Impfung der neunjährigen Marisol Gerardo in den USA, die an einer Impfstoff-Studie teilnimmt.

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Wissen Gesundheit
04/29/2021

Corona-Impfungen für Kinder: Wie wichtig sind sie?

Bereits im Sommer könnten Impfungen der 12-bis 16-Jährigen möglich sein. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

von Elisabeth Gerstendorfer, Ernst Mauritz

Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren könnten bereits in diesem Sommer geimpft werden. Davon gehen in Deutschland Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn aus. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie ist der Status quo bei Kinderimpfungen?

Laut dem deutschen Impfstoffhersteller Biontech könnte es bereits Anfang Juni erste Impfungen für Kinder geben – vorerst für die Altersgruppe der Zwölf- bis 15-Jährigen. Das Unternehmen sei in Europa kurz davor, die Studiendaten für die bedingte Zulassung einzureichen - schon kommenden Mittwoch könnte es soweit sein, in den USA ist die Zulassung bereits beantragt worden. Jüngere Kinder sollen bald nachfolgen. Auch die anderen Impfstoffhersteller machen Studien mit  Kindern, sie haben  jedoch noch nicht veröffentlicht, wann ihre Impfstoffe eingesetzt werden könnten. Biontech/Pfizer ist derzeit für Jugendliche ab 16 zugelassen, die anderen Impfstoffe ab 18 Jahren.

Ist Anfang Juni für Kinder ab zwölf in Österreich realistisch?

Virologin Christina Nicolodi, die Firmen in solchen Zulassungsverfahren begleitet, hält die Pläne von Biontech für „ambitioniert“. „Gerade bei Kindern wird sehr kritisch begutachtet. Ich will nicht ausschließen, dass es sich ausgeht, wenn die Europäische Arzneimittelagentur EMA die Zulassung priorisiert, allerdings braucht das seine Zeit“, sagt Nicolodi. In Deutschland hat Angela Merkel bereits angekündigt, dass Zwölf- bis 15-Jährige ab dem Sommer geimpft werden könnten. "Generell ist ein Nachtrag zu einer bestehenden Zulassung einfacher, weil es ja nur eine geringfügige Änderung ist, wenn man die Dosis an das Alter anpasst und der Impfstoff sonst genau der gleiche geblieben ist", sagt Impfstoffexperte Herwig Kollaritsch. "Für mich ist das wirkliche Kriterium, ob wir es schaffen, den 12- bis 16-Jährigen vor Schulbeginn im Herbst eine erste Impfung zu geben. Das wäre ein toller Erfolg."

Wie ist es bei unter Zwölfjährigen?

In Studien zu Impfstoffen für Kinder wird nach absteigendem Alter geimpft, wenn die jeweils vorhergehende Altersgruppe den Impfstoff gut vertragen hat. „Im Juli könnten erste Ergebnisse für die Fünf- bis Zwölfjährigen, im September für die jüngeren Kinder vorliegen, die Auswertung dauert etwa vier bis sechs Wochen“, sagte Biontech-Chef Ugur Sahin gegenüber dem Magazin Der Spiegel. Biontech untersucht bereits Kinder ab sechs Monaten, Ergebnisse liegen noch nicht vor. Auch die anderen Firmen führen Impfungen mit Kindern unter zwölf Jahren durch. Angela Merkel geht davon aus, dass es nicht vor Frühjahr 2022 einen Impfstoff für Kinder unter zwölf Jahren geben werde.

"Gerade bei der Altersgruppe der 12- bis 16-Jährigen sind alle Firmen sehr dahinter, Studien durchzuführen, weil sie wissen, dass diese Altersgruppe eine große Bedeutung für die Virusverbreitung hat", sagt Kollaritsch.

Ist es ethisch vertretbar, jetzt schon Kinder zu impfen?

„Kinder sind eine besonders vulnerable Gruppe, weshalb Studien mit ihnen ganz strengen Richtlinien unterliegen. Derartige Studien kann man auch erst machen, wenn man Daten von Erwachsenen hat, die zeigen, dass der Impfstoff sicher ist. Es gibt ganz spezielle Zentren, die sich darauf spezialisiert haben“, sagt Nicolodi. Generell werden zunächst Studien bei älteren Kindern gemacht, altersabsteigend bis hin zu Babys. Die meisten Eltern sind nicht bereit, ihre Kinder mitmachen zu lassen. Das sei jedoch auch länderabhängig. Erste Studien würden laut Biontech zeigen, dass der Impfstoff bei Kindern ab zwölf Jahren zu 100 Prozent wirksam und gut verträglich ist.

