Unter dem Elektronenmikroskop: Coronaviren (rot) werden aus Zellen freigesetzt.

© EPA/NIAID- RML/NATIONAL INSTITUTES OF HEALTH HANDOUT

Wissen Gesundheit
11/19/2020

Gute Corona-Nachricht: Immunität könnte über Jahre bestehen bleiben

Die bisher detaillierteste Studie zu dem Thema lege nahe, dass der Schutz nach einer Infektion lange bestehen bleiben könnte - wobei die Schwere der Symptome eine Rolle zu spielen scheint.

von Ernst Mauritz

Wie lange hält nach einer durchgemachten Coronavirus-Infektion der Schutz des Immunsystems vor einer neuerlichen Infektion an? Möglicherweise Jahre, sagen die Autoren einer neuen Studie, die die Reaktion des Immunsystems über einen längeren Zeitraum bisher am detailliertesten untersucht haben. Obwohl eine abschließende Beurteilung derzeit noch schwierig ist, hat diese Arbeit die Zuversicht vieler Forscher in einen lang anhaltenden Schutz gestärkt.

Die Studie ist vorerst nur als Vorabdruck erschienen, der noch nicht von anderen Kollegen fachlich begutachtet wurde. Auch der österreichische Virologe Florian Krammer ist einer der Studienautoren.

Acht Monate nach einer Infektion haben die meisten Menschen noch ausreichend spezielle Immunzellen, um das Virus abzuwehren und eine neuerliche Erkrankung zu verhindern. Der nur sehr langsame Rückgang legt nahe, dass diese Zellen im Körper sehr lange überdauern können.

"Das Ausmaß des Immungedächtnisses kann wahrscheinlich die große Mehrheit vor einer schweren Erkrankung, einem Spitalsaufenthalt, für viele Jahre schützen", sagt einer der Studienautoren, Shane Crotty, in der New York Times.

Konkret wurden 185 Frauen und Männer im Alter zwischen 19 und 81 Jahren, die nach einer Covid-19-Erkrankung genesen sind, untersucht. Die meisten hatten milde Symptome und waren nicht in Spitalsbehandlung.

Die Autoren analysierten dabei nicht nur Antikörpermengen, sondern auch die Menge der B-Zellen (sie lösen die Antikörperproduktion aus) und zweier Arten von T-Zellen, die sich an die Erstinfektion erinnern und bei der zweiten dann infizierten Zellen angreifen. Damit wollten sie ein möglichst vollständiges Bild der Reaktion des Immunsystems bekommen - nicht nur die Antikörperreaktion.

Die Antikörperspiegel ging im Schnitt über sechs bis acht Monate nur leicht zurück, allerdings betrug der Unterschied zwischen jenem Studienteilnehmer mit der geringsten Antikörpermenge und jenem mit der höchsten das 200-Fache. Auch die T-Zellen wurden nur langsam weniger, wohingegen die Menge der B-Zellen sogar anstieg - ein sehr unerwartetes Studienergebnis.

Ein kleiner Anteil der Studienteilnehmer hatte jedoch keine langanhaltende Immunität nach der Genesung - möglicherweise deshalb, weil sie nur mit einer geringen Virenmenge infiziert wurden.

In den vergangenen Monaten wurden mehrere Arbeiten publiziert, die einen raschen Rückgang der Antikörper andeuteten und die Möglichkeit einer Neuinfektion innerhalb eines Jahres aufzeigten. Doch zuletzt mehrten sich Daten, dass dies offenbar nicht die Regel ist und auch nicht bedeutet, dass es keinen Schutz mehr gibt:

Denn ein gewisser Rückgang der Antikörper sei ganz natürlich und das Immunsystem habe überdies mehrere Abwehrstrategien, neben den Antikörpern eben auch die verschiedenen Formen der Abwehrzellen. So haben etwa auch Forscher der Universität von Washington gezeigt, dass bestimmte Gedächtniszellen des Immunsystems für mindestens drei Monate nach einer Infektion produziert werden. Und auch andere Forschungsgruppen gehen von einem längerfristigen Schutz aus.

"Die Studien zeigen alle in dieselbe Richtung: Wenn man erst einmal die ersten kritischen Wochen überstanden hat, hat man eine ziemlich konventionelle Immunantwort", wird die Immunologin Deepta Bhattacharya in der New York Times zitiert. Und von "aufregenden Neuigkeiten" spricht ihr Kollege Akiko Iwasaki von der Yale University.

"Antikörper verschwinden nicht nach acht Wochen"

Im KURIER-Interview vor einigen Tagen erklärte Florian Krammer, dass es derzeit schwierig sei, abschließend zu beurteilen, wie lange die Immunität anhält: "Aber Nachrichten am Anfang der Pandemie, dass die Antikörper nach acht Wochen verschwinden, haben sich als unwahr herausgestellt."

Was man bisher gesehen habe, sei, dass "es sich um eine ganz normale Immunantwort handelt, und es ist davon auszugehen, dass diese einige Jahre anhalten wird. Momentan sind Reinfektionen jedenfalls sehr selten. Bis jetzt haben wir in unseren Studien niemanden gefunden, der sich ein zweites Mal infiziert hätte".

Es sei auch die Frage, was "Reinfektion" bedeutet: "Ist es eine komplett asymptomatische Infektion, oder nur mehr eine milde Erkrankung, die man nach einigen Jahren bekommt? Das müssen wir uns genau ansehen."

Immunität "für eine bestimmte Zeit"

Auch der Virologe Lukas Weseslindtner von der MedUni geht davon aus, dass das immunologische Gedächtnis nach einer durchgemachten SARS-CoV-2-Infektion "für eine bestimmte Zeit verhindert, dass es überhaupt zur Reinfektion (mit messbarer Virusvermehrung) kommt", schreibt er in dem Newsletter Virusepidemiologische Information. Mit Blick auf die Erkenntnisse aus Studien mit den bisher bekannten saisonalen Coronaviren, die typischerweise einen milden Schnupfen auslösen, sei es "allerdings unwahrscheinlich, dass es nach einer SARS-CoV-2-Infektion zur lebenslangen Immunität" komme. "Diese Studien legen ja nahe, dass es im Lauf der Zeit zu einem langsamen, aber sukzessiven Abfall der Antikörperkonzentration kommt."

Ein entscheidender Punkt sei bei allerdings, dass immer mehr wissenschaftliche Studien einen Zusammenhang zwischen dem klinischen Schweregrad, also der Schwere der Symptome einer SARS-CoV-2-Infektion, und der Konzentration der spezifischen Antikörper beschreiben. Ähnlich wie bei den saisonalen Coronaviren, "die ja in der Regel milde respiratorische Symptome (Atemwegssymptome, Anm.) verursachen, könnte es also sein, dass die Wahrscheinlichkeit für eine SARS-CoV-2-Reinfektion im Laufe der Zeit höher ist, wenn der klinische Verlauf bei der Primärinfektion mild war."

Allerdings bestehe dann die Hoffnung, dass eine neuerliche Infektion "asymptomatisch bleibt oder nur ein mildes Krankheitsbild verursacht." Mit Sicherheit lasse sich das derzeit aber noch nicht  sagen.

Welche Bedeutung das alles für eine mögliche Impfung hat, bleibe abzuwarten, schreibt Weseslindtner: "Es ist aber möglich, dass die durch einen Impfstoff vermittelte Schutzwirkung diejenige einer milden, natürlichen SARS-CoV-2-Infektion übersteigt und eine länger anhaltende Immunität induziert."

 

 

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