Heute ist Susanne Safer 45 Jahre alt

© Christian Maricic

Porträt
02/01/2020

Geschichte einer Kämpferin: Brustkrebs mit 35, schwanger mit 43

Nach Chemo und Bestrahlung war sie am Boden. Der Arzt sagte, ein Kind zu kriegen, wäre Selbstmord. Acht Jahre später sollte alles anders kommen.

von Yvonne Widler

Für sie war es bis zu diesem Zeitpunkt ein Tag wie jeder andere im Jahr 2010. Die 35-jährige Susanne Safer betrachtet noch schnell ihren blonden Lockenkopf im Spiegel und zupft ihre Bluse zurecht. Sie verabschiedet sich von ihrem Freund und macht sich auf den Weg in die Arbeit, in ihre kleine Werbeagentur. Ein paar Stunden später blickt sie erneut in den Spiegel. In der rechten Achselhöhle sitzt etwas, das nicht immer da war. Ein kleiner Knoten.

Zuerst wurde er als inaktiver Lymphknoten diagnostiziert. Doch als er innerhalb der nächsten zwei Monate von 8 mm auf 4 cm angewachsen war, bekam Safer es mit der Angst zu tun und ließ sich erneut durchchecken. „Der Arzt sprach bei der Untersuchung nicht viel, ich merkte ihm an, dass etwas nicht stimmte.“ Tatsächlich war die erste Diagnose falsch. Der Knoten war ein bösartiger Tumor. Metastasierender Brustkrebs.

„Krebs. Dass ein einsilbiges kleines Wort sich so unglaublich bedrohlich anhören kann. Auch der Tod. Steht der nun bevor? Ich habe doch so viel noch nicht gemacht.“ 

Die Phase nach der Diagnose fühlte sich für Safer ähnlich einem „Vollrausch am Vortag“ an, wie die heute 45-jährige Wienerin erzählt. Alles ging so viel schneller als sie es verarbeiten konnte. Gerade erst kam dem Arzt der Krebs über die Lippen, da lag sie auch schon mit einem grün aufgezeichneten Kreuz auf ihrer rechten Brust auf dem OP-Tisch. „Ob eine Mastektomie nötig ist, sehen wir erst während des Eingriffs“, sagte der Chirurg.

Er schnitt das bösartige Gewächs aus ihrem Körper. Auch die Lymphknoten, auf denen die anderen Geschwülste saßen, entfernte er samt den Metastasen. Ihre Brust konnte sie behalten, auch wenn ihr eine Abnahme im Grunde egal gewesen wäre, sie wollte bloß weiterleben. Doch die schwierigste Zeit stand noch bevor. Nachdem die Narbe abgeheilt war, ging es los mit dem Chemotherapie-Zyklus.

Sechs Mal musste sie an den Tropf, damit das aggressive Medikament durch ihre Venen fließen und den Krebs zerstörten konnte. „Dann sitzt du da. Mit Tränen in den Augen. Sie drücken auf Start und du beobachtest, wie diese rote Flüssigkeit den Schlauch entlangfließt und in deinem Körper verschwindet. Und du weißt, jetzt geht es richtig los“, sagt Safer.

Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Schweißausbrüche. Bereits nach der ersten Chemo sind ihr die Haare ausgefallen. „Ich hatte einen Pilz, der sich von der Zunge bis hinab zur Speiseröhre und in den Brustraum verbreitete. Mir ging es richtig elend.“ Ja, es gab die Psychologin, mit der sie über ihre Gedanken und Ängste reden konnte. Und ja, es gab auch die Kortisonspritzen, die die körperlichen Nebenwirkungen erleichtern sollten. „Dennoch geht es dir mit jeder Chemo schlechter. Am Ende bist du kaputt. Der Körper ist müde.“

Der unverkennbare Krebs-Blick

Nach den sechs Chemo-Infusionen, erzählt Safer, sei sie so hässlich gewesen wie noch nie in ihrem Leben zuvor. Aufgebläht vom Kortison, keine Wimpern mehr und kaum noch Augenbrauen, rot gefärbte Haut. Sie verdeckte die Spiegel, damit sie sich nicht mehr ansehen musste und dachte nur ans Überleben.

Als sie in dieser Zeit zur Taufe der Tochter ihrer besten Freundin eingeladen war, kam sie mit einer braunen Langhaar-Perücke und aufgeklebten Wimpern. Ihr damaliger Freund hatte sie bereits nach der zweiten Chemo verlassen.

Auf die Infusionen folgte die tägliche Bestrahlungstherapie. „Das erste Jahr nach der Diagnose bestand nur aus Behandlungen, da machst du nichts Anderes.“ Sie erinnert sich mit Tränen in den Augen an die Zeit, als sie öfter im Krankenhaus war als zuhause. „Bei jedem Schritt wirst du daran erinnert, dass du Krebs hast. Daran, dass du vielleicht stirbst. Daran, dass du erst am Ende der Therapien und nach einer langen Wartezeit wissen wirst, wie es mit dir ausgeht“, sagt Safer und beschreibt den unverkennbaren Krebs-Blick, den manche Menschen im Gesicht hatten, nachdem sie aus dem Arztzimmer am Ende des Ganges nach dem Diagnosegespräch kamen. „Ich erkannte diesen Ausdruck jedes Mal.“

Das grausame Zittern

Die erste Etappe war geschafft, nachdem Chemo und Bestrahlung abgeschlossen waren. Nun hieß es, fünf Jahre lang regelmäßig zu den Kontrolluntersuchungen zu gehen. „Blutabnahme, Röhre, Warten. Jedes Mal begleitet von dem grausamen Zittern darum, ob die Werte passen, ob der Krebs zurück ist.“ Nach sieben Jahren musste Safer nur noch einmal im Jahr zum Check. „Nach dieser Zeit weißt du erst, ob der Brustkrebs besiegt ist.“ Und das war er.

