Neue Hautkrebs-Richtlinie: Verantwortung auf Laien abgeschoben
Einmal jährlich zur Muttermalkontrolle – diese Empfehlung galt seit Jahren, nun aber nicht mehr. Die Österreichische Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV) veröffentlichte diese Woche neue Richtlinien zur Hautkrebsvorsorge: Statt routinemäßiger Kontrollen sollen 18-Jährige einmal zur Basisuntersuchung gehen. Werden sie als Risikopatient eingestuft, etwa aufgrund ihres Hauttyps oder weil sie mehr als 60 Muttermale haben, sollen sie weiterhin alle ein bis zwei Jahre zur Kontrolle kommen. Für alle anderen heißt es: erst wieder mit 50 bis 60 Jahren. Dazwischen sollen Betroffene selbst auf Veränderungen achten. Die Begründung: Studien hätten gezeigt, dass ungezielte jährliche Screenings die Sterblichkeit durch Melanome nicht senken.
Ist das in Zeiten zunehmender UV-Belastung das richtige Signal? Die neue Empfehlung wirft grundsätzliche Fragen auf. Erstens: Wer kann sein eigenes Risiko realistisch einschätzen? Wie viele Menschen wissen, ob sie 60 oder 80 Muttermale haben und was ein „atypisches“ Muttermal überhaupt ist? Die Selbstuntersuchung setzt Wissen voraus, das viele nicht haben. Zweitens: Gerade jene, die bisher nicht zur Vorsorge kamen – oft Menschen mit geringem Gesundheitsbewusstsein oder eingeschränktem Zugang zum Gesundheitssystem – werden durch die neue Regelung noch weniger erreicht. Hautärzte berichten, dass ohnehin vor allem vorsichtige Menschen zur Kontrolle kommen, die Sonnencreme nutzen und die Mittagssonne meiden. Ihnen wird nun gesagt, sie sollen selbst begutachten. Für alle anderen ist die Botschaft: Kontrolle ist offenbar nicht nötig.
Auch Smartphone-Apps zur Melanom-Erkennung empfiehlt die ÖGDV nicht. Die Begründung: Es gebe keine ausreichenden Studien zu Genauigkeit und Verlässlichkeit, die Ergebnisse könnten Patienten verunsichern. Doch gerade hier zeigt sich ein Widerspruch: Wenn Laien ihre Haut selbst untersuchen sollen, wären verlässliche digitale Hilfsmittel ein logischer Schritt. Statt Apps pauschal abzulehnen, wäre es sinnvoller, Qualitätskriterien zu entwickeln und geprüfte Anwendungen zu empfehlen. Die Technologie könnte die Lücke zwischen Selbstkontrolle und ärztlicher Expertise zumindest teilweise schließen.
Zwar ist Hautkrebs heute besser heilbar als früher, entscheidend bleibt aber die frühe Entdeckung. Fälle wie jener von Patrice Aminati, die seit mehr als drei Jahren an schwarzem Hautkrebs im Stadium vier leidet und als unheilbar gilt, zeigen: Hautkrebs hat seinen Schrecken nicht verloren. Gerade deshalb ist fraglich, ob der Verzicht auf regelmäßige Kontrollen bei Menschen ohne erkennbares Risiko die richtige Antwort ist.
Künftig werden Melanome wohl verstärkt von Friseuren, Kosmetikerinnen und Tätowierern entdeckt. Sie sind schon jetzt oft jene, die Kunden auf auffällige Veränderungen aufmerksam machen. Das mag pragmatisch sein, medizinisch ist es ein Armutszeugnis.
Die ÖGDV argumentiert evidenzbasiert: Wenn Studien keinen Nutzen ungezielter Screenings belegen, ist eine Anpassung konsequent. Doch Prävention lebt auch von niederschwelligen Angeboten und klaren Botschaften. Die neue Empfehlung ist differenziert, aber sie ist kompliziert. Und sie verschiebt Verantwortung auf Menschen, die oft nicht wissen, worauf sie achten sollen. Statt die Vorsorge abzuschaffen, wäre es sinnvoller gewesen, sie zu verbessern: durch bundesweit einheitliche, qualitätsgesicherte Angebote, bessere Aufklärung und gezielte Ansprache von Risikogruppen. So aber bleibt die Befürchtung: Weniger Kontrollen bedeuten nicht bessere Medizin, sondern weniger Früherkennung bei jenen, die sie am nötigsten hätten.
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