Als Baby war er still, hat nicht geweint und nicht gelacht. Nur beobachtet. 

© kurier/Pilar Ortega

Reportage
09/15/2019

"Mein Kind ist psychisch krank, niemand kann helfen"

Er ist elf Jahre alt, als er sagt, er will sterben. Die Geschichte einer Adoption und einer hilflosen Familie. Das System an seinen Grenzen.

von Yvonne Widler

Es war Abend, als der Anruf kam: "Wir haben ein Kind für euch. Er heißt Matayo* und ist acht Monate alt!". Uns zog es den Boden unter den Füßen weg. Jetzt schon? War das nicht viel zu früh? Wir haben unseren Akt doch erst vor sechs Wochen weggeschickt! Und ich war noch mitten im Medizinstudium.

Nora Freilechner* führt eine Art Tagebuch, in das sie all die schönen, aber auch die schrecklichen Erinnerungen notiert. Dass sie und ihr Mann Thomas* das kleine Adoptiv-Baby aus Äthiopien bekommen haben, war definitiv eine schöne.

Als wir Minuten später eine E-Mail mit Foto sahen, habe ich mich sofort verliebt. Von da an trug ich sein Bild bei mir, bis wir Matayo 14 Tage später im Kinderheim Kidane Meheret in Addis Abeba in die Arme schließen durften. Er schaute nur mit angst geweiteten Augen und wirkte erstarrt. Ich merkte das in meiner Aufregung nicht und war nur froh, dass er nicht weinte.

14 Jahre später müssen die Freilechners alle scharfen Messer in der Wohnung verstecken. Die Eingangstüre ist immer von innen verriegelt. Am Kinderzimmerfenster ist ein Schloss montiert. Die Schlüssel dafür trägt Nora Freilechner an ihrem Körper, ganz nah bei sich. Immer wieder kommt es zum heftigen Kampf zwischen Mutter und Sohn, weil Matayo sich die Schlüssel greifen will.   

Die ersten Jahre

Als Matayo als Baby in den Nächten unruhig war und immer wieder den Kopf ganz schnell von links nach rechts drehte, wusste Nora Freilechner, dass dies klassische Zeichen der Hospitalisation waren. Es sollte viele Monate dauern, bis er damit aufhörte. “Geräusche hat Matayo lange Zeit nicht von sich gegeben. Er hat weder geweint, noch gelacht. Er war erstarrt in seiner Emotion. Ich war nur glücklich, ihn zu haben, sodass mir sein Zustand nicht aufgefallen ist. Wie auch? Er war unser erstes und einziges Kind”, sagt Nora Freilechner.

Im Nachhinein betrachtet müsse sich die Adoption für Matayo wie eine Entführung angefühlt haben. 

Bei Spaziergängen lag er mit weit geöffneten Augen im Kinderwagen. “Er traute sich nicht einmal zu blinzeln. Wenn er dann doch einmal vor Erschöpfung einschlief, schreckte er bei der kleinsten Erschütterung auf und verbot sich dann, wieder einzuschlafen”, erinnert sich Nora Freilechner. Matayo war still, weinte nicht, lachte nicht. Er beobachtete nur. 

Die Jahre vergingen und langsam taute er in seiner neuen Welt auf, fand sich gut zurecht. Er spielte American Football, weil er aufgrund seiner körperlichen Statur wie gemacht dafür scheint.

Nach der Volksschule sollte er in eine private Mittelschule wechseln. Doch bereits nach kurzer Zeit wurde er dort zum Mobbing-Opfer.

Matayo beginnt im Alter von elf Jahren davon zu reden, dass er sterben möchte. 

“Daraufhin kam es zu hause erstmals zur Eskalation. Er ging zum Fenster und deutete an, hinaus zu springen”, erzählt die Mutter und scheint schockiert darüber zu sein, wie leicht diese Worte mittlerweile aus ihrem Mund strömen. 

Der jüngste Patient

Matayo besuchte von da an eine Psychologin. Sie ging vorerst davon aus, dass die suizidalen Gedanken ihren Ursprung im Mobbing hätten. Doch dann wurde sein Verhalten immer extremer. Matayo sprach immer öfter vom Tod. Nora Freilechner erwischte ihn einmal, als er sich in der Badewanne ertränken wollte.

