Kritik an neuer Long-Covid-Ambulanz im Wiener AKH
Am Wiener AKH ist die Einrichtung einer neuen Long-Covid-Ambulanz geplant. Angesiedelt werden soll diese an der Psychiatrie. Behandlungsversuche laufen bereits - und zwar nach einem aus der Depressionstherapie entlehnten Schema.
Aus Expertenkreisen kommt Kritik: Der Psychiater Georg Schomerus vom Uni-Klinikum Leipzig zeigte sich über die im Konzept angenommene Ähnlichkeit mit Depression verwundert: "Es gibt klinisch wirklich viele Unterschiede zur Depressivität", sagte er.
Ein Eröffnungsdatum für die geplante Ambulanz ist noch nicht fixiert, die Planungen dürften aber vor dem Abschluss stehen: Interessierte können sich bereits vormerken lassen, wie ein APA-Anruf bei der Ambulanz ergab. Bereits im Vorjahr wurde im ORF sowie dem Monatsmagazin "Datum" über Behandlungsversuche einer Gruppe rund um die Psychiaterin und Spezialistin für therapieresistente Depression, Lucie Bartova, an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH) berichtet.
Das vierstufige Konzept basiert auf einem bei therapieresistenten Depressionen eingesetzten Behandlungsschema. Zum Einsatz kommen neben der Gabe von pflanzlichen Arzneimitteln (Phytotherapie) auch Antidepressiva und weitere Psychopharmaka. Wirkt all das nicht, dann kommt für einen (kleineren) Teil der Patienten eine Behandlung mit Ketamin infrage.
Psychiaterin sieht Ähnlichkeiten zwischen Depression und Long Covid
Eine Freigabe für ein APA-Interview kam nach einem Gespräch mit Bartova nicht zustande. Im Interview mit dem Magazin "Datum" vom Oktober des Vorjahres hatte die Psychiaterin ihren Ansatz damit erklärt, dass Patientinnen und Patienten mit Long Covid und Betroffene von Depression (beziehungsweise Angsterkrankungen) in vielen Fällen ähnliche Symptome hätten. Sie nannte hier beispielsweise Erschöpfung, Gedächtnis-, Aufmerksamkeit-, Konzentrations- und Schlafstörungen, chronische Schmerzen oder Herzrasen.
"Also habe ich mir gedacht: Vielleicht lassen sich die Krankheiten auch ähnlich behandeln", sagte Bartova damals. Die Trennung zwischen psychischen und physischen Erkrankungen ist für sie "überholt", selbst Depression sei keine rein psychische Krankheit. Psychiatrische Erkrankungen seien Gehirnerkrankungen, so die Spezialistin.
Experte Schomerus: "Es ist wirklich etwas ganz anderes als Depressivität"
Das Konzept wird von den seitens der APA befragten Experten für Long Covid mit deutlicher Skepsis betrachtet. Insbesondere die Annahme einer Ähnlichkeit zwischen Long Covid und Depression stößt bei Psychiater und Stigma-Forscher Schomerus - Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig - auf Verwunderung: Es sei konzeptionell unscharf, sagte er zur APA. Kritik kam auch von der deutschen Psychologin und Psychotherapeutin Bettina Grande, spezialisiert auf die Betreuung von Long-Covid-Betroffenen und auf die Multisystemerkrankung ME/CFS (die u.a. als Langzeitfolge einer Covid-Infektion auftreten kann).
Man könne den Unterschied von Long Covid gegenüber Depression in der Anamnese sehr gut herausarbeiten, betonte Schomerus: "Es gibt keinen Mangel an Interesse, es gibt keine Antriebsstörung. Es ist nicht so, dass die Leute zu nichts mehr Lust haben, sondern dass sie immer wieder mit einer Zustandsverschlechterung dafür bestraft werden, wenn sie ihrem Antrieb folgen und aktiv werden." Als Psychiater müsse man da eigentlich gerade wach werden und das klar abgrenzen, gab er zu verstehen.
