Warum fühlt sich der Jänner so endlos an?

Ein blauer Ballon mit traurigem Gesichtsausdruck schwebt an einer Schnur vor blauem Hintergrund.
Der Jänner ist ein Meister darin, uns zu zermürben. Er zieht sich wie Kaugummi; jeder Tag wirkt endlos. Was dahintersteckt, erklären ein Zeitforscher und eine Psychologin.

Es ist Jänner. Die Welt wirkt irgendwie schwerer als sonst. An den ersten Tagen des neuen Jahres konnten wir, noch im Feiertagstaumel, kaum den Wochentag benennen. 

Spätestens seit dem Dreikönigstag ist klar: Der Montag unter den Monaten hat begonnen. Die festliche Euphorie ist endgültig verflogen; der Anspruch, sich dieses Jahr endlich zu verbessern, wiegt schwer. Und zwischendurch fragen wir uns: Wann wird es denn nun endlich Frühling?

Warum fühlt sich der Jänner so endlos an? "Wir wissen, dass die Zeit langsam vergeht, wenn wir uns langweilen und wenig Vorfreude empfinden", sagt die britische Psychologin Claudia Hammond. "Im Jänner scheint der Frühling noch in weiter Ferne – wir haben nicht einmal das Weihnachtsfest, auf das wir uns freuen können", erklärt die Autorin des 2019 erschienenen Buches "Tick, tack: Wie unser Zeitgefühl im Kopf entsteht" im KURIER leben Interview.

Unsortierter Jahresstart

Zeitforscher Marc Wittmann beschreibt das Phänomen aus einer anderen Perspektive. "Aus Sicht der Zeitwahrnehmung lässt es sich damit erklären, dass zu Jahresbeginn alles noch gewissermaßen unsortiert ist. Sportkurse haben noch nicht wieder begonnen, im Büro pendeln sich Termine und Arbeitspensum erst allmählich wieder ein, viele krempeln den Alltag im Zeichen guter Vorsätze um", umreißt Wittmann, der am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene an der Universität Fribourg in der Schweiz forscht. Er weiß: "Alles, was von Routinen abweicht, wird besonders im Gedächtnis eingespeichert. Das dehnt die Zeit."

Die Routine hingegen ist ein Zeitkiller, so Wittmann. "Wenn nichts Besonderes passiert und im Gedächtnis bleibt, vergeht die Zeit schneller."

In der Retrospektive ist die Gesetzmäßigkeit der Zeitwahrnehmung vorteilhaft: "Wenn ein Monat etwas langweilig war und wenig Neues geboten hat, empfinden wir ihn rückblickend als kürzer", sagt Hammond. Auch Wittmann betont: "Unsere Erinnerung und insbesondere die Erinnerungsfülle determinieren unser Zeitgefühl."

Freudloses Datum

Verlässliche wissenschaftliche Daten zur Jänner-Mühsal gibt es nicht. Allerdings fällt auch der sogenannte "Blue Monday" in den ersten Monat des Jahres. Am dritten Montag im Jänner soll dieser "deprimierendste Tag des Jahres" sein.

Das Konzept geht auf den britischen Psychologen Cliff Arnall zurück. Arnall behauptete Mitte der 2000er, eine Formel für den tristesten Tag des Jahres gefunden zu haben. Er kam zu dem Schluss, dass winterliche Wetterverhältnisse, weihnachtsbedingte Geldprobleme, durch Familienzusammenkünfte geleerte soziale Batterien und gescheiterte Vorsätze den perfekten Nährboden für Trübsal bieten. 2005 bediente sich der Reiseanbieter Sky Travel Arnalls Modell in einer Werbekampagne – um Urlaubsreisen gegen die Tristesse zu vermarkten.

Wissenschaftlich ist das Phänomen umstritten. "Es gibt jedoch keine Daten, die den Blue Monday belegen“, unterstreicht Hammond. „Schaut man sich Studien zu den verschiedenen Wochentagen an, wird tatsächlich der Mittwoch von mehr Menschen abgelehnt als der Montag."

Belegt ist: Unsere Stimmung prägt unser Zeitgefühl. Studien zeigen: Negative Gefühle dehnen das Zeitempfinden. "Untersuchungen mit depressiven Patientinnen und Patienten zeigen, dass sie das Gefühl von zeitlichem Stillstand, einem Feststecken im Moment und einer endlos entfernten Zukunft sehr gut kennen", sagt Wittmann.

Forscher vermuten seit Langem, dass das "Glückshormon" Dopamin unsere Wahrnehmung der Zeit beeinflusst. Dieser Botenstoff wird stärker ausgeschüttet, wenn wir positive Überraschungen erleben oder große Zufriedenheit verspüren – dann vergeht die Zeit gefühlt schneller. 