Auch im Tablettenschrank wühlte er ständig und schluckte, was er gerade fand. Die Fenster der Wohnung waren zu diesem Zeitpunkt schon durchgehend versperrt, tägliche Rangeleien mit der Mutter und dem Vater um den Schlüssel waren die Folge. 

Trotz aller Maßnahmen gelang es ihm immer wieder wegzulaufen. Meist brachte die Polizei ihn zurück. Nora Freilechner sagt, sie weiß gar nicht mehr, wie oft sie ihren Sohn in dieser Zeit von irgendwo abholen oder selbst die Rettung und folglich die Polizei anrufen musste, weil sie sich nicht mehr zu helfen wussten. Einmal wollte er aus dem fahrenden Auto springen. Ein anderes Mal wollte er sich die Haare anzünden.

Matayos Verhalten wurde auch immer aggressiver. Er begann, Drohungen auszusprechen. Und zwar gegen das Pflege- und Arztpersonal des AKH, wo er dann auf der Kinderpsychiatrie betreut wurde. Sowohl ambulant und aufgrund weiterer Eskalationen auch stationär. “Er war mit elf Jahren der jüngste Patient dort”, erzählt seine Mutter. 

Die ersten Tage und Wochen auf der Station sei es ihm derart schlecht gegangen, dass er mit Medikamenten stark sediert wurde. Obwohl die Freilechners ihn jeden Tag besuchten, hätte er nicht viel davon mitbekommen. “Er lag meistens im Bett, kaum in der Lage aufzustehen.”

14 Monate auf der Station 

“Der Arzt erklärte uns, dass diese sedierende Therapie im besten Fall zu einem Reset im Gehirn führt und es Matayo dann wieder besser geht. Auf die Frage, wie lange das dauert, zuckte er nur mit den Schultern”, erzählt Nora Freilechner.

Eine Diagnose wäre in den ersten Wochen nicht gestellt worden, denn bei Kindern sei das Bild häufig sehr bunt. Depression? Angststörung? Auch von einem psychotischen Krankheitsbild war die Rede. “Matayo erhielt hochdosierte Antipsychotika, die ihn zum lebenden Zombie machten.” 

14 Monate verbrachte er schließlich auf der kinderpsychiatrischen Station im AKH. 

Nach einiger Zeit sprachen die Ärzte und Ärztinnen von einer “komplexen Traumafolgestörung”. Die Freilechners besorgten Fachliteratur, um sich über die Diagnose zu informieren. “Psychotherapie sei das wichtigste, das stand in den Büchern. Ich las von der Prognose, die mir Angst machte. Manche werden später schizophren, manche werden alkohol- oder drogensüchtig, manche schaffen ihr Leben nicht.” 

Den Freilechners wurde gesagt, dass diese Psychotherapie vom Krankenhaus nicht angeboten wird. Sie waren fassungslos. So organisierten sie eine spezielle Trauma-Therapeutin auf eigene Faust. “Es wurde zudem nie eine optimale medikamentöse Therapie für Matayo gefunden.”

Mit dem Footballspielen musste er aufhören. Wenn es Matayo schlecht ging, schlug er mit dem Kopf gegen die Wand oder er bog den Finger nach hinten, mit dem Ziel, ihn zu brechen. Matayo wurde nach einiger Zeit ein Stockwerk tiefer verlegt. In die “Unterbringung”. 

“Das ist ein kleiner Bereich auf einer Station, wo vorwiegend magersüchtige Mädchen betreut werden. Am Ende des Ganges befindet sich eine Abtrennung mittels einer immer verschlossenen Türe. In den Zimmern gibt es Kameras an der Decke. In jedem stehen drei Betten. Zwei für die Kinder zum Schlafen und eines, sollte ein Kind fixiert werden müssen - mit Arm-, Bein- und Bauchgurten ausgestattet. Dieses Bett ist immer mit einem blauen Laken abgedeckt”, erzählt Nora Freilechner.

