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Wissen Gesundheit
01/05/2021

Nach eigener Corona-Erkrankung: Was tun gegen Schuldgefühle?

Corona-Infizierte plagen oft Gewissensbisse – durch Gespräche können sie sich verflüchtigen.

von Marlene Patsalidis

Fieber, Husten und Gliederschmerzen fesselten Kristina Gregory vor einigen Wochen fest ans Bett. Familie und Freunden musste ihr Lebensgefährte von ihrer Corona-Infektion berichten, erinnert sich die US-Amerikanerin im Gespräch mit der Gesundheitsplattform Heathline. Neben den quälenden Symptomen hielt sie noch etwas anderes davon ab: Scham – und Schuldgefühle.

Mit ihren Gewissensbissen ist Gregory nicht allein. Viele Covid-Erkrankte machen sich weniger Sorgen um die eigene Gesundheit, sondern vielmehr darüber, dass sie andere angesteckt haben könnten. Corona-Kranke weisen nicht nur drastisch erhöhte Angst- und Depressionswerte auf, warnte die deutsche Bundespsychotherapeutenkammer kürzlich. Erkranken Angehörige schwer oder sterben gar, könne es "zu lang anhaltenden Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen kommen".

Sozialer Kitt

Schuldgefühle gelten als soziale Emotion. In gesellschaftlichen Gefügen erfüllen sie eine wichtige Funktion: "Sie wirken ausgleichend, regulierend, ja fast korrigierend", weiß Psychotherapeut Gerhard Steiner. Was als Reaktion auf Fehlverhalten, Pflichtverletzungen oder Entgleisungen entsteht, schafft auch Ausgleich im zwischenmenschlichen Geben und Nehmen. Reue kann Lernprozesse in Gang setzen, die umsichtigeres Verhalten beim Einzelnen entstehen lassen. Steiner sieht darin gerade jetzt Potenzial: "Wenn man nach einer Ansteckung moralische Zweifel am eigenen Verhalten hegt, bietet es sich an, die Situation und ihre Entstehungsgeschichte zu reflektieren. 'Habe ich Hygienemaßnahmen missachtet? Oder ist die Infektion schicksalhaft und unvermeidbar gewesen?'"

Wichtig sei, Schuld von Schuldgefühlen zu unterscheiden: "Schuldgefühle sind nicht immer an Schuld geknüpft. Wer Schuld hat, muss sich nicht zwingend schuldig fühlen. Wer sich schuldig fühlt, muss nicht notwendigerweise schuld sein."

Gerade in Zeiten der Pandemie wird auf Solidarität und Zusammenhalt zur Eindämmung des Virus gepocht. Gleichzeitig bieten Gefühle von Kontrollverlust und Machtlosigkeit einen Nährboden für Selbstvorwürfe.

Erlernte Muster

Aus Studien weiß man inzwischen, dass Kinder ab dem sechsten Lebensjahr zur komplexen Emotion des Schuldgefühls fähig sind. Mädchen erreichen den Meilenstein der moralischen Entwicklung im Schnitt etwas früher.

Ein Schuldempfinden ohne eigenes Verschulden kann anerzogen werden, weiß Steiner. Ob Schuldgedanken einen ausgeprägten Charakter annehmen, hängt oft mit kindlichen Prägungen zusammen. "Kinder haben die Tendenz, Schuld auf sich zu nehmen. Durch elterliche Erziehung, zum Beispiel durch autoritäre väterliche Dominanz oder sehr strenge religiöse Gläubigkeit, kann das verstärkt werden." Auch frühe Gewalterfahrungen könnten dazu führen, "dass Erwachsene die später in Krisen Fehler stets bei sich suchen".

Wer tagelang in der reuevollen Gedankenspirale verharrt, sollte sich an sein Umfeld wenden oder professionelle Hilfe suchen. "Sorgen auszusprechen, kann entlastend sein", weiß Steiner. Er rät dazu, mit der Person, gegenüber der man Schuldgefühle empfindet, ein offenes Gespräch zu suchen. Das räumt Missverständnisse aus dem Weg und befreit von Zweifeln.

Akzeptanz
Schuldgefühle  gehören genauso zum Leben wie Hoffnung, Vergnügen oder Mut. Sie sollten als Teil einer reifen Emotionspalette anerkannt werden

Analyse
Zu reflektieren, ob Schuldempfinden angebracht ist oder in eine zwanghafte Richtung driftet, ist für den Umgang damit wichtig

Bewusstsein
Wer erkennt, dass Schuldgefühle negative Gedankenspiralen oder gar depressive Symptome auslösen, sollte Hilfe und Rat bei Experten suchen

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