© Getty Images/iStockphoto/Andranik Hakobyan/iStockphoto

Wissen Gesundheit
09/23/2021

Geladene Gesellschaft: Wenn die Corona-Wut überkocht

Aggression und Angriffslust: Corona polarisiert und spaltet. Immer öfter regt sich in der Bevölkerung Wut, die überkochen kann.

von Marlene Patsalidis

Für den 20-jährigen Studenten hätte es ein ganz normaler Montagsdienst an der Tankstelle im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein werden sollen. Pflichtbewusst wies er einen Kunden, der ohne Maske Bier kaufen wollte, auf die geltenden Corona-Regeln hin. Dieser ließ sich nicht überzeugen, verließ ohne Einkauf die Tankstelle. Wenig später kehrte er zurück und schoss dem Mitarbeiter aus nächster Nähe mit einer Pistole in den Kopf.

Sein Tatmotiv – dieses gab er selbst zu Protokoll – bleibt so eindeutig wie erschreckend: Es ging ihm um die Maske.

Wie die Maske ist inzwischen auch der Impf-Stich für Querdenker zum Sinnbild der Unterdrückung und Freiheitsberaubung geworden. Längst hat sich Widerstand formiert, der Ausdruck im Angriff findet. Unlängst gab das deutsche Bundeskriminalamt bekannt, dass vermehrt Politiker, Wissenschafter und Virologen bedroht und angefeindet werden. Beleidigungen oder Belästigungen von Lehrkräften nehmen laut aktuellen Umfragen ebenso zu.

Das Schussattentat von Idar-Oberstein sorgt über Deutschlands Grenzen hinaus für Entsetzen. Auch hierzulande sorgten dieser Tage bizarre Gewaltauswüchse für Schlagzeilen: In einer Wiener U-Bahn wurde einem Mann bei einer Schlägerei das Ohr abgebissen.

Sind solche Taten im Kontext der Pandemie Einzelfälle – oder gar die Spitze eines Eisbergs angestauter Aggression?

"Bei der Tat in Deutschland handelt es sich um einen Einzelfall, der als solcher benannt werden sollte", befindet der Psychiater und Gerichtsgutachter Reinhard Haller. "Es gilt, den psychischen Zustand des Täters zu untersuchen. Offenbar war er unmittelbar bereit, jemanden zu töten."

Seine überschießende Aggressionsgeladenheit könnte mit einer Wahnerkrankung in Zusammenhang stehen. Denkbar sei auch eine ausgeprägte Persönlichkeitsstörung als Wurzel der Gewaltbereitschaft.

Angestauter Ärger

In Krisenzeiten kochen Aggressionen hoch. Sie wurzeln in Gefühlen der Beklemmung und Ohnmacht, auch Frust und Angst können sich zu Wut und Zorn auswachsen. Haller: "Unsichere Zeiten verschärfen immer bestehende psychische Konflikte. Unzufriedene Menschen werden fanatisch, misstrauische paranoid, ängstliche neurotisch."

In der Pandemie zeige sich ein komplexes Bild: "Sie ist die größte menschliche Kränkung des 21. Jahrhunderts. Und hat dem Menschen bewusst gemacht, wie verletzlich, krankheitsanfällig und sterblich er ist." Auf Kränkungen reagieren wir aggressiv, mit Rachegefühlen und Wehrimpulsen. Durch wiederholte Lockdowns hat sich die Aufgebrachtheit gestaut.

Haller: "Gefühlsregungen konnten nicht im zwischenmenschlichen Austausch oder bei Freizeitbeschäftigungen abgeführt werden." Beengte Wohnverhältnisse taten in vielen Familien ihr Übriges. Oft seien die Auseinandersetzungen und Tätlichkeiten laut Haller allerdings unter den Anzeigenschwelle geblieben.

"Die Pandemie hat dem Menschen bewusst gemacht, wie verletzlich und sterblich er ist"

Reinhard Haller, Psychiater und Psychotherapeut

Paradies für Hater

Besonders deutlich bildet sich das brodelnde Reservoir an Wut und das Ausmaß der gesellschaftlichen Spaltung in den sozialen Medien ab. "Sie sind ein ideales Spielfeld für alle, die Aggressionen abbauen wollen", sagt Haller, der der virtuellen Entladung auch Positives abgewinnen kann: "Die Alternative wäre, dass sie durch echte Tätlichkeiten abgebaut werden. Von zwei schlechten Möglichkeiten ist es die bessere."