In der Zwischenzeit war viel passiert. Safer war nun 42 Jahre alt und ihre Freundinnen hatten bereits Kinder bekommen. In ihrem neu erschienenen Buch beschreibt Safer den für sie sehr prägenden Moment, als sie die Brustkrebs-Diagnose bekommen hatte und der Arzt sie mit dem Thema unerwartet konfrontierte.

„Frau Safer, Sie haben schon Kinder, oder?“

„Nein.“

„Oh.“

„Oh?“

„Das wird dann sehr wahrscheinlich nichts mehr.“

Sie dürfe in den sieben Jahren nach Diagnose auf keinen Fall schwanger werden, hatte der Arzt zu ihr gesagt. In diesen Jahren wäre das Risiko nämlich zu hoch, denn die Schwangerschaftshormone könnten den Krebs wieder aktivieren. Oder wie es der Onkologe konkret formulierte: Das käme Selbstmord gleich. Das Halbwaisen-Risiko wäre zu groß. Und wären diese sieben Jahre überstanden, dann sei sie vermutlich zu alt für ein Kind. „35+7=42“, das rechnete er mir vor.

Das Wunder ist passiert

Im Alter von 43 Jahren wurde Susanne Safer schwanger. Gemeinsam mit ihrem neuen Partner besuchte sie eine Kinderwunschklinik, mittels einer Insemination ist das Wunder, wie Safer es ausdrückt, doch noch geschehen. Die Samenzellen des Mannes werden der Frau, zum fruchtbarsten Zeitpunkt im Menstruationszyklus, direkt in die Gebärmutterhöhle eingesetzt. So können mehr Spermien die Eizelle schneller erreichen. Und das hat sofort geklappt.

„Die Panik vor dem Alter hat mich anfangs stark begleitet. Aber mein Körper hat entschieden, dass es auf diesem doch sehr einfachen Weg noch funktioniert und daran glaube ich“, sagt Safer. Der weibliche Körper sei so wunderbar, der Hormonrausch würde dafür sorgen, dass ihr der Schlafmangel und der plötzliche Stress komplett egal wären. „Ich bin vollgepumpt mit Liebe“, sagt Safer und blickt zu ihrem Baby.

Leben und Tod

Von all den belastenden Situationen in der Zeit im Krankenhaus gibt es eine, an die sich Safer besonders ungern zurückerinnert. Im dritten Stock waren die Mütter und die Babys, im ersten Stock die Krebspatienten. Im Aufzug sei es immer wieder passiert, dass die einen auf die anderen trafen. Auf engstem Raum also.

„Diese Frau stand im Lift und wog in ihren Armen vorsichtig ihr frisches Glück hin und her. Es war ein Hauch von Baby das seine noch runzeligen Fingerchen von sich streckte. Die Frau umhüllte ein weiches Strahlen, ein Hormon-Glücksglanz, der die Strapazen der Geburt verblassen ließ. Und daneben stand ich – mit Glatze und Tropf. Ich fühlte mich schlecht. Elend. Wegen der Medikamente, aber auch, weil ich im Moment all das verkörperte, was eine Mutter in einem der schönsten Momente ihres Lebens bestimmt nicht sehen wollte: Angst, Schmerz und Dunkelheit. Neues Leben und Tod vereint. Ihre Unbeschwertheit und mein Leid passten in dem Moment alles andere als zusammen. Betretenes Schweigen, bis die Türe wieder aufging.“

So schreibt es Safer in ihrem Buch. Acht Jahre später war sie selbst die andere Frau.

Sie hat es geschafft. Sie will anderen Menschen mit ihrer Geschichte Mut machen und ihnen helfen. Aber vor allem will sie eines sagen: „Es gibt für jeden und jede von uns mindestens einmal im Leben etwas, das ganz furchtbar ist, der Tod eines geliebten Menschen, eine Trennung oder eine Krankheit. Und nur dafür sollte man sich seine Energie aufheben und sich nicht über Kleinigkeiten ärgern oder von Lappalien stressen lassen.“ Ein ganz besonderer Dank gelte ihren Freunden. „Ohne sie hätte ich das alles nicht durchgestanden.“

Susanne Safer erhielt im Jahr 2013 den Leading Ladies Award Woman of the Year. Ebenfalls 2013 wurde sie mit dem myAid Award für herausragendes Engagement gegen Krebs geehrt. Daraufhin wurde sie Krebsbotschafterin für die Krebshilfe Österreich. Aktuell ist das Buch zu ihrem bewegten Leben erschienen:

"Wenn dir das Leben Zitronen gibt...". Susanne Safer, edition a. 160 Seiten, 20 Euro. 

 

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