Zahl der Autismus-Diagnosen verzehnfacht: Was steckt dahinter?
Bei der Autismus-Spektrum-Störung handelt es sich um eine Entwicklungsstörung, die sich in vielfältiger Weise darauf auswirkt, wie sich eine Person verhält, ausdrückt, mit anderen in Beziehung tritt und die Umwelt wahrnimmt.
Klimaaktivistin Greta Thunberg, Schauspieler Anthony Hopkins, die Filmfigur Rain Man – womöglich auch Albert Einstein, Mozart und Andy Warhol: Autismus hat viele prominente Gesichter.
Die Diagnose kann sich vielfältig auf das Leben auswirken (siehe Infobox unten). Menschen mit der Diagnose nehmen die Welt auf eine ganz eigene Art wahr – das kann mit besonderen Stärken, aber auch mit Herausforderungen im sozialen Miteinander einhergehen.
Die Zahl der Autismus-Diagnosen ist in Schweden in den vergangenen 40 Jahren auf das Zehnfache angewachsen. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende aus Schweden nun im Rahmen einer Kohortenstudie, die im renommierten British Medical Journal erschienen ist.
Autismus-Studie: 2,5 Millionen Neugeborene begleitet
Die Gruppe um Epidemiologin Caroline Fyfe begleitete über 2,5 Millionen Neugeborene, die zwischen 1985 und 2020 über das schwedische Geburtenregister erfasst wurden, bis zu 37 Jahre lang. Im Laufe des Studienzeitraums erhielten 2,8 Prozent die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung, kurz ASS.
"Die Ergebnisse der Studie stehen im Einklang mit anderen Forschungen aus der jüngeren Vergangenheit", sagt die Klinische Psychologin und Autismus-Expertin Susanne Ohmann von der MedUni Wien. "Insbesondere in den vergangenen 20 Jahren sehen wir einen zunehmenden Anstieg, sodass wir heute von einer Prävalenz (Häufigkeit, Anm.) von ein bis zwei Prozent ausgehen", erklärt Ohmann.
Vielfältige Ursachen
Die Gründe seien vielfältig. "Einerseits hat es mit der verbesserten, standardisierten Diagnostik und einem umfassenderen Wissen aufseiten von Ärztinnen und Psychologinnen wie auch Pädagoginnen zu tun. Andererseits gibt es auch die Hypothese, dass es damit zusammenhängt, dass Frauen und Männer heute später Eltern werden", erläutert Ohmann.
Manche Fachleute sehen die steigenden Fallzahlen auch als Ergebnis der Popularisierung der Diagnose über soziale Medien. Es sei nicht auszuschließen, dass dadurch sowohl Jugendliche vermehrt um eine Diagnose ansuchen als auch Kliniker ihren diagnostischen Blick verändern.
Ohmann sieht die Argumentation kritisch: "Die Angst vor der Diagnose mag ein Stück abgenommen haben, aber eine Autismus-Diagnose ist nach wie vor mit vielen Nachteilen verbunden." Vor allem Kinder mit frühkindlichem Autismus, der mit Sprachentwicklungsverzögerung und in der Regla auch verminderter Intelligenz einhergeht, seien im Leben stark beeinträchtigt. "Hochfunktionale Autistinnen und Autisten sind vor allem im Berufsleben benachteiligt."
Mädchen holen bei Diagnosen auf
Neben den steigenden Diagnosen heben die schwedischen Forschenden auch Veränderungen beim Verhältnis der Diagnoserate zwischen Mädchen und Buben, der sogenannten "male to female ratio", hervor. Bis zu einem Alter von zehn Jahren wurden in der Studie zwar etwa dreimal häufiger Buben mit einer ASS diagnostiziert als Mädchen. Ab einem Alter von über 15 Jahren war das Diagnoseverhältnis aber ungefähr ausgeglichen. Die Autoren diskutieren verschiedene Ursachen, etwa die Ausweitung der klinischen Diagnosekriterien.
Auch Expertin Ohmann beobachtet, dass sich häufiger Mädchen mit ASS-Symptomen zur kinder- und jugendpsychiatrischen Diagnostik vorstellen. Jüngste Forschungsergebnisse zeigen deutlich: Autismus präsentiert sich bei Mädchen anders als bei Buben. "Die Idee ist, dass Mädchen diskretere Symptome haben, sich besser durchs soziale Leben navigieren und in der Kommunikation mit Gleichaltrigen grundsätzlich begabter sind, aber auch von Müttern stärker dahingehend gefördert werden."
Früher wurden fast nur Mädchen mit besonders problematischen Symptomen erfasst. Inzwischen werde der Blick genauer auf etwaige Interaktions- oder Flexibilitätsprobleme gerichtet. "Autistinnen und Autisten tun sich schwer, auf kurzfristig veränderte Gegebenheiten zu reagieren, und haben eine Vorliebe für immer gleiche Abläufe."
Nicht selten werden – insbesondere weniger stark ausgeprägte – Autismus-Symptome bei Mädchen als Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen oder Emotionsregulationsprobleme verkannt. "Meiner Meinung nach trifft das aber auch Buben, weswegen man immer auch die sozialen Beziehungen genauer betrachten muss", schildert Ohmann.
Immer wieder hört man aus Fachkreisen, Eltern würden sich eine ASS-Diagnose zur eigenen Entlastung wünschen. Ohmann sieht die Motive nicht in den Merkmalen der Störung. "Manchmal sind Eltern erleichtert, wenn Experten ihre Beobachtungen teilen und damit gesichert ist, dass sie sich die Probleme ihres Kindes nicht einbilden. Meist geht es aber um den Zugang zu spezifischer Therapie, der – wenn überhaupt – nur geöffnet wird, wenn eine Diagnose vorliegt."
Ohmann übt allgemein scharfe Kritik an der Versorgungslage in Österreich: "Wir haben heute tolle, spezifische Therapien, um Kinder zu fördern, damit sie besser durchs Leben kommen. Die meisten Eltern können sich diese aber nicht leisten. Die Zentren, in denen es Angebote gibt, sind völlig überfüllt. Zu wissen, wie viele geeignete Therapien es gibt und wie wenig die Kinder erreicht, weil Ressourcen fehlen, ist schwer zu ertragen."
Schwermetalle und Impfungen lösen Autismus nicht aus
Bei der Entstehung von Autismus dürften neben der Genetik auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Gesicherte Erkenntnisse zu spezifischen auslösenden Umweltfaktoren fehlen aber bislang.
Immer wieder sind Eltern verunsichert, dass bestimmte Impfungen oder Schwermetalle Autismus Vorschub leisten könnten. Ohmann: "Eltern suchen nachvollziehbarerweise nach Erklärungen in der Biografie. Gesichert ist jedoch, dass weder Schwermetalle noch Impfungen gegen Infektionskrankheiten als Ursache eine Rolle spielen."
Formen
Bei der Autismus-Spektrum-Störung handelt es sich um eine Entwicklungsstörung, die sich vielfältig darauf auswirkt, wie sich eine Person verhält, ausdrückt, mit anderen in Beziehung tritt und die Umwelt wahrnimmt. Die bekanntesten Formen sind der frühkindliche Autismus und das Asperger-Syndrom. Aufgrund der großen Bandbreite an Formen hat sich die Bezeichnung Autismus-Spektrum-Störung etabliert.
87.000 Kinder u. Erwachsene haben in Österreich die Diagnose.
Anlaufstelle
Die Österreichische Autistenhilfe steht Autisten und ihren Familien bei Beratung, Therapie und Diagnose zur Seite.
Kommentare