Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Muttermalkontrolle: Jährliche Vorsorge nicht mehr für alle

Experten ändern die Empfehlung zur Hautkrebsvorsorge. Nur mehr Risikogruppen sollen routinemäßig zum Hautarzt.
Eine Hautärztin führt eien Muttermalkontrolle durch.

Einmal jährlich zur Muttermalkontrolle – so lautete die bisherige Empfehlung zur Hautkrebs-Vorsorge. Doch Daten, die eine Effektivität dieser Untersuchung belegen, würden fehlen, betonten Experten der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV) bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. „Internationale Studien konnten nicht zeigen, dass durch ungezielte Screenings und Vorsorgeprogramme die Sterblichkeit durch Hautkrebs gesenkt werden konnte. Vielmehr gab es in den vergangenen zehn Jahren zunehmend Publikationen, die die Sinnhaftigkeit eines ungezielten Screenings in Frage gestellt haben“, sagte Franz Trautinger, ÖGDV-Vizepräsident und Leiter der Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten am Universitätsklinikum St. Pölten. 

Ein national einheitliches Hautkrebs-Screening-Programm, wie dies etwa bei der Brustkrebsvorsorge der Fall ist, gab es bisher in Österreich nicht. Auch einheitliche Empfehlungen zur Früherkennung fehlten. Zudem wird die Vorsorgeuntersuchung je nach Bundesland unterschiedlich abgerechnet und ist teils nur als Privatleistung verfügbar.

Welche Empfehlungen jetzt gelten

Die ÖGDV präsentierte neue Empfehlungen, die ab sofort gelten: Weiterhin als notwendig wird Primärprävention gesehen, das heißt Sonnenschutz durch Kleidung, Sonnenschutzmittel mit einem Lichtschutzfaktor von mindestens 30 und das Meiden der Mittagssonne (2 Stunden vor und nach dem Höchststand der Sonne). Auch vom Besuch in Solarien wird nach wie vor abgeraten. 

Zur regelmäßigen Hautkontrolle alle ein bis zwei Jahre sollen nun aber nur noch Personengruppen mit erhöhtem Hautkrebsrisiko. Ein erhöhtes Melanomrisiko besteht bei

  • Hauttyp I: Menschen mit sehr heller, blasser Haut, oft mit Sommersprossen, rötlichen oder hellblonden Haaren und hellen Augen. Sie bekommen extrem schnell Sonnenbrand, werden praktisch nie braun und haben das höchste Risiko für Hautschäden und Hautkrebs.
  • mehr als 60 erworbenen Muttermalen
  • mehr als 4 atypischen Muttermalen
  • bereits früher aufgetretenen Melanomen. Wer bereits einmal schwarzen Hautkrebs hatte, hat ein zehnfach höheres Risiko für ein erneutes Auftreten.
  • familiärem Auftreten von Melanomen
  • bereits früher aufgetretener aktinischer Keratose (raue, oft schuppige Hautveränderung, oft Vorstufe von weißem Hautkrebs)
  • kutanem Plattenepithelkarzinom oder Basalzellkarzinom, den beiden häufigsten Formen von hellem Hautkrebs
  • Menschen, die eine Organtransplantation erhalten haben

Selbstuntersuchung statt Hautarztkontrolle

Selbstuntersuchung statt routinemäßig zum Hautarzt

Allen anderen empfiehlt die ÖGDV Selbst- und Partneruntersuchungen bei Erwachsenen ab 18 Jahren. Alle drei bis sechs Monate soll der Körper nach auffälligen Hautveränderungen abgesucht werden und nur bei verdächtig erscheinenden Veränderungen, etwa der Form oder Farbe, der Hautarzt aufgesucht werden.Wer neue, wachsende, blutende, juckende oder auffällige Hautveränderungen bemerkt, soll rasch ärztliche Abklärung suchen. Eine routinemäßige Untersuchung der Haut beim Dermatologen oder der Dermatologin ohne selbst festgestellte Auffälligkeiten wird nicht mehr empfohlen. 

Mit 18 Jahren sollen Erwachsene zur Einschätzung ihres Melanomrisikos zum Hautarzt oder zur Hautärztin oder zu einem dafür geschulten Facharzt bzw. einer Fachärztin für Allgemeinmedizin zur Basisuntersuchung. Dabei wird ihr Risiko eingeschätzt. „Besteht ein niedriges Risiko sollen abseits der empfohlenen Selbst- und Partneruntersuchungen bis zum 50. Lebensjahr keine weiteren routinemäßigen ärztlichen Untersuchungen zur Hautkrebsfrüherkennung durchgeführt werden“, so Peter Kölblinger von der Universitätsklinik für Dermatologie und Allergologie Salzburg, Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg. 

Da zwischen 50. und 60. Lebensjahr eine deutliche Steigerung des Auftretens von Hautkrebs zu beobachten sei, soll in diesem Zeitraum eine nochmalige ärztliche Untersuchung der gesamten Haut und eine Reevaluierung des Risikoprofils erfolgen. 

Screening auch international nicht die Regel

Bevölkerungsweites Screening sei auch international nicht der Regelfall, so die Ärzte. Deutschland sei in Europa eine Ausnahme: Dort können gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren alle zwei Jahre ein Screening in Anspruch nehmen. In vielen anderen Gesundheitssystemen sei der Zugang zu Hautkrebsvorsorgeuntersuchungen gar nicht geregelt oder nach Risikogruppen organisiert.

Die ÖGDV sehe für Österreich die Chance auf einen Mittelweg: „Prävention für alle, Aufmerksamkeit für auffällige Veränderungen und gezielte Früherkennung für Menschen mit erhöhtem Risiko.“ Dermatologinnen und Dermatologen, Allgemeinmediziner, Sozialversicherung, Ministerium, Ärztekammer, Krebshilfe und Patientenvertretungen sollen gemeinsam an einem bundesweiten Modell arbeiten.

Apps zur Melanom-Erkennung nicht empfohlen

Keine Empfehlung gibt die Gesellschaft zudem für Smartphone-Apps zur Melanomfrüherkennung. „Das Problem der Apps ist, dass es keine großen Studien gibt, die Genauigkeit und Verlässlichkeit bestätigen. Manche Apps können bei der Diagnose helfen, es gibt aber viele verschiedene Anbieter und die Ergebnisse können Patientinnen und Patienten verunsichern. Wir geben daher zum jetzigen Zeitpunkt keine eindeutige Empfehlung“, betonte Kölblinger. 

„Die Hautkrebsvorsorge soll nicht nach dem Gießkannenprinzip erfolgen, sondern nur bei jenen, die es wirklich brauchen. Risikobasiert bedeutet nicht weniger Medizin. Es bedeutet die richtige Medizin für die richtigen Menschen zur richtigen Zeit“, sagte Manfred Fiebiger, Bundesfachgruppenobmann Dermatologie der ÖGDV. Vor allem beim Thema UV-Schutz bestehe noch „Luft nach oben“, viele Menschen wüssten nicht, welche Schäden sie mit Sonnenbaden anrichten. 

Kommentare