Die Kraft des Lichts: Wie essenziell die Wintersonne ist
Von Nicola Afchar-Negad
Im Winter lebt Mitteleuropa im Halbdunkel. Zwischen Hamburg und Wien zeigt sich die Sonne vielleicht acht Stunden am Tag – und die meisten davon verbringen wir unter Neonröhren. Nur 30 bis 60 Minuten schafft es der Mensch im Schnitt nach draußen – wenn überhaupt. Theoretisch weiß man, dass das schlecht ist, praktisch ist es sogar richtig ungünstig. Denn: Während Lampen im Büro oder zuhause meist gerade mal 300 bis 500 Lux (Anm.: Maßeinheit für Helligkeit) schaffen, liefert selbst ein trüber Himmel draußen über 3.000 Lux. Kurz gesagt: Unser Leben spielt sich im künstlichen Schatten ab. Dass einen das müde machen kann, wenn nicht sogar antriebslos, spürt man recht schnell.
Die Stimmung ist im Keller, Winterblues nicht selten die Folge. Und mehr, wie Dr. Manuel Spitschan, Professor für Chronobiology & Health an der TU München im Interview mit leben auflistet: „Neuere Studien zeigen, dass zu wenig Licht am Tag und zu viel in der Nacht mit einem erhöhten Risiko für Stoffwechsel-, Herz- Kreislauf- oder psychische Störungen im Zusammenhang stehen können.“ Von Seiten der Meduni Wien fügt man via Pressemeldung noch hinzu: Übermäßige nächtliche Lichtexposition kann nicht nur zu Schlafstörungen führen, sie erhöht auch das Risiko für Erkrankungen wie Adipositas, Depressionen, Diabetes oder Krebs. Belegt: ein erhöhtes Krebsrisiko bei Menschen, die regelmäßig nachts arbeiten. Aber auch ohne Schichtarbeit ist diese verschobene Realität ein Problem, wie Spitschan betont: „Viele Menschen bekommen tagsüber zu wenig und abends bzw. in der Nacht zu viel Licht. Das sehen wir in etlichen Datensätzen – natürlich gibt es aber auch berufliche und individuelle Unterschiede.“
Abschied von 24/7
Und grundsätzlich: „Die meisten unterschätzen völlig, wie stark Licht unseren Körper steuert. Es ist aber der wichtigste Zeitgeber für unsere innere Uhr.“ Eine Uhr, die nicht stoisch dem 24 Stunden-Rhythmus folgt, sondern immer wieder neu aufgezogen werden muss, kalibriert werden muss. Sie sitzt tief in unserem Gehirn und synchronisiert alle anderen Uhren, im Herz, der Lunge, der Leber – allen Organen und sogar in den Hautzellen. „Obwohl schon einiges zur inneren Uhr bekannt ist, wissen wir noch erstaunlich wenig darüber, wie Licht unter realistischen Alltagsbedingungen auf sie wirkt und wie wir dieses Wissen gezielt für die Gesundheit nutzen können“, so Spitschan, der auch eine Forschungsgruppe für biologische Kybernetik am Max-Planck-Institut in Tübingen leitet und als wissenschaftlicher Supervisor für den Podcast „Light O'Clock“ fungiert. Im letzten Sommer war sein Team mit einer Wissenschafts-Roadshow in Deutschland unterwegs.
Bei über 500 Personen wurde die Pupillenreaktion gemessen. „Es gibt enorme Unterschiede, wie Menschen auf Licht reagieren – manche bis zu 30-fach stärker! Für mich persönlich ist das eine wichtige Erkenntnis: Menschen haben unterschiedliche Lichtbedürfnisse.“ Dabei komme es nicht zwingend auf einzelne Faktoren an. Wer beispielsweise keine Chance hat, den Morgenkaffee am Fenster zu trinken, kann dafür vielleicht in der Mittagspause 15 Minuten im Freien spazieren. Der Forscher: „Unsere innere Uhr denkt nicht in Schubladen. Sie reagiert auf das gesamte Lichtprotokoll über 24 Stunden.“ Diese Aussage stützt auch eine aktuelle Untersuchung der University of Monash (Melbourne), die auf 86.000 Menschen der UK-Biobank (ein gigantisches Daten- und Probenarchiv) basiert. Probanden, die tagsüber mehr natürlichem Sonnenlicht ausgesetzt waren, hatten ein deutlich geringeres Risiko für psychische Erkrankungen, und zwar – und das ist das Interessante daran – unabhängig davon, wie viel Licht sie nachts bekamen. Grundsätzlich gilt aber, so fasst Spitschan prägnant zusammen: „Helle Tage, dunkle Nächte“.