Nora Freilechner pflegt ein sehr ambivalentes Verhältnis zu der Station im AKH. Einerseits war es Matayos “ambulanter, sicherer Hafen”, wenn er sich schlecht fühlte. Dort wurde versucht, ihm zu helfen. Auf der anderen Seite passierten dort einige traumatisierende Erlebnisse. Einmal wurde er von acht Pflegekräften ans Bett fixiert. Dabei wurde ein Pfleger verletzt, was zu einer Anzeige führte. 

Am 20. Jänner 2017 wird Matayo nach dem 14 Monate dauernden Aufenthalt entlassen und musste “nur noch ambulant” versorgt werden. 

Sechs Anzeigen gegen Matayo

Seine Ausbrüche wurden aber immer heftiger. Matayo sprach nun heftigere Drohungen gegen das medizinische Personal aus, er werde mit dem Messer kommen und sie abstechen. Er zerschlug eine Glasscheibe auf der Station im AKH, warf mit Sesseln um sich.

Immer öfter wurden Sicherheitskräfte hinzugerufen, weil der Junge mittlerweile so groß und kräftig war und sie tatsächlich Angst hatten. Einmal wurde ein Security von Matayo verletzt, als er helfen wollte. Einer Ärztin schlug er mit der Faust ins Gesicht.  

Im Oktober 2018, Matayo war nun 14 Jahre alt, hatte Nora Freilechner sechs Anzeigen gegen ihren Sohn auf dem Tisch liegen. Alle vom Spital. Sie verstand die Welt nicht, da ihrem Sohn doch ständig gesagt wurde, dort könne er seine “Anfälle” ausleben, das sei sein geschützter Bereich.

Am Kühlschrank bei den Freilechners klebte sogar ein Zettel mit der Notiz: "Wenn es mir schlecht geht, fahre ich ins AKH." Das habe er über die Jahre gelernt, versprochen und auch befolgt.

Aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht, kann ein behandelnder Arzt nichts zum KURIER sagen. 

Im Jänner 2019 änderten sich die Zuständigkeiten der Psychiatrien. Ab nun war das Neurologische Zentrum am Rosenhügel die ambulante Anlaufstelle für Matayo. Jeder Arztwechsel bedeutete enormen Stress. 

Am 9. März 2019 bat Matayo seine Mutter, die Polizei zu rufen, denn er plane einen Amoklauf. “Ich wusste, wenn ich nicht tue, was er möchte, wird er wild toben.” Daher blieb sie ruhig und begleitete ihn zur Polizeistation ums Eck, wo die Familie mittlerweile schon jeder gut kannte.

Matayo wiederholte an diesem Samstagabend das Amoklauf-Vorhaben vor dem Beamten. Daraufhin wies die diensthabende Amtsärztin ihn ein. Ganz ruhig warteten Mutter und Sohn auf die Rettung, die ihn zum Rosenhügel führte. 

Ein paar Tage nach seiner Einweisung sah Nora Freilechner vor dem Spital einen Polizeiwagen stehen. Sie wollte ihren Sohn gerade besuchen, als dieser von zwei Beamten festgenommen und ins Auto gesteckt wurde. Auch der Rosenhügel hatte Anzeige erstattet, es gab eine Eskalation in der Nacht zuvor. 

Matayo wurde nach kurzer Zeit von der Untersuchungshaft in der Justizanstalt Josefstadt nach Linz auf den Neuromed-Campus verlegt. Eine forensische psychiatrische Station für Kinder und Jugendliche. Die Freilechners erhielten ein Schreiben, in dem von einer Gerichtsverhandlung die Rede war. Jetzt wurde ihnen der Ernst der Lage bewusst. Sie wandten sich an den Verein SiM, der sich für „geistig abnorme Rechtsbrecher“, wie es noch immer stigmatisierend heißt, einsetzt. 

SiM-Obmann Markus Drechsler machte das Ehepaar Freilechner darauf aufmerksam, dass im schlimmsten aller Fälle der Maßnahmenvollzug drohen könnte.

“Andere Alternative zum Maßnahmenvollzug”

Drechsler unterstützt die Familie bis heute. “Die wenigsten wissen, was der Maßnahmenvollzug überhaupt ist. Die wenigsten wissen, was mit jugendlichen Straftätern passieren kann.” Er vermittelte den Freilechners einen Anwalt, der Verein SiM arbeitet auch noch aktuell beim Verfahren mit. 