"Eine psychiatrische Erkrankung ist ja eine Störung der Gefühle oder der Gedanken oder des Erlebens der Wirklichkeit. Und das sehe ich bei ME/CFS nicht. Da geht es nicht um gestörte Gefühle oder eine gestörte Wahrnehmung, sondern da geht es um einen gestörten Körper."
Stigma-Forscher: Auch keine funktionelle Störung
Ebenso könne man ME/CFS von einer funktionellen neurologischen Störung abgrenzen. Diese würde sich dadurch auszeichnen, "dass man von den Körperfunktionen her in der Lage wäre, etwas zu tun, aber aufgrund einer beeinträchtigten Steuerung es dann eben doch nicht tun kann."
Bei ME/CFS oder Long Covid sei das nicht der Fall, "denn die Leute sind ja nicht gelähmt, sondern können sich auch für kurze Zeit anstrengen - aber dann haben sie einen Crash und liegen eine Woche im Bett." "In meinen Augen gibt es eigentlich kein spezifisches Korrelat für eine psychische Diagnose."
Besonders wichtig sei es, das Symptom der sogenannten PEM (Post-Exertional-Malaise), eine schwere Belastungs-Erholungsstörung, die oft mit Depressionen verwechselt wird, ernst zu nehmen - und diese auch von Fatigue zu unterscheiden. Folge dieser Verwechslungen sind oftmals Fehlbehandlungen wie eine schrittweise Aktivierung (etwa in der Rehabilitation), die bei Depressionen gute Ergebnisse erzielen. Bei PEM hingegen kann ein solches Vorgehen im schlimmsten Fall zu einer dauerhaften Zustandsverschlechterung führen.
Gegen "Ähnlichkeits-"Annahme spreche "sehr viel Evidenz"
Den biologischen Ansatz des Konzepts Bartovas begrüßt Schomerus zwar, "aber es damit zur psychischen (bzw. psychiatrischen) Krankheit zu machen, halte ich für falsch". "Wir definieren psychische Krankheit von den Funktionen der Psyche her, nicht vom Gehirn." Aber auch die Einordnung als Gehirnkrankheit greife zu kurz. So verwies er etwa auf Studien, die aufzeigen, dass bei ME/CFS- und Post-Covid-Patientinnen und -Patienten (mit PEM) Veränderungen an der Muskelstruktur vorliegen.
Zur Annahme der Ähnlichkeit mit Depression sagte er: "Ich denke, da spricht viel Evidenz dagegen, zum Beispiel die ganzen Befunde zu den Muskeln, zu den Entzündungsparametern, zu den Schäden an Blutgefäßen, zum Sauerstofftransport, die man bei Long Covid sieht und bei Depressionen nicht."
Ketamin-Ansatz: Stratifizierung wichtig
Den Ketamin-Ansatz zu verfolgen hält Schomerus nicht per se für falsch: "Die Krankheitsschwere ist so groß, dass es sich absolut lohnt, alle möglichen therapeutischen Strategien zu verfolgen." Es könne ja durchaus sein, dass Ketamin bei einigen Betroffenen einen positiven Effekt habe, das habe sich für einige Antidepressiva ja auch schon gezeigt. "Dann wäre es aber wichtig herauszufinden, für welche Patienten genau es geeignet sei. Dafür müsse man die Patienten aufgrund ihrer Symptomatik oder anderer Befunde genau charakterisieren und Gruppen beschreiben."
Es gebe ja inzwischen einige Therapieansätze, die bei manchen Patienten anschlagen, bei anderen aber nicht. Wenn man auf diese Differenzierung verzichte, dann verschenke man einen möglichen Erkenntnisgewinn. Und natürlich müsste man auch vorher festlegen, was als Erfolg gilt und die Effekte gegenüber einer Kontrollgruppe zeigen, so Schomerus.
Stigmatisierung und Signal als Problem
Als weiteres Problem sieht Schomerus auch einen negativen "Nebeneffekt": Mit dem Konzept, aber auch mit der Ansiedelung einer Long-Covid-Ambulanz an der Psychiatrie, werde der Eindruck weiter vertieft, es würde sich bei Long Covid doch um eine psychische Erkrankung handeln - und nicht um eine postinfektiöse immunologische Multisystemerkrankung. Das habe auch mittelbare Auswirkungen auf die gesamte ärztliche Versorgung und auf weitere Forschungsbemühungen. Auch Grande würde es als "Präjudiz" sehen, würde eine Long-Covid-Ambulanz an der Psychiatrie entstehen.