Schöner Schein
Der Mensch ist ein Lichtwesen, soviel ist klar. Gerade, wenn es um die mentale Gesundheit geht, wird einem das bewusst. Das österreichische Medizintechnik-Start Up Syntropic Medical testet aktuell eine spezielle Lichttherapie – mittels Headset, sprich: nicht-invasiv, nicht medikamentös. Stattdessen blinkt weißes Licht 60-mal pro Sekunde, um das Gehirn zu stimulieren – das soll zu einer neuronalen Synchronisation führen. Ernsthafte Nebenwirkungen wurden in der ersten Studie – mit gesunden Freiwilligen – nicht festgestellt. Seit 2024 laufen auch klinische Studien in den USA und Brasilien. Bereits fast schon Mainstream: Rotlichttherapie. Nicht unwahrscheinlich, dass einem das schon begegnet ist. Auf Social Media sind rot leuchtende LED-Gesichtsmasken geradezu ein Hype, meist höchstens 30-jährige Influencerinnen räumen mit dem Beauty-Gadget die Küche auf oder entspannen am Sofa. Fakt ist: Rotlichttherapie wirkt wie ein Energie-Boost für die Zellen, fördert Heilung, lindert Schmerzen und ja, es kann die Hautregeneration unterstützen. Wie immer gilt: die richtige Anwendung macht den Unterschied. Auch Medical-Spas oder Wellness-Resorts können hier strahlen – eine gezielte Rotlichttherapie (z. B. im Krallerhof in Leogang) wirkt sich auf die Mitochondrien – die Energiezentren der Zellen – aus. Ganz ohne UV.
Rot-goldene Stunden
Aber wie nun die ganze Strahlkraft des Tageslichts idealerweise nutzen? Ein Tiroler Unternehmen beschäftigt sich seit langem erfolgreich mit der Tageslichtlenkung, mit reflektorischen Materialien, die für mehr Schein im täglichen Sein sorgen. Die Rede ist hier aber von Großprojekten; für den Privatgebrauch kann man sich trotzdem etwas abschauen. Etwa Spiegel so geschickt platzieren, dass sie die Strahlen ins Innere der Räume lenken. Und was die Leuchten angeht: immer mehr Produkte sind höchst flexibel. Sie können von Raum zu Raum getragen werden, ihre Lichtquellen können sowohl nach oben oder unten ausgerichtet werden und dimmbar ist gefühlt sowieso schon jede moderne Leuchte.
Ein gutes Beispiel: die Modelle Sun und Salt der Hamburger Firma „Grau“. Sunset Dimming, also das Reproduzieren des Lichtfarbenspektrums der Sonne, ist das Konzept dahinter. „Wohlfühllicht“ nennen das die Macher – es kommt gänzlich ohne Blaulichtanteil aus. Genau dieses Blaulicht, das uns von Handy oder Tablet entgegen flimmert, stört bekanntermaßen ja die Produktion des Hormons Melatonin, das wir so dringend für erholsamen Schlaf benötigen. Der österreichische Chronobiologe Maximilian Moser (neues Buch: „Die heilende Kraft des Vagus“, ecoWing) rät sogar dazu, ab Sonnenuntergang gänzlich auf Screens zu verzichten. Und ansonsten? „Im Bad und Schlafzimmer am besten auf Halogen-Lampen setzen und bei Tageslichtlampen auf Vollspektrum-Produkte setzen“. Auch Apps (wie f.lux) können helfen, indem sie das Licht von Monitoren an die Tageszeit anpassen. Und wenn gar nichts hilft, dann vielleicht der Trip ins „Raffles Seychelles“ die richtige Initialzündung. Ein Astronom lädt hier zum Sterne schauen am wirklich noch zappendusteren Nachthimmel, weit weg von der Lichtverschmutzung in Mitteleuropa.
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