, sie durch Genotypisierungstests (PCR-Tests) nachzuweisen, die wesentlich schneller Ergebnisse liefern als Genomsequenzierungen.

Warum heißt sie Omikron?

Zu Beginn der Pandemie wurden Varianten nach den Herkunftsländern benannt. Da dies jedoch diskriminierend ist, ist man zur Namensgebung mit griechischen Buchstaben übergegangen. Warum nach Alpha, Beta, Gamma und Delta die neue Variante nicht mit Nu oder Xi betitelt wurde? Die WHO erklärte, dass Nu zu leicht mit dem Begriff "Neu" verwechselt werden könne und Xi ein sehr häufiger Nachname sei. Deshalb wurde es Omikron.

Wie ist die neue Variante entstanden?

In Südafrika gibt es die meisten Fälle, das heißt aber nicht, dass sie dort entstanden sein muss. Der erste Fall wurde am 11. November in Botswana registriert, drei Tage später folgte Südafrika. Expertinnen und Experten vermuten, dass die Variante in einer immungeschwächten Person entstanden sein könnte. In Menschen mit geschwächtem Immunsystem könne sich das Virus über viele Wochen vermehren, so Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI) gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa). "Dabei können immer wieder vereinzelt Mutationen auftreten, die dem Virus eventuell keinen Vorteil bringen, die sich aber aufgrund der fehlenden Kontrolle durch das Immunsystem dennoch weiter vermehren können." Damit könnten zusätzliche Mutationen entstehen, die dann in der Kombination eventuell einen Vorteil brächten.

"Die vielen Mutationen sprechen für Entstehung in HIV-Patienten", hatte der deutsche Gesundheitspolitiker und -experte Karl Lauterbach (SPD) schon am Freitag getwittert.

Welche Länder sind bisher betroffen?

Südafrika, Israel und Belgien waren unter den ersten Ländern, in denen Omikron aufgetaucht ist. Nach bestätigten Fällen in Deutschland ist die neue Variante nun auch in Österreich angekommen. Bereits Sonntagabend bestätigte Virologin Dorothee von Laer den Tiroler Verdachtsfall in der ORF-Sendung "Im Zentrum". Montagvormittag bestätigte auch das Gesundheitsministerium, dass es sich um einen Fall der Omikron-Variante handelt. Bei dem Fall handelt sich um eine von einer Südafrika-Reise zurückgekehrte Person.

Dänemark, Großbritannien, Tschechien, Australien und die Niederlande haben ebenfalls bereits Omikron-Fälle gemeldet.

Warum ist diese Variante besorgniserregend?

"Das Problem bei der Variante Variante B1.1.529 ist, dass sie mehr als 30 Mutationen am Spike-Protein aufweist, mit denen sich der Erreger Zugang zum menschlichen Körper verschafft. Zum Großteil kennen wir diese Mutationen bereits, aber hier treten sie gesammelt auf. Man kann zwar deren Effekte nicht einfach zusammenzählen, aber diese hohe Anzahl und Kombination an Mutationen löst diese internationale Besorgnis aus", erklärt Andreas Bergthaler. Virologen wie Florian Krammer spekulieren, ob die vielen Veränderungen im Spike-Protein vielleicht dazu führen, dass der Sars-CoV-2-Erreger einen anderen Weg in die Zelle nützen könnte als bisher.

Ist die Variante infektiöser?

Die Wissenschafterin Susan Hopkins vom Imperial College in London bezeichnete die neue Variante als "die besorgniserregendste, die wir je gesehen haben".

Andreas Bergthaler: "In der südafrikanischen Provinz Gauteng sind die Fälle stark angestiegen und es gibt Hinweise, dass dies mit der neuen Variante zu tun hat. Wenn man diese Zahlen zur Berechnung der Infektiosität heranzieht, dann wäre die neue Variante um vieles infektiöser als Delta. Hier stehen aber noch wichtige wissenschaftliche Untersuchungen aus, bevor man  seriöse Schlussfolgerungen machen kann."