Schomerus verwies auf die zahlreichen Symptome von Long Covid, für die es Behandlungsmöglichkeiten in anderen Fachdisziplinen gebe, etwa in der Kardiologie, Neurologie und Pulmologie. "Hier ist viel in Bewegung, es gibt Medikamente, die man für bestimmte Symptome verschreiben kann, da ist viel ärztliche Expertise gefragt." Wenn die Krankheit als "psychisch" fehlgedeutet werde, könnten hier Behandlungsbemühungen unterbleiben.
Probleme im Sozialrecht
Eine Einordnung als psychiatrische Krankheit sei aber auch im Sozialrecht fatal, etwa bei Begutachtungen für Invaliditätspension, für Pflegeleistungen, sowie die Anerkennung als Berufskrankheit bei Leuten, die sich im Beruf infiziert haben. Das Problem hätten dann nicht die Ambulanz-Patienten selbst, sondern jene Betroffenen, "die irgendwo anders beim Gutachter sitzen, der von dieser Ambulanz gelesen hat und davon, dass Fatigue doch eigentlich Depressivität ist oder Erschöpfung".
Wenn man dann in der Begutachtung als Simulant oder als psychisch krank dargestellt wird und Leistungen verwehrt werden, "dann erleidet man einen relevanten Schaden". Folgen habe das aber nicht nur für soziale Leistungen, sondern auch Therapieaufforderungen, die potenziell zu einer Krankheitsverschlechterung führen können, etwa die Aufforderung zu einer aktivierenden Rehabilitation. "Die Art und Weise, wie die Ambulanz sich konzeptionell präsentiert, leistet dem vermutlich Vorschub".
Für Grande müssten Long-Covid-Ambulanzen in der Immunologie und Neurologie verortet sein, "meinetwegen in der Inneren Medizin". "Aber absolut in der Somatik (Anm.: körperliche Medizin)."
"CoviKET": "Vielfältige Symptome" und psychosomatische Beschwerden
Erörtert wird das "CoviKET" genannte Projekt um Bartova auch in der APA vorliegenden Präsentations-Unterlagen. Mit an Bord ist auch die Neurologin Birgit Ludwig, Leiterin der AKH-Ambulanz für funktionelle neurologische Störungen, wie aus dem Research Profil Bartovas hervorgeht (https://go.apa.at/s4GqtoRM). Ludwig ist auch Hauptautorin einer 2023 erschienen (teils scharf kritisierten) Übersichtsarbeit zu ME/CFS einer Gruppe österreichischer Neurologinnen und Neurologen, in der eine psychosomatische Ätiologie (Ursache) von ME/CFS in den Raum gestellt wurde.
Long Covid wird in den Unterlagen als "ein heterogenes und vielschichtiges Krankheitssyndrom, das vielfältige Symptome wie Fatigue, Schlafstörungen, Ängste, und depressive Symptome sowie vegetative und weitere psychosomatische Beschwerden wie z.B. Schmerzen oder Missempfindungen" umfasse, beschrieben.
Ob das Kernmerkmal von ME/CFS - PEM, die auch bei Long Covid vorliegen kann - in der Präsentation vorkommt, ist den der APA vorliegenden Ausschnitten nicht zu entnehmen. In der Leitlinie S1 für das Management postviraler Zustände heißt es dazu, PEM sei eine "nach (auch leichter) Alltagsanstrengung auftretende Verschlechterung der Beschwerden, die oft erst nach einer Zeitverzögerung von mehreren Stunden oder am Folgetag einsetzt". Beim Vorliegen von postviraler Fatigue sei auf das Vorhandensein einer PEM zu achten. Und: Postvirale Fatigue müsse "von organisch strukturellen Störungen nach Covid oder aus alternativer Ursache (physischer, psychischer oder sozialer Natur) unterschieden werden".
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