Der wichtigste Punkt war es zuerst, den Maßnahmenvollzug abzuwehren. Derzeit sitzen über 1000 Menschen dort und wissen nicht, wann sie jemals wieder in Freiheit sind. Österreich wurde wegen des Systems des Maßnahmenvollzugs bereits zwei Mal vom Europäischen Menschengerichtshof verurteilt und die notwendige Reform wird politisch auf die lange Bank geschoben. Das kann kein Zustand für einen 14-Jährigen sein. Da muss es andere Alternativen geben.

Markus Drechsler, SiM-Obmann

Drechsler und sein Team versuchten, eine alternative passende Betreuungseinrichtung für Matayo zu finden. Er wollte die betroffenen Parteien vernetzen, was gar nicht so einfach sei. Denn kaum jemand wüsste, welche Einrichtungen mit welchem Betreuungs-Niveau überhaupt zur Verfügung stünden.

Aber klar war für ihn: “Es braucht hier eine Alternative zum Maßnahmenvollzug und das Mindestmaß an Sicherheit, damit nichts passiert. Ein gewisses Restrisiko gibt es für die Gesellschaft aber immer“, sagt Drechsler weiter. 

12. Juni 2019: Tag der Verhandlung

Es hat 35 Grad und bereits um acht Uhr früh tummeln sich am Landesgericht Wien hunderte Besucher. Die einen stehen Schlange, um inhaftierte Verwandte zu besuchen, die anderen müssen in die oberen Stockwerke, weil sie an Verhandlungen teilnehmen - als Anwältinnen, Zeugen oder Zuseher.

Matayos Eltern, Markus Drechsler und der Anwalt warten bereits vor Saal 308, als er in Handschellen von zwei Justizwachebeamten begleitet auch hier ankommt. Die Augen der Mutter leuchten. Sie streichelt seine Schulter und fragt, wie es ihm geht. Einer der Polizisten mahnt sie, sie dürfe nicht mit ihrem Sohn reden.

„Wissen Sie, warum Sie heute hier sind?“, fragt die Richterin ernst.

„Weil ich böse war“, sagt Matayo ganz leise.

Er ist kaum zu verstehen. Zäh und unklar kämpfen sich die Worte aus seinem Mund.  

Die Richterin erklärt ihm, er habe Ärzte, Ärztinnen und Krankenpflegepersonal in “Furcht und Unruhe” versetzt. Er habe sich der gefährlichen Drohung und Körperverletzung schuldig gemacht. Sie stellt viele Fragen. Warum haben Sie gedroht, jemanden mit dem Messer abzustechen? Wie war es in der Untersuchungshaft in Linz? Haben Sie sich bereits bei den Geschädigten entschuldigt?

Matayo blickt die meiste Zeit auf den Boden. Wenn er antwortet, dann tut er dies in kurzen und knappen Sätzen. Die Richterin muss öfter nachfragen, weil man ihn kaum versteht.

In der Folge werden hintereinander fünf Zeugen aufgerufen, bei denen Matayo sich der Reihe nach entschuldigt. Darunter sind Mediziner und Pflegepersonal des AKH und des Rosenhügels.

Sie alle verzichten auf finanzielle Wiedergutmachung. Sie alle geben sich mit der  Entschuldigung zufrieden. Ein diplomierter Pfleger beschreibt detailliert, wie die Schutzfixierung damals abgelaufen sei. „Acht Personen haben ihn festgehalten und versucht, ihn ans Bett zu schnallen. Ich habe den rechten Fuß gehalten und natürlich hat er stark gezappelt und um sich getreten. Dabei wurde mein Handgelenk verletzt, das war aber sicher keine Absicht. Ich hätte mich auch gewehrt.“

Zeugin Nummer 5 ist eine der betreuenden Ärztinnen. „Sein Zustand ist sehr ernst zu nehmen. Ohne forensisches Setting geht das mit ihm nicht, das ist zu gefährlich“, appelliert sie an die Richterin, bevor sie den Saal wieder verlässt.

