Virologe Andreas Bergthaler vom Forschungsinstitut für Molekulare Medizin (CeMM) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

© APA/GEORG HOCHMUTH

Wissen Gesundheit
11/26/2021

Bergthaler über neue Variante: "Müssen erst erforschen, wie gut der Impfschutz ist"

Der österreichische Molekularbiologe Andreas Bergthaler erklärt im Interview, warum weitere Untersuchungen und Impfen jetzt noch wichtiger sind.

von Anita Kattinger

Die österreichische Bundesregierung hat wie zahlreiche andere Länder Reisebeschränkungen für Südafrika oder andere afrikanische Länder erlassen. Eine Vorsichtsmaßnahme, die von Wissenschaftern wie Andreas Bergthaler begrüßt werden. Erst gestern hatte der südafrikanische Gesundheitsminister Daten über eine neue Virusvariante mitgeteilt, die sich in der südafrikanischen Provinz Gauteng rasend schnell ausbreitet. Expertinnen und Experten zeigen sich angesichts der ungewöhnlichen Kombination aus bedenklichen Mutationen besorgt.

Am Freitagabend gab die WHO bekannt, die neue Variante B.1.1.529 offiziell als "besorgniserregend" einzustufen. Sie wird Omikron heißen, nach dem 15. Buchstaben im griechischen Alphabet. Bisher gibt es Alpha, Beta, Gamma und Delta.

Der österreichische Molekularbiologe Andreas Bergthaler vom CeMM (Research Center for Molecular Medicine, Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) leitet jenes Team, das in Österreichdas neue Coronavirus SARS-CoV-2 im großen Stil sequenziert und die Verbreitung von Mutationen beobachtet. Im Interview mit dem KURIER erklärt er, warum die tatsächliche Bedrohung durch die neue Coronavirus-Variante noch unbekannt ist.

KURIER: Bisher haben wir aus der Pandemie gelernt, dass sich die fitteren Virusvarianten wie Delta oder zuvor Alpha durchgesetzt haben, die sich besonders schnell ausbreiten können. Die große Angst besteht aber immer noch vor einer Variante, die unseren Antikörpern ausweichen kann. Was macht diese Variante so besorgniserregend?

Andreas Bergthaler: Das Problem bei der Variante B.1.1.529 ist, dass sie mehr als 30 Mutationen am Spike-Protein aufweist, mit denen sich der Erreger Zugang zum menschlichen Körper verschafft. Zum Großteil kennen wir diese Mutationen bereits, aber hier treten sie gesammelt auf. Man kann zwar deren Effekte nicht einfach zusammenzählen, aber diese hohe Anzahl und Kombination an Mutationen löst diese internationale Besorgnis aus.

In der südafrikanischen Provinz Gauteng sind die Fälle stark angestiegen und es gibt Hinweise, dass dies mit der neuen Variante zu tun hat. Wenn man diese Zahlen zur Berechnung der Infektiosität heranzieht, dann wäre die neue Variante um vieles infektiöser als Delta. Hier stehen aber noch wichtige wissenschaftliche Untersuchungen aus für seriöse Schlussfolgerungen.

Lautet die große Frage jetzt, ob unser Immunsystem trotz Impfung oder früherer Covid-Infektion geschwächt werden kann?

Zwei Fragen sind wichtig: Ist diese Variante infektiöser? Denn wir haben bei Delta gesehen, dass dies der entscheidende Vorteil war, warum sich Delta international und auch in Österreich durchgesetzt hat. Und die zweite Frage ist, wie gut unser bisheriger Immunschutz gegen diese neue Variante wirkt.

Ihr Kollege Molekularbiologe Ulrich Elling, der einer der Ersten war, der auf diese Variante aufmerksam gemacht hat, spricht davon, dass wir vor einer neuen Pandemie stehen. Teilen Sie diese Befürchtung?

Es ist ein bisschen zu früh. Wir wissen viel zu wenig darüber, wie gut unsere Immunantwort auf diese neue Variante reagiert und ob sie wirklich so viel infektiöser ist.

Obwohl nur wenige Fälle der neuen Variante B.1.1.529 bekannt sind, haben einige Länder wie Österreich, Deutschland, Großbritannien und Israel den Flugverkehr bereits aus mehreren afrikanischen Ländern eingeschränkt. Wir wissen, dass das Virus durch Landesgrenzen nicht aufgehalten wird. Welche Vorteile hat eine Verzögerung, bis die neue Variante erstmals in Österreich auftaucht?

Ganz allgemein: Es geht immer um den Faktor Zeit in einer Pandemie. Je früher man agiert, desto besser. Wir müssen uns die Frage stellen, wie sehr wir hinterherhinken mit der Identifizierung von B.1.1.529 weltweit. In diesem Fall haben ganz wenige Sequenzierungen gereicht, um hellhörig zu werden aufgrund der ungewöhnlichen Anzahl and Art von Mutationen der Variante. Politisch gesehen führt kein anderer Weg vorbei als möglichst rasch Maßnahmen zu implementieren. Damit können wir die Verbreitung der Variante aber wahrscheinlich maximal verlangsamen, wenn sie denn wirklich infektiöser als Delta ist.

Müssten Südafrika-Rückkehrer der vergangenen und dieser Woche von den heimischen Behörden für eine PCR-Probe kontaktiert werden?

Das scheint mir sehr sinnvoll und wird in Großbritannien meines Wissens gemacht.

Vor 11 Monaten warnte Großbritannien vor Delta: Seitdem wurde ein umfassendes Monitoring in vielen Ländern eingeführt. Sequenziert Österreich ausreichend, um die neue Variante schnell aufzuspüren?

Wir sind gut dabei, wenngleich nicht unter den Spitzenreitern wie zum Beispiel England, Dänemark und Island. Wir haben einerseits das Überwachungssystem (Anm: Sentinel-System) für neu auftretende und bereits existierende Mutationen von Sars-CoV2 über die AGES und die ÖAW-Institute CeMM und IMBA sowie weiterer universitärer Institutionen. Zudem haben wir ein gutes Variantenmonitoring im Abwasser von mehr als 50 Prozent der Bevölkerung, welches ein sehr gutes wöchentliches Abbild der Situation mit einer gewissen Zeitverzögerung zulässt.

Wir wissen also aus unseren Daten von Mitte November, dass diese Variante bis dahin in Österreich nicht aufgetreten ist. Wir sind deutlich besser aufgestellt als vor einem Jahr und das Überwachungssystem wird von der AGES gerade noch deutlich ausgebaut. Wenn Österreich jedoch wie im Juni bei Delta nahezu überrollt werden sollte, dann kann ich jetzt jedem nur dringend zu einer Erstimpfung bzw. der Auffrischungsimpfung raten. Weiters müssen wir erforschen, wie gut unser Impfschutz gegenüber der neuen Variante tatsächlich ist.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.