Aber Kinder erkranken doch in der Regel nicht schwer?

"Schwere Verläufe bei Kindern sind seltener, aber es gibt sie", sagt Kollaritsch. "Bei FSME (Frühsommermeningoenzephalitis, ausgelöst durch von Zecken übertragene Viren, Anm.) zum Beispiel ist das ähnlich. Wir wissen, dass die FSME bei Kindern im Regelfall milder verläuft als bei Erwachsenen, trotzdem zweifelt niemand die Sinnhaftigkeit der FSME-Impfung für  Kinder und Jugendliche an, weil es gelegentlich sehr wohl zu einem schweren Verlauf durch eine Erkrankung, oder auch einen Todesfall, kommt. Das heißt: Der Umstand, dass es weniger schwere Fälle bei Kindern gibt, hilft dem einzelnen Kind, das dann schwer erkrankt, nichts. Ist also der Nutzen der Impfung größer als das Risiko - was bei einem von der Europäischen Arzneimittelagentur geprüften Impfstoff der Fall ist -, ist es auf jeden Fall sinnvoll, Kinder zu impfen."

Sind Impfungen von Kindern und Jugendlichen notwendig, um die Pandemie zu stoppen?

„Man sieht bereits jetzt, wo vor allem Ältere durch Impfungen geschützt sind, dass das Alter bei Infizierten immer weiter sinkt. Der Mutationsdruck des Virus steigt und es kann sein, dass wir eine Variante bekommen, die auch bei Kindern sehr infektiös ist und ein höheres Risiko für schwere Verläufe hat“, betont Nicolodi. Wann eine ausreichende Herdenimmunität erreicht sein könnte, durch die auch ungeimpfte Kinder geschützt sind, sei schwer einzuschätzen.

"Ohne die Impfung von Kindern und Jugendlichen werden wir es nicht schaffen, die Pandemie unter Kontrolle zu kriegen, dann wird sie immer wieder da und dort aufflackern", sagt Kollaritsch. "Die ursprüngliche Annahme, eine Durchimpfungsrate von 70 Prozent reicht aus, stimmt nicht mehr, das galt für die ursprüngliche Wuhan-Variante. Für die britische Variante benötigen wir eine Durchimpfungsrate von mindestens 78 Prozent, weil sie wesentlich infektiöser ist. Die britische Variante hat eine Basisreproduktionszahl von 4,5 (ein Infizierter steckt im Schnitt 4,5 weitere Personen an), die ursprüngliche Wuhan-Variante von 2,7."

"Bei der britischen Variante haben wir also ohne die Kinder und Jugendlichen keine Chance", betont Kollaritsch. "Ab dem 10., 12. Lebensjahr spielen sie auch eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Infektionsweitergabe." Man dürfe auch nicht vergessen, dass "immer ein gar nicht so kleiner Prozentsatz der Bevölkerung übrig bleiben wird, die z.B. wegen bestimmter Erkrankungen nicht geimpft werden kann oder auch keine Antikörper bilden kann und ungeschützt ist."

Welche Dosis werden Kinder erhalten?

Noch ist nicht bekannt, inwiefern sich die Dosen bei Kindern zu jener von Erwachsenen unterscheiden werden. Biontech testet verschiedene Varianten. „Noch ist nicht klar, womit sie in die Zulassung gehen. Der Einfachheit halber, verwendet man gerne halbe Dosen. Es kann auch sein, dass es verschiedene Dosisstufen nach Alter der Kinder geben wird. Ab zwölf Jahren verwendet man üblicherweise Erwachsenendosen“, sagt Nicolodi.

"Kinder und Jugendliche haben ein hoch reaktives Immunsystem", sagt Kollaritsch. "Hier muss man immer die Balance finden zwischen nicht zu kräftigen Impfreaktionen und ausreichender Wirksamkeit. Eine reduzierte Dosis für Jüngere ist aber nichts Ungewöhnliches, das gibt es bei vielen Impfstoffen."

"Ohne Impfung von Jugendlichen und Kindern haben wir also keine Chance, die Pandemie zu beenden", sagt Herwig Kollaritsch. "Immerhin sind das rund eineinhalb Millionen Menschen."

Dass die Impfung bei Kindern und Jugendlichen wirken wird, davon ist Kollaritsch überzeugt: "Jetzt müssen wir aber die Eltern überzeugen, dass eine Impfung ihrer Kinder wichtig ist."

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