 

Anschließend wird eine Stellungnahme von der Psychiaterin Adelheid Kastner vom Neuromed-Campus in Linz vorgelesen. Sie empfiehlt dringend eine überwachte Unterbringung mit System. Matayo sollte nicht zuhause bei den Eltern bleiben, zu viel Gefahr würde von ihm ausgehen.

Auch die Diagnose der "komplexen Trauma-Folgestörung" wird von ihr angezweifelt. Psychose und Schizophrenie stehen da geschrieben. Die Eltern kommen in diesem Gutachten nicht besonders gut weg. Nora und Thomas Freilechner werden unruhig, als die Richterin diese Zeilen verliest. Sie gestikulieren, schütteln den Kopf. 

Eine anwesende Vertreterin der Jugendgerichtshilfe empfiehlt eine 1:1 Betreuung für Matayo. Die Richterin fordert schließlich die schnellstmögliche Unterbringung in einer speziellen Einrichtung. In Frage kommen in Matayos Fall ein betreutes Wohnhaus des Verein WOBES oder die sozialpsychiatrische Wohngemeinschaft Oase 3 (MA 11). Begleitend muss er seine Medikamente weiter nehmen, die Therapie bei der "Boje" fortführen sowie zwei weitere Therapien besuchen. 

40 Minuten nach Verhandlungsende öffnet sich die kleine, grüne Türe auf der Hinterseite des Wiener Landesgerichts und Matayo schreitet in die Freiheit. Vorerst zumindest. Seine Eltern schließen ihn ganz fest in die Arme.

Bis September 2019 sollte er in einem der beiden Häuser einen Platz haben. So die Weisung der Richterin. Aus Mangel an anderen Möglichkeiten, durfte er bis dahin nach Hause. 

Es war ein ruhiger Sommer

Über zehn Wochen am Stück lebte Matayo nun bei seiner Familie. “Es gab keine wilde Eskalation”, sagt die Mutter. Es sei vergleichsweise unkompliziert gewesen, Matayo bemühe sich enorm. Zudem sei er massiv mit Therapiestunden eingedeckt. Einer seiner betreuenden Therapeuten sagt, dass der Bub aktuell medikamentös gut eingestellt ist, dass er sehr bereitwillig alles auf sich nehme und dass es ihm gut geht. 

Doch das System steht nun vor einer weiteren Herausforderung. Beide Einrichtungen, die von der Richterin anvisiert wurden, haben abgesagt. Beide können Matayo nicht aufnehmen.

Somit gibt es in Wien und Umgebung keine Einrichtung, die sich um ihn kümmern könnte. Die Richterin hat bei der Verhandlung im Juni allerdings ganz klar durchblicken lassen, dass sie es für undenkbar hält, Matayo bei den Eltern leben zu lassen. Die Sicherheit der Bevölkerung hätte Priorität. “Jetzt stehen wir da. Nun warten wir, was das Gericht macht”, sagt Markus Drechsler.  

“Für diese Form der Erkrankung gibt es einfach keine adäquate Betreuung in Österreich. Mein Kind ist psychisch krank, niemand kann helfen”, sagt Nora Freilechner und gibt zu, dass auch sie und ihr Mann am Ende ihrer Kräfte angelangt sind. Die Ärztin ist von Berufswegen einiges an Stress gewohnt, doch das ist etwas ganz anderes.

"Darunter leiden wir"

Im ganzen Land fehlen Psychiater und Psychiaterinnen für Kinder und Jugendliche. Seit langer Zeit wird dies von vielen Seiten beklagt. In manchen Bundesländern gibt es kaum Fachärzte und Fachärztinnen mit Kassenvertrag. Auch Therapieplätze sind rar gesät. Kinder, die eigentlich dauerhaft ins Krankenhaus müssten, werden stationär behandelt, aber auch die Krankenhäuser erfüllen die quantitativen Vorgaben des Gesundheitsministeriums nicht. Gewisse Therapien hätte Matayo gar nicht bekommen, könnten seine Eltern es sich nicht leisten. 

“Es handelt sich bei der Kinder- und Jugendpsychiatrie um ein sehr junges Fach und darunter leiden wir”, sagt Dr. Christian Kienbacher, Ärztlicher Leiter des Ambulatoriums für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Wiener SOS-Kinderdorfs und Vorstandsmitglied der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit.