Delta und vorherige Virusmutanten brauchten mehrere Wochen, um die vorherrschende Variante zu werden. B.1.1.529 hat sich binnen 14 Tagen an die Spitze der Infektionsstatistiken katapultiert. Das bedeutet, ersten Abschätzungen zufolge könnte B.1.1.529 gegenüber der ursprünglichen Variante einen 500-prozentigen Infektionsvorteil haben, Delta hat einen 70-prozentigen. All das sind aber erst Mutmaßungen. 

Sind der Verläufe bei Omikron schwerer?

Gliederschmerzen und extreme Müdigkeit – so beschreibt die Vorsitzende des südafrikanischen Ärzteverbandes Angélique Coetzee den Verlauf der bisher festgestellten Infektionsfälle mit der neuen Omikron-Variante in ihrem Heimatland. Die Symptome seien „mild, aber unüblich“, so klage bisher etwa keiner der Patienten über Geruchs- und Geschmacksverlust.

Für eine veränderte Krankheitsschwere gebe es derzeit laut dem deutschen Virologen Christian Drosten keine Hinweise. Dennoch ist der Experte der Berliner Charité sehr beunruhigt: "Ich bin schon ziemlich besorgt im Moment", sagte Drosten am Sonntagabend im "heute journal" des Senders ZDF. Man wisse nicht allzu viel über die neue Variante. Berichte über milde Verläufe hätten noch nicht sehr viel Substanz angesichts von nur gut 1.000 Fällen. Hier müsse man die klinischen Verläufe abwarten. Man sehe aber, dass sie häufig bei jungen Leuten in Südafrika auftauche und auch Menschen betreffe, die eine Erkrankung schon hinter sich haben. Er habe die Sorge, dass man die erste wirkliche "Immunfluchtmutante" des Coronavirus vor sich habe.

Schlagen Antigen-Tests bei dieser Variante an?

Eine gute Nachricht teilte die deutsche Virologin Sandra Ciesek auf Twitter mit: Bei einem der Verdachtsfälle in Deutschland habe sich gezeigt, dass die unkomplizierteren Antigen-Schnelltests auch bei der neuen Variante anschlagen und eine Infektion mit dem Coronavirus erkennen. „Die Antigentests wirken bei Omikron“, kommentierte das der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Reicht unser Impfschutz aus?

Mit etwas Sorge, aber ohne Panik, blickt der an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York tätige österreichische Forscher Florian Krammer auf die neue Variante B.1.1.529. Derart viele Mutationen im Spike-Proteins seien "nicht gut". Es könnte sich hier um eine Variante handeln, die erstmals eine Anpassung von Impfstoffen notwendig mache. Zur Einschätzung brauche es aber noch mehr Daten: "Es ist zu früh, da etwas zu sagen."

Die derzeit verfügbaren Corona-Impfstoffe sind nach Ansicht eines britischen Experten "fast sicher" weniger effektiv gegen die im südlichen Afrika entdeckte neue Variante B.1.1.529, glaubt James Naismith, Professor für Strukturbiologie an der Universität Oxford. Auch aus Sicht des südafrikanischen Virologen Shabir Madhi schützen herkömmliche Impfstoffe gegen die neue Corona-Variante B.1.1.529 nur bedingt. "Wir gehen davon aus, dass es noch einiges an Schutz gibt." Es sei aber wahrscheinlich, dass bisherige Impfstoffe weniger wirksam sein dürften.

Christian Drosten ruft mit Nachdruck zur Impfung auf: "Keiner kann im Moment sagen, was da auf uns zukommt. Das Einzige, was man wirklich mit Sicherheit sagen kann ist: Es ist besser, wenn man geimpft ist. Es ist noch besser, wenn man geboostert ist."

Der Impfstoffhersteller Moderna feilt bereits an zwei Vakzinen, die gegen Omikron eingesetzt werden können. Zudem kündigte das Unternehmen einen neuen variantenspezifischen Impfstoffkandidaten gegen die im südlichen Afrika entdecke Variante an. "Die Mutationen in der Omikron-Variante sind besorgniserregend, und seit einigen Tagen arbeiten wir so schnell wie möglich an der Umsetzung unserer Strategie zur Bekämpfung dieser Variante", sagte Stéphane Bancel, Chief Executive Officer vom US-Biotech-Unternehmen Moderna am Samstag.