Derzeit fühlen sich die Impfskeptiker zunehmend unter Druck gesetzt – sie wechseln in den Angriffs- und Verteidigungsmodus. Haller warnt davor, alle Corona-Rebellen in einen Topf zu werfen: "Es muss uns klar sein, dass es sich nicht um eine homogene Gruppe handelt. Es gibt eine radikale – zugegeben, sehr laute – Minderheit, die den Ton der Diskussion bestimmt. Wir sprechen von zwei bis drei Prozent, die auch durch intensive Aufklärung nicht erreicht werden können." Im Gegenteil: "Sie igeln sich noch mehr in ihrer Haltung ein."

67.051 Gewaltdelikte scheinen in der Kriminalstatistik Österreichs 2020 auf. Das entspricht einem Minus von 8,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Durch die Pandemie und die gesetzten Maßnahmen ging die Kriminalität  insgesamt stark zurück.

21 Frauenmorde gab es bisher 2021. 31 waren es im Jahr 2020.

30 Prozent der Befragten nahmen während des ersten Lockdown "mehr innerhäusliche Spannungen wahr" – laut Umfrage im Auftrag des Innenministeriums.

Das Spaltungsphänomen nur der Politik zuzuschreiben, hält Haller für eine "billige Projektion: Wir haben es mit einem unberechenbaren Erreger zu tun, die Wissenschaft hat Großartiges geleistet, lag in ihren Prognosen aber auch oft falsch."

Letztlich liege es am Einzelnen, in der Krise souverän und solidarisch zu agieren: "Wenn wir zusammenhalten, haben wir eine Chance gegen das Virus."

Wie man mit Ärger und Frust umgeht – und wo Opfer im Ernstfall Hilfe finden.

Wenn Wutgefühle nicht ins Alltagsleben integriert und stattdessen unterdrückt und verdrängt werden, schafft sich die heftigste aller Gefühlsregungen andere Ventile. Im dramatischsten Fall entlädt sich zurückgehaltener Wutstau im Affekt.

Wut und Zorn gelten als verpönte Emotionen. Der Umgang damit will gelernt sein, weiß Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller: „Die Wut im Bauch muss umgesetzt werden, daran führt kein Weg vorbei“, sagt er. "Das kann auf sozial unverträgliche Weise durch Protest, Wutausbrüche und Aggressionshandlungen geschehen. Aggressives Potenzial kann aber auch durch körperliche Betätigung gebunden werden."

Dazu bieten sich in unserem stark sitzenden Alltag kaum noch natürliche Gelegenheiten. Umso wichtiger sei es, die entlastende Funktion von Sport – aber auch künstlerischem Schaffen – zu kennen.

Worte finden

Die eigene Wut in Worte zu fassen, ist immer hilfreich. "Wenn man Dinge zu Wort bringt, verlieren sie ihre Schärfe, werden fassbarer und sind nicht mehr so anstachelnd", erklärt Haller. Sich in die Lage jenes Menschen zu versetzen, der Auslöser oder Zielscheibe des Ärgers ist, aktiviert "das kostbarste Gefühl des Menschen: die Empathie".

Die Digitalisierung geht laut Haller unweigerlich mit einer gewissen "Gefühlsferne" einher. Das Gesicht und die Fassung zu wahren, gelte heute als erstrebenswert. "Dabei wird vergessen, dass hinter dem Pokerface ein verletzlicher – oder bereits verletzter – Mensch steht."

Unterstützung suchen

In Österreich hilft die Verbrechensopferhilfe WEISSER RING Opfern von Straftaten mit Beratung und psychosozialer wie juristischer Prozessbegleitung. Frauennotrufe (01 71 71 9) und Frauenberatungsstellen (frauenrechtsschutz.at) sind Anlaufstellen für Fragen im Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen. Die Männerberatung (maenner.at) bietet Unterstützung für Männer in Krisen.

Aggressionstaten lassen sich aber nicht aufseiten der Opfer lösen, ist Haller überzeugt. Die Stärkung von Beratungsstellen für Opfer sei unabdingbar. "Es braucht aber auch Täterarbeit, um ihren Selbstwert – dieser spielt bei Gewalttaten immer eine Rolle – zu stärken und innere Überzeugungen zu reflektieren."

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.