„Ein großes Manko sehen wir im Bereich der Psycho-, Ergo- und Logotherapien, dafür fehlen österreichweit die Kassenstellen.” Ein weiteres Problem: Psychische Krankheiten seien in unserer Gesellschaft noch immer nicht gleichgesetzt mit körperlichen Erkrankungen.

Und: Die Kinderpsychiatrie wurde vom Gesundheitsministerium zum Mangelfach erklärt. Es fehlt an Ärzten und Ärztinnen. “Dennoch tut sich aktuell etwas, aber wir bewegen uns von einem derzeit niedrigen Versorgungsniveau in ein bisschen höheres Versorgungsniveau. Wir sind also noch lange nicht da, wo wir sein sollten”, sagt Kienbacher

Ein besonderer Fall

Matayos Geschichte ist komplex. Aus der Forschung ist heute bekannt, dass adoptierte Kinder oft traumatische Erfahrungen gemacht haben, bevor sie zu ihren neuen Eltern kommen. Wie stark diese seelischen Belastungen wirklich sind, zeige sich meist erst im Heranwachsen. Zum Schulbeginn, in der Pubertät. Adoptivkinder hätten im Unterschied zu einem leiblichen Kind zudem ein erhöhtes Gesundheitsrisiko.

Eine ungewollte Schwangerschaft bedeutet Stress. Und der wirke sich schon auf das Kind im Bauch aus. War die Mutter alkoholabhängig oder drogensüchtig? All das hinterlässt Spuren auf der kleinsten Kinderseele. 

Für Nora Freilechner hat das System versagt. “Mein Sohn wurde im Zuge von seinen Akutbesuchen auf der Psychiatrie mehrmals angezeigt, daraufhin hätte ihm der Maßnahmenvollzug drohen können.” Es ist ihr ein Anliegen, dass die Öffentlichkeit das weiß. Dass ihr Bub in einer Anstalt für "geistig abnorme Rechtsbrecher" hätte landen können, sei unglaublich.

Hinzu komme nun das Problem, dass die Familie aufgrund der vielen Anzeigen keine ambulante Anlaufstelle mehr habe, sollte Matayo wieder einmal einen “Anfall” bekommen. Denn da könnte doch wieder die nächste Anzeige lauern. Und wer wisse, was dies für Konsequenzen hätte. 

“Ich will mich ab jetzt zusammenreißen”, das hat Matayo zur Richterin gesagt. Was sie nun tun wird, nachdem ihrer Weisung nicht gefolgt werden kann, da die beiden Einrichtungen abgesagt haben, bleibt abzuwarten. 

 

*Die Namen von Familie Freilechner wurden geändert

Update: Die Zukunft

Im Dezember 2019 bekommt Matayo schließlich eine gute Nachricht. Er ergatterte einen Platz in einem neu entwickelten Wohnprojekt namens TURN. Zielgruppe für die Aufnahme sind Jugendliche mit einer komplexen psychiatrischen Erkrankung, die oftmals auch mit einer chronischen und erheblichen Selbstgefährdung assoziiert ist. Im selben Gebäude befindet sich auch eine neu eröffnete ambulante Anlaufstelle und psychiatrische Tagesklinik für Kinder- und Jugendliche des PSD-Wien. Ärztlicher Leiter ist Patrick Frottier, der Matayo schon früher behandelt hat. 

März 2020. Eskalationen oder suizidale Gedanken gibt es nun keine mehr. Matayo fängt an, langsam wieder für die kleinen Dinge des Lebens Verantwortung zu übernehmen und das gefällt ihm. Doch nicht nur Matayo und seine Familie atmen auf. Jeder Arzt, jede Psychologin, jeder Mensch, der ihn auf diesem schwierigen Weg begleitet hat, atmet auf. Selbst wenn die Situationen der Vergangenheit für das Krankenhauspersonal manchmal so ausweglos waren, dass es keine andere Möglichkeit gab, als die Polizei zu rufen. Die Grenzen waren erreicht. Dass es Matayo heute besser geht und der junge Mann in eine Zukunft ohne Schmerz, Angst und suizidale Gedanken blicken kann, ist dennoch ein Erfolg der vielen.