Auch die Firma Novavax gab am Freitag bekannt, an einer aktualisierten Version des Impfstoffes gegen Covid-19 zu arbeiten. Diese soll in den kommenden paar Wochen bereit für Tests und Herstellung sein. Die Impfstoffhersteller Biontech und Johnson & Johnson haben ebenfalls verkündet, dass sie dabei sind, die Wirksamkeit ihrer Vakzine auf die neue Variante zu testen.

Welche Vorteile haben Reisebeschränkungen aus Südafrika?

Andreas Bergthaler: "Es geht immer um den Faktor Zeit in einer Pandemie. Je früher man agiert, desto besser. Wir müssen uns die Frage stellen, wie sehr wir mit der Identifizierung von B1.1.529 weltweit hinterherhinken. In diesem Fall haben ganz wenige Sequenzierungen gereicht, um hellhörig zu werden. Ursache ist die ungewöhnlichen Anzahl and Art von Mutationen der Variante. Politisch gesehen führt kein anderer Weg vorbei als möglichst rasch Maßnahmen zu implementieren. Damit können wir die Verbreitung der Variante aber wahrscheinlich maximal verlangsamen, wenn sie denn wirklich infektiöser ist als Delta ist."

Zahlreiche Länder, darunter auch Österreich, Deutschland und weitere Mitgliedstaaten der EU, haben den Flugverkehr mit Südafrika und weiteren Ländern der Region beschränkt. Großbritannien und Israel gingen noch einen Schritt weiter und verschärften ihre generellen Einreiseregelungen. Wie der britische Premierminister Boris Johnson ankündigte, müssen künftig alle Einreisenden zwei Tage nach ihrer Ankunft in Großbritannien einen PCR-Test machen und sich bis zur Vorlage des Ergebnisses isolieren.

Israel wird seine Grenzen ab Sonntagabend erneut komplett für Ausländer schließen. Ausnahmen müssten von einem Sonderkomitee genehmigt werden, teilte das Büro von Ministerpräsident Naftali Bennett mit. In Israel wurde bisher ein Omikron-Fall bei einem Rückkehrer aus Malawi bestätigt.

Welche Untersuchungen folgen jetzt?

Forscher in Südafrika haben bereits mit Labortests gestartet: Sie planen, die Fähigkeit der Variante zu testen, Antikörper sowie andere Immunreaktionen zu umgehen. Die Computermodellierung deutet darauf hin, dass B.1.1.529 die verliehene Immunität durch T-Zellen umgehen könnte. Das Team rund um Penny Moore, Virologin der University of Witwatersrand in Johannesburg, hofft, in zwei Wochen die ersten Ergebnisse vorlegen zu können.

Wie schnell kann Biontech einen neuen Impfstoff entwickeln?

Das Pharmaunternehmen Biontech kündigte am Montag an neben laufenden Labortests zur Untersuchung der neuen Corona-Variante Omikron auch an der Entwicklung eines angepassten Impfstoffs - vorbeugend für den Fall, dass dieser notwendig werden könnte, zu arbeiten. 

 "Um keine Zeit zu verlieren, gehen wir diese beiden Aufgaben parallel an, bis die Daten vorliegen und wir mehr Informationen darüber haben, ob der Impfstoff angepasst werden sollte oder nicht", teilte eine Biontech-Sprecherin mit.

Biontech hat für einen solchen Fall nach eigenen Angaben schon vor Monaten mit seinem US-Partner Pfizer Vorbereitungen getroffen. Der mRNA-Impfstoff soll dann innerhalb von sechs Wochen angepasst werden. Erste Chargen des angepassten Impfstoffs könnten nach Angaben des Unternehmens innerhalb von 100 Tagen ausgeliefert werden.

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