Winterwandern: Warum sanfte Bewegung im Schnee heilsam ist

Zwei Menschen wandern in dicker Winterkleidung durch einen verschneiten Wald mit hohen, schneebedeckten Bäumen.
Nichts als ein leises Knirschen des Schnees und der eigene Atem – das ist im besten Fall alles, was man beim Winterwandern zu hören bekommt. Warum das wie ein Mini-Antidepressivum wirkt: ein Motivationsschub.

Von Nicola Afchar-Negad

Die Ruhe kommt zuerst. Nicht als Abwesenheit von Lärm, sondern als spürbare Entlastung. Der Schnee – sofern er liegt – hüllt die Welt in Stille, glättet scharfe Konturen und entschleunigt die Gedanken, sodass der Kopf wie von selbst leiser wird. Eine Art natürliches, seelisches Detox. Wo Farben reduziert und Bewegungen klar definiert sind, muss das Gehirn weniger filtern. An dieser Stelle „kommt die Theorie von der Aufmerksamkeits-Wiederherstellung ins Spiel“, klinkt sich Dr. Leonie Fian, Postdoktorandin am Institut für Umweltsystemwissenschaften an der Universität Graz, ein. Zum Hintergrund: „Um zu funktionieren, sowohl beruflich als auch privat, müssen wir uns auf Dinge fokussieren können. In unserer heutigen schnelllebigen und kognitiv sehr fordernden Zeit ist das natürlich ein großes Thema. Eine ständige Überstrapazierung unserer kognitiven Batterien – ohne Aufladung – kann zu einer Verschlechterung der psychischen und körperlichen Gesundheit führen.“ 

Die Natur kann das ausgleichen, wie Fian aus ihrer Doktorandin-Zeit an der Uni Wien weiß. „Eine restaurative, also wiederherstellende Umgebung ist eine, die wenig kognitiven Aufwand erfordert.“ Das trifft sich gut: Wald, Wiesen und Berge sind in Österreich reichlich vorhanden. Es dürfte sich durchaus herumgesprochen haben, dass Bewegung in der Natur gut für einen ist, aber tatsächlich kann der Winter eine Art Turbo für die Langsamkeit, für das Aufladen der kognitiven Batterien sein. Fian: „Konkret auf White Spaces, also Schneelandschaften bezogen, gibt es interessante Forschung, die nahelegt, dass genau diese als besonders restaurativ, beruhigend und faszinierend wahrgenommen wird. Zudem verstärkt sich das Gefühl des Weg-Seins.“ 

Und: Die „Soundscape“, also Klanglandschaft, ist in der kalten Jahreszeit eine ganz andere. „Frischer Schnee absorbiert Schall und die Umgebung wirkt ruhiger, fast wie „eingehüllt.“ Gerade das Wandern im Winter – das in den letzten Jahren immer populärer wird – wirkt nicht wie eine Rekordjagd, sondern wie ein Reset-Knopf. Kälte zwingt uns dazu, präsent zu sein – auf den Atem zu achten, den Körper zu spüren, achtsam Schritte zu setzen. Es geht gleichzeitig um Kontrolle (der sichere Tritt) und Loslassen (die Weite der Landschaft). All das kreiert ein Gefühl des Im-Moment-Seins, ein Gefühl von Zufriedenheit.

Wirksamer als Pharmaka

Einer, der selbst in der perfekten Winterkulisse groß geworden ist, ist Prof. Reinhard Haller. Der Psychiater, Psychotherapeut und Sachbuchautor aus dem Bregenzerwald findet klare Worte für die Wirkung des Winterwanderns: „Es hat einen ausgeprägten psychotherapeutischen und prophylaktischen Effekt. Es ist wirksamer als manche Pharmaka, ohne unangenehme Nebenwirkungen zu haben.“ Besonders förderlich sei der Bewegungs-Boost bei „den großen psychischen Störungen unserer Zeit: bei den Stresskrankheiten und Depressionen. Die Charakteristik des Winters – etwa Kälte, Licht oder reduzierte Reize – regen das zentrale Belohnungssystem besonders stark an, erklärt Haller. „Die vermehrte Ausschüttung des Neurohormons Serotonin verbessert die Stimmung, Noradrenalin fördert die geistige Klarheit und Dopamin vertieft das meditative Empfinden. 

Wandern in einer Schneelandschaft ist im Prinzip eine intensive Form der Lichttherapie, die ja in der Depressionsbehandlung immer mehr an Bedeutung gewinnt.“ Auch wenn schon eine Stunde „das gesamte Gehirn aktiviert“, wichtig sei eine Regelmäßigkeit. „Es braucht eine gewisse Disziplin und gute Selbstwahrnehmung, ein In-sich-Hineinhorchen und eine Empfänglichkeit für die im Winter ganz besondere Außenwelt.“ Nur dann könne „das intensive Gehen in der lichten Winterlandschaft auch zu einer guten Wanderung durch das weite Land der Seele“ werden. Dr. Hallers Heimatbundesland Vorarlberg hat Ende 2025 mit einem Pilotprojekt aufhorchen lassen – von Ärzten verordnete Museumsbesuche. Wäre da nicht auch die Sessellift-Karte eine clevere Sache, so die zugespitzte Nachfrage. „Angebote von therapeutischem Wandern wären besonders in der lichtarmen Zeit hilfreich“, nickt Haller. „Von Sesselliftkarten würde ich aber abraten, man soll ja hinauf wandern.“ Stimmt auch wieder.

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