Versuche mit Ratten, deren Dopaminspiegel durch Amphetamine erhöht wurde, zeigen: Sie schätzen Zeitintervalle kürzer ein, als sie sind. Diese Erkenntnisse führten zur Dopamin-Uhr-Hypothese, die besagt, dass Dopamin den Rhythmus unserer inneren Uhr und unsere Zeitwahrnehmung steuert. Ein endgültiger Nachweis dafür steht jedoch noch aus.

Wir wissen, dass die Zeit langsam vergeht, wenn wir uns langweilen und wenig Vorfreude empfinden.

von Claudia Hammond

Psychologin

Schlechte Stimmung dehnt die Zeit

Im Winter kämpfen viele mit Stimmungseinbrüchen. Weniger Sonnenschein beeinflusst den Hormonhaushalt und kann depressive Verstimmungen begünstigen. Rund zwei bis drei Prozent der Bevölkerung sind in der kalten Jahreshälfte von einer Herbst-Winter-Depression betroffen. Eine leichtere Form, der Herbstblues, trifft bis zu 15 Prozent. „Macht uns die Dunkelheit depressiv, spiegelt sich das in einem Gefühl zäher Zeit“, betont Wittmann.

Cliff Arnall entschuldigte sich Jahre später für seine "Erfindung" des Blue Monday. Er habe Menschen inspirieren wollen, aktiv zu werden und mutige Entscheidungen zu treffen. "Es war nie meine Absicht, diesen Tag als so negativ darzustellen", wurde der Glücksforscher 2018 vom Independent zitiert.

Der glücklichste Tag des Jahres fällt laut Arnall übrigens auf den 14. Juli. Sich gedanklich auf dieses Datum – oder andere freudvolle Ereignisse – auszurichten, könnte aus Zeitforschungsperspektive günstig sein. Wittmann: "Je zukunftsorientierter wir sind, desto schneller vergeht die Zeit; je präsenzorientierter wir sind, desto langsamer vergeht sie."

Unsere Erinnerung und insbesondere die Erinnerungsfülle determinieren unser Zeitgefühl.

von Marc Wittmann

Zeitforscher

Neue Routinen pflegen

Um die Zeit im Hier und Jetzt anzutreiben, empfiehlt Hammond neue Routinen einzuführen: "Anstatt sich zu Hause zu verkriechen und fernzusehen, sollten Sie drei Dinge planen, die Sie nicht oft oder idealerweise noch nie zuvor getan haben. Gehen Sie zu einem Salsa-Abend, laufen Sie am Strand oder besuchen Sie eine Ausstellung. Die Idee ist, Ihren Kalender mit Ereignissen zu füllen, auf die Sie sich freuen können", sagt Hammond. 

Sie empfiehlt: "Betrachten Sie den Jänner als Auftakt zum Frühling. Ich mache es mir zur Gewohnheit, jeden Montag nachzuschauen, wann die Sonne untergeht. So stelle ich sicher, dass ich bemerke, dass die Tage tatsächlich länger werden – auch wenn es sich nicht so anfühlt."

In Ehrfurcht üben

Um das Wohlbefinden allgemein zu stärken, rät die Psychologin, sich in Ehrfurcht zu üben: "Untersuchungen zeigen, dass Momente der Ehrfurcht das Wohlbefinden steigern und eigene Sorgen relativieren können."

In ihrem gerade erst erschienenen Buch "Overwhelmed" legt Hammond ihren Leserinnen und Lesern einen sogenannten "Awe Walk" ("Ehrfurchtsspaziergang") ans Herz: "Spazieren Sie fünfzehn Minuten durch Ihre Umgebung und halten Sie bewusst nach Dingen Ausschau, die Ihnen Ehrfurcht einflößen. Das kann die Form eines Baumes sein oder das filigrane Gerüst eines abgestorbenen Blattes. Vielleicht gibt es eine beeindruckende Eisenbahnbrücke, die von Menschenhand erbaut wurde. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um darüber nachzudenken, wie man das vor all den Jahren geschafft haben könnte."

Auch Wittmann rät, den trägen Jänner als Chance zu begreifen: "Der Geist ist an sich durch die Weihnachtsruhe erfrischt. Es ist eine gute Idee, sich zu freuen, dass die Zeit langsamer vergeht. Sonst klagen wir, dass sie an uns vorbeirast." 

Ein Gedanke mit existenzieller Qualität: "Immerhin geht in unserer gewöhnlichen Zeitvorstellung alles auf das Lebensende zu. Vielleicht sollten wir den langsamen ersten Monat im Jahr ins Positive transformieren."